Klaus Nieding ist einer der renommiertesten Anlegerschützer Deutschlands. Er ist Vorstand einer Anwaltskanzlei sowie Präsident des Deutschen Anlegerschutzbundes. Nieding ist zudem Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.
In BÖRSE ONLINE gibt er seine persönliche Meinung wieder.
Momentan vergeht kein Tag, an dem nicht über die europäische Schuldenkrise berichtet wird. Haupttenor meist: Die Märkte treiben die Politik vor sich her, die Staaten sind nur hilflose Spielbälle. Doch wer sind eigentlich diese „Märkte“? Mitunter entsteht der Eindruck, es handele sich um eine allmächtige, im Verborgenen operierende Geheimloge. Doch die Wirklichkeit eignet sich deutlich weniger für Verschwörungstheorien: „Die Märkte“ sind schlicht und einfach „wir alle“. Zumindest dann, wenn wir eine Lebens- oder Rentenversicherung, einen Fondssparplan oder eine Riester-Rente besitzen, denn Versicherungen, Pensionskassen oder Fondsgesellschaften sind die großen Player am Markt. Die vielge- scholtenen Hedge-Fonds stellen hingegen nur einen Bruchteil des gehandelten Kapitalvolumens.
Die viel zitierte Marktmeinung setzt sich aus Einzeleinschätzungen der Marktteilnehmer zusammen, die die Rendite ihrer Investition optimieren wollen. Unerheblich ist, ob es sich
um einen Portfoliomanager oder einen Privatanleger handelt. Überraschend ist, dass es trotz gleichgerichteter Interessen nicht zu einer umfassenden Einigkeit kommt. Dies ist zwingend notwendig, ansonsten käme schlicht kein Handel zustande. Wenn alle Investoren fest von dem Potenzial einer Aktie überzeugt wären, gäbe es keine Verkäufer. Wenn alle glaubten, dass der Euro kippt, wäre die Währung schon untergegangen. Doch was treibt nun die Politiker vor sich her, wenn es die Märkte nicht sind? Als mögliche Verdächtige bleiben die Ratingagenturen. In welch krassem Gegensatz die große öffentliche Bedeutung dieser Institute zu ihren mäßigen Prognosen steht, hat bereits die Immobilienkrise eindrucksvoll bewiesen. Rechtzeitige Warnungen waren an einer Hand abzuzählen. Insofern sollten die aktuellen Beurteilungen, die Standard & Poor’s und Konkurrenten über die in Staatspapieren schlummernden Risiken abgeben, mit Vorsicht genossen werden.
Doch wenn auch nicht die Ratingagenturen die Treiber sind, bleiben nur die Staaten selbst als Verursacher. Für die Finanzierung enormer Schuldenberge wird seit Langem auf eine Art Schneeballsystem zurückgegriffen: Eingeworbene Gelder wer- den nicht gewinnbringend investiert, sondern konsumiert. Zinsen der alten Schulden werden mit der Aufnahme neuer Schulden bezahlt. Das funktioniert so lange, wie Anleger darauf vertrauen, dass der Staat auch künftig seine Schulden beglei- chen kann. Beim hoch defizitären Griechenland ist das nicht mehr der Fall, sodass die Refinanzierung stockt. Doch statt Konsequenzen zu ziehen, wird über die Einführung einer Finanz- transaktionsteuer im Euro-Raum fabuliert. Die Belastungen durch eine solche Steuer würden einzelne Kapitalanlageprodukte entsprechend verteuern. Folge wäre die Abwanderung von Investoren nach London oder anderswo. Und die Einführung der häufig als Heilmittel gepriesenen Euro-Bonds würde zu einer Verteuerung der Refinanzierung des deutschen Staates führen. Vor allem aber entfiele der Anreiz für angeschlagene Mitgliedsländer, den eigenen Staatshaushalt durch Sparprogramme zu sanieren. Die Euro-Zone wird nur dann überleben, wenn die beteiligten Staaten alle an einem Strang ziehen, und das in dieselbe Richtung. Das wird dann auch die Finanzmärkte wieder beruhigen.
Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit! Schreiben Sie uns zu diesem Beitrag Ihren Kommentar. Wir freuen uns über einen lebhaften Austausch.
Die neue Ausgabe von BÖRSE ONLINE erscheint am 9 Februar. Sollten wir Ihr Interesse geweckt haben, dann schließen Sie doch gleich ein Probeabo ab. Informieren Sie sich in unserem
Abo-Shop.
Empfehlen