Stell Dir vor, es ist Finanzkrise, und ein Lebensversicherer geht pleite: Dann steht ein Sicherungsfonds der Branche bereit. Der Schutz hat allerdings einige Löcher.
Versicherer erscheinen derzeit weniger gefährdet als Banken. Hintergrund: Viele Kreditinstitute geraten in Schieflage, weil sie aus der Branche kein Geld mehr geliehen bekommen. Versicherungen erhalten hingegen regelmäßig Einnahmen in Form von Prämien – auch in der Krise. Doch können Versicherer im Zuge der Turbulenzen durchaus noch in Schwierigkeiten geraten. Erstens, wenn ihre Verpflichtungen in immense Höhen steigen; so geschehen beim einstigen Weltmarktführer, dem amerikanischen Konzern
AIG. Zweitens, wenn die Investments einer Firma stark an Wert verlieren. Das passierte beispielsweise im Jahr 2003 bei der Mannheimer Leben. Sie hatte sich am Aktienmarkt verspekuliert; ihre Policen und Kapitalanlagen wurden von Protektor, der Auffanggesellschaft der Lebensversicherungs-Branche, übernommen.
Protektor steht auch heute bereit, für marode Unternehmen einzuspringen. Allerdings sucht die Finanzaufsicht BaFin vor einer solchen Lösung üblicherweise zuerst einen Übernehmer in der Branche. Nur wenn das nicht glückt, werden die Versicherungsbestände an einen Sicherungsfonds übertragen, den Protektor verwaltet. Dieser Fonds ist mit 375 Millionen Euro ausgestattet, die aus Pflichtbeiträgen von Versicherungsunternehmen stammen. Das ist zwar sehr wenig Geld, wenn man es mit jenen 681 Milliarden Euro vergleicht, die deutsche Lebensversicherer an Kapitalanlagen besitzen.
Sicherungsfonds mit Vier-Stufen-Programm
Doch müssen die Mittel, wenn nötig, in mehreren Stufen aufgestockt werden. Erste Stufe ist eine Erhöhung der Gelder um 650 Millionen Euro durch die Branche. Falls dies immer noch nicht reicht, können die Auszahlungen eines notleidenden Unternehmens an die Kunden um maximal fünf Prozent gekürzt werden; beispielsweise würden Empfänger privater Renten dann im Monat statt 1000 Euro nur noch 950 Euro erhalten. Letzter Schritt wäre, dass alle Unternehmen ihre versicherungstechnischen Netto-Rückstellungen angreifen müssten, deren Höhe in etwa jener der Kapitalanlagen entspricht. Davon würden im Höchstfall ein Prozent – das entspricht derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro – für die Rettung eingesetzt. Konkret würde Protektor von diesem Geld Kapitalanlagen kaufen, um die Auszahlungs-Verpflichtungen abdecken zu können.
Und falls auch das nicht reichen sollte? „Dann wäre vermutlich, wie aktuell im Falle der Banken, der Staat gefragt“, sagt Jörg Westphal, Vorstandsvorsitzender von Protektor. Zwar habe die Europäische Union jüngst festgestellt, dass die deutsche Art der Absicherung die Beste in der ganzen Gemeinschaft sei. „Aber es kann kein System geben, das immer funktioniert.“ Beispielsweise könnte laut Westphal bei einer Kündigungswelle von Kunden eine ähnliche Situation wie bei Banken entstehen: „Die vorhandenen Mittel würden im Extremfall nicht ausreichen, um die Forderungen abzudecken.“ Der Vorstandschef hält diesen Fall aber für „äußerst unwahrscheinlich“, weil die Kunden die Mittel zumeist zur Altersvorsorge angelegt hätten und bei Kündigungen zudem mit Storno-Abschlägen rechnen müssten. Nächstes Problem: Versicherer haben einen Gutteil ihrer Kapitalanlagen bei Kreditinstituten geparkt. Könnte da die Schieflage einer Bank nicht einige Schwierigkeiten bringen? „Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich“, sagt Westphal. Immerhin seien auch Einlagen von Unternehmen von den Sicherungseinrichtungen des Bankgewerbes abgedeckt.
Finanzaufsicht erwartet deutlich sinkende Kapitalerträge
Die Finanzaufsicht BaFin selbst sieht die Stabilität des deutschen Versicherungssystems nicht gefährdet. Amtssprecher Benjamin Fischer sagte, sein Haus habe vor dem Hintergrund der Subprime-Krise seit Juni 2007 mehrfach ausgewählte Erst- und Rückversicherern über die Auswirkungen der Krise und ihre Anlagerisiken befragt. "Diese Abfragen haben immer ergeben, dass die finanziellen Auswirkungen der Subprime-Krise auf die deutsche Versicherungswirtschaft begrenzt sind." Allerdings seien die Versicherer wichtige Investoren und unterlägen damit auch den indirekten Auswirkungen der aktuellen Kapitalmarktverwerfungen. "Wie alle am Finanzmarkt Beteiligten müssen sie sich deshalb auf deutlich sinkende Kapitalerträge einstellen", sagte Fischer. Einbrüche wie bei
AIG seien jedoch nicht zu erwarten. Die Verluste dieses Konzerns resultierten nicht aus dem Versicherungsgeschäft, erklärte der Sprecher, sondern aus sogenannten Credit Default Swaps und aus dem allgemeinen Wertpapierportfolio. "Deutsche Versicherer haben – auch wegen des Verbots versicherungsfremder Geschäfte – keine mit
AIG vergleichbaren Geschäfte getätigt."
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