Christian Grabbe ist als Derivatespezialist bei der Münchner
Wertpapierhandelsbank Baader verantwortlich für alle Derivategeschäfte.
In BÖRSE ONLINE schreibt der von den Emittenten
unabhängige
Experte über Trends und Entwicklungen am deutschen
Zertifikatemarkt.
E-Mail: perspektiven@boerse-online.de
Das Jahr 2009 war ein ungewöhnliches Börsenjahr, und das nicht nur, weil sich die Aktienmärkte weit besser als selbst von ausgewiesenen Profis erwartet erholt haben. Dieses Jahr hat eindrucksvoll gezeigt, wie schnell sich Anleger an die Krise und deren Folgen gewöhnen konnten. Hatten uns vor Jahresfrist noch die Milliardenverluste der Investmentbanken in Angst und Schrecken versetzt, reicht mittlerweile selbst der tiefe Fall des Golfstaats Dubai mit seinen 80 Milliarden Dollar an Verbindlichkeiten nicht mehr aus, um den Deutschen Aktienindex (DAX) auch nur mehr als zwei Handelstage unter Druck zu setzen. Und dass eine Billion 12 Nullen hat, wissen mittlerweile auch Menschen ohne Mathe-Diplom. Riesige Budgetdefizite? Null problemo.
Gewöhnungsprozesse haben leider auch eine andere, unerwünschte Nebenwirkung. Sie verhindern die Umsetzung notwendiger Veränderungen, die sich eigentlich aus der Krise ergeben müssten. Menschen halten solange wie möglich am Status quo fest. Wenn sich dann noch der DAX mehr als 60 Prozent von seinem tiefsten Punkt erholt, sinkt im selben Tempo, wie die Kurse nach oben gehen, die Bereitschaft, wichtige und notwendige Einschnitte vorzunehmen. Und damit meine ich keineswegs eine bürokratische Überregulierung der Finanzmärkte. Vielmehr geht es etwa um eine neue, andere Bewertung von Risiken.
Nun werden die entsprechenden Modelle, die in der Krise bereits versagt haben, keiner kritischen Prüfung unterzogen. Dabei haben sie auch in weniger turbulenten Zeiten nicht immer zuverlässig funktioniert. Aber weil sich die Märkte in den Augen vieler Akteure wieder beruhigt haben, kann ja alles bleiben wie gehabt, meinen viele.
Und die Privatanleger? Ich traf kürzlich einen guten Freund, den man durchaus als ein Lehman-Opfer bezeichnen könnte. Er strahlte übers ganze Gesicht. Denn sein Bankberater hatte ihm, dem „Premium-Kunden“, wie er stolz zitierte, in Aussicht gestellt, 70 Prozent der Summe erstattet zu bekommen, die er wegen des Zusammenbruchs des Emittenten mit seinen Zertifikaten erlitten hatte. Aber noch bevor das Geld auf dem Konto war, tat er etwas, was er sich selbst noch ein paar Tage zuvor nicht in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können: Auf Empfehlung seines Beraters hatte der „Premium-Kunde“ den unerwarteten Gewinn aus der Rückzahlung – nennen wir ihn der Einfachheit halber Windfall-Profit – unversehens in ein innovatives und ganz sicher hochrentables Produkt gesteckt. Dabei hatte er sich doch geschworen, nie wieder zu spekulieren. Und als ihn abends seine Frau beim Ins-Bett-Gehen kopfschüttelnd fragte, ob er denn überhaupt nichts aus der Lehman-Story gelernt habe, hauchte der gute Freund: „Liebling, es war doch alles nur auf Papier.“ Um mit fester Stimme fortzufahren: „Und jetzt weiß ich ja, wie es funktioniert.“

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