INTERVIEW

Gottfried Heller: Wenn die Brexit-Fans scheitern, winkt eine Börsen-Hausse

Gottfried Heller: Wenn die Brexit-Fans scheitern, winkt eine Börsen-Hausse

WKN: 890177 ISIN: JP3299200000 Cox Co Ltd

23.06.2016 20:26:00

Börsen-Altmeister Gottfried Heller rechnet trotz knapper Umfragewerte zwischen EU-Befürwortern und -Gegnern nicht mit einem Brexit. Was ihn so zuversichtlich stimmt, warum wir Deutschen die Briten brauchen. Von Thomas Schmidtutz

Herr Heller, am 23. Juni stimmen die Briten über den Verbleib in der EU ab. Die Brexit-Fans gewinnen weiter an Zuspruch. Die Börsen reagieren zunehmend nervös. Ist das nur Theaterdonner oder wird es womöglich wirklich ernst?


Die Umfragen melden ein Kopf-an-Kopf-Rennen, die Wetten bei dem Wettbüro "betfair" dagegen zeigen 72 Prozent für den Verbleib und nur 22 Prozent für den Austritt. Die Umfragen sind weniger zuverlässig, weil sie zum Teil auf Emotionen basieren. Doch beim Geld, das man bei Wetten einsetzt, setzt der Verstand ein. Daher sind die Wettergebnisse zuverlässiger und sie deuten mehrheitlich auf einen Verbleib der Briten in der EU hin.

Die Ermordung der Labour-Abgeordneten Jo Cox, die für den Verbleib geworben hat, dürfte sich negativ für die Brexit-Befürworter auswirken.

Welche wirtschaftlichen Folgen hätte ein Briten-Austritt denn für die britische Wirtschaft und die EU und Deutschland?


Die wirtschaftlichen Folgen wären auf beiden Seiten negativ, auf EU-Seite am meisten für Deutschland. Aber wirtschaftlich wäre der Schaden für die Briten am größten, vor allem beim Finanzsektor. Die City hat einen erheblichen Anteil, sowohl was Jobs als auch was das Steueraufkommen betrifft. Aus der Sicht der Briten stellt sich die EU wirtschaftlich alles andere als eine dynamische Wachstumszone dar. Die Zahlen des kumulierten Wirtschaftswachstums von 2000 bis 2015 liefern eine niederschmetternde Botschaft: Demnach betrug es in Großbritannien + 33%, in der EU + 21%, in Deutschland + 19% und in der Eurozone + 17%. Im Klartext: Das Wachstum in Großbritannien, das nicht den Euro eingeführt hat, war doppelt so hoch, wie das Wachstum in der Eurozone.

Ein Austritt eines Landes aus der EU müsste binnen zwei Jahren abgeschlossen sein. Ist das angesichts der engen Verflechtung realistisch oder droht eine lang anhaltende Phase der Unsicherheit?


Es ist zu erwarten, dass der Wunsch besteht, den Kollateralschaden für beide Seiten so gering wie möglich zu halten. Natürlich würde die EU darauf achten, den Briten nicht allzu viele Konzessionen zu machen, um nicht andere EU-Mitglieder zu ermutigen, es den Briten gleichzutun. Aber auch innerhalb Großbritanniens gäbe es große Verunsicherung. Die Schotten haben schon mit einem erneuten Referendum zum Austritt aus dem Vereinigten Königreich gedroht, denn sie profitieren sehr stark von der EU und wollen mehrheitlich in der EU bleiben. Auch in Nordirland, das wirtschaftlich sehr stark mit der Republik Irland verflochten ist, würde es große Schwierigkeiten geben. Würde die Volksbefragung diesmal erfolgreich verlaufen, würde Britannien ein Drittel seiner Landmasse verlieren. Die Brexit-Befürworter spielen mit dem Feuer: Aus "Großbritannien" könnte "Kleinbritannien" werden.

Auf Seite 2: Wie die Finanzmärkte auf einen Brexit reagieren könnte



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Bildquelle: Fiduka
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