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02.02.2016 07:28:00

Kolumne
Robert Halver

Europa - das unterschätzte Systemrisiko


Seit dem Zusammenbruch der Berliner Mauer hat sich Europa immer mehr integriert. Endlich, nach jahrhundertelangem Zwist, schien ein Happy End, eine harmonische Gemeinschaft, ja ein Märchen wahr geworden zu sein. Wenn ich allerdings heute auf Europa schaue, wird mir sehr schnell klar, warum Märchen immer unmittelbar nach der Hochzeit des Prinzen und der armen Dienstmagd enden. Denn dann fangen die Beziehungsprobleme erst an.

von Robert Halver

Seit dem Zusammenbruch der Berliner Mauer hat sich Europa immer mehr integriert. Ein starkes gemeinsames Gegengewicht gegen die "Großkopferten" in Amerika, Russland oder in den aufstrebenden Schwellenländern wie China schien sich tatsächlich zu etablieren. Schließlich fielen mit dem Schengener Abkommen auch die Binnengrenzen in der EU, was mit der dann einsetzenden Freizügigkeit von Personen, Gütern und Dienstleistungen auch ein Turbo für die europäische Wirtschaft, gerade auch für die deutsche darstellte. Endlich, nach jahrhundertelangem Zwist in Europa schien ein Happy End, eine harmonische Gemeinschaft, ja ein Märchen wahr geworden zu sein.

Wenn ich allerdings heute auf Europa schaue, wird mir sehr schnell klar, warum Märchen immer unmittelbar nach der Hochzeit des Prinzen und der armen Dienstmagd enden. Denn dann fangen die Beziehungsprobleme erst an. Auch in Europa folgte auf die grenzenlose Harmonie der schnöde Alltag. So brach im verflixten siebten Jahr der Eurozone die Wirtschaft ein. Und 2010 begann mit Griechenland die Euro-Stabilitätskrise. Damals war man gerne bereit - um des lieben Euro-Friedens willen - alle Stabilitätskriterien aufzugeben. Da damit aber die eigentlichen Grundlagen für die Euro-Vermählung nicht mehr gegeben waren, entzogen die Finanzmärkte diesem Bündnis das Vertrauen. Mit massiv ansteigenden Renditen wurde aus der Stabilitäts- die Staatsschuldenkrise, die die Eurozone nahe an die Scheidung brachte.

Irgendwie musste eine neue großzügige Mitgift her, um aus der einstigen Euro-Liebesbeziehung zumindest eine stabile Zweckehe zu machen. Diese kam schließlich vom Kuppelbruder Mario Draghi, obwohl doch seine EZB eigentlich dem Stabilitätsschwur der Deutschen Bundesbank verpflichtet war. Aber was tut man nicht alles für den guten Zweck, für die Rettung einer Ehe-ähnlichen Gemeinschaft, der Euro-Währungsunion. Wer will sich denn da so stabilitäts-spießig zeigen?

Ja, er kam, sah und siegte bei der Euro-Rettung. Die EZB unterdrückte mit ihrem dicken, nie versiegenden Portemonnaie jede harmoniebedrohende Finanz-, Staatsschulden- und Bankenkrise und das sogar kostenfrei, ohne jegliche Gegenleistung. Ohne Mario Draghis zinsdrückende sintflutartige Geldpolitik hätten wir längst Euro-Bonds, die aber Deutschlands Euro-Liebe beeinträchtigt hätte, auch weil unsere Bürgschaft Renditeaufschläge für unsere Staatspapiere bedeutet hätte. Überhaupt, eine schwarze Null oder gar Überschüsse wären dann für den deutschen Staatshaushalt nie erreichbar gewesen.

Mit geldpolitischen Gnaden also hatte sich das EU-Gemeinschaftswerk wieder stabilisiert. Auf die so gekittete Euro-Beziehung reagierten die Aktienmärkte grenzenlos positiv.

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