Grabbe

Christian Grabbe Menge der Zertifikate ist kein Mehrwert mehr

[10:44, 16.03.11]




Christian Grabbe ist bei der Münchner Wertpapier­handelsgesellschaft Baader Bank für alle Derivategeschäfte verantwortlich.

In BÖRSE ONLINE schreibt der von den Emittenten unabhängige Experte über Trends und Entwicklungen am ­deutschen Zertifikatemarkt.


Allen Unkenrufen zum Trotz: Zertifikate werden wieder akzeptiert. Wer hätte das nach dem Sündenfall  Lehman gedacht? Offensichtlich werden Zertifikate als eine notwendige Ergänzung im Anlagespektrum erkannt. Mit ihrer Renditeoptimierung lässt sich auf aktuell hohem Kursniveau in sie beruhigter investieren als in die klassischen Anlageformen Aktie oder Fonds. Und auch die zunehmend beliebten Exchange-Traded Funds bieten nur Rendite, wenn die Märkte weiter zulegen.

Das Augenmerk der Anleger richtet sich auf vier Zertifikatetypen. Neben den defensiven Garantieprodukten sind es vor allem Discount- und Bonusprodukte, die von dem neu erwachten Interesse an der Aktienanlage profitieren. Daneben werden Expresszertifikate vertrieben. Dabei stellen sie auch für den Selbstentscheider eine interessante Ergänzung des Anlageuniversums dar.

Uneinheitlicher ist die Verteilung auf die zugrunde liegenden Basiswerte. Grundsätzlich ist eine Entwicklung weg vom Index hin zur Einzelaktie zu beobachten. Dabei sind in steigendem Maße Auslandswerte wie Apple gefragt, die sich vom Gesamtmarkt abheben. Unter den Anlageregionen sind noch immer die Emerging Markets gefragt. Während institutionelle Investoren oftmals ihr Kapital aus diesen Ländern abgezogen haben, nutzen Privatanleger die Kursrückgänge zu Neuenga­gements. Es spricht vieles dafür, dass dieser Mut belohnt wird. Auch das Interesse an Gold und Silber als Krisenwährung und Inflationsschutz nimmt gegenwärtig deutlich ab. Dagegen ist das Interesse am Basiswert Öl im Zusammenhang mit den Demokratisierungsbemühungen in der arabischen Welt gestiegen. Doch Vorsicht: Es handelt sich um eine kurzfristige Sondersituation. Wer langfristig anlegen will, sollte die relativ teure Ölsorte Brent meiden und auf das amerikanische WTI setzen! Rohstoffe wie Lithium und Silizium sind eine gute Ergänzung und dokumentieren die positive Erwartung der Anleger auf eine weiter anziehende Weltkonjunktur.

Worauf gilt es aktuell zu achten? Bei Bonuszertifikaten und anderen Produkten mit Barriere sollte ein großzügiger Sicherheitsabstand gewählt werden. Bei aller Zuversicht muss die Sicherheit in der Anlage an erster Stelle stehen. Bei den Discounts lohnt sich ein Blick über die deutschen Grenzen hinaus. Die Renditen beim Euro Stoxx liegen deutlich oberhalb derer des DAX. Noch immer gibt es Ablehnung gegenüber amerikanischen Anbietern. Wenn diese ihre oftmals hohen Finanzierungskosten als Renditevorteil im Zertifikat weitergeben, sind sie eine echte Alternative.

Insgesamt nimmt die Produktvielfalt mittlerweile erschreckende Ausmaße an. Geht die Entwicklung der ersten zwei Monate über das Jahr weiter, werden zum Jahresende nahezu eine Million Produkte in Deutschland gelistet sein. Einen Mehrwert stellt die Menge der Zertifikate mittlerweile nicht mehr dar. Ob die Emittenten bei starken Markt­bewegungen die Produktmenge beherrschen, muss erst bewiesen werden. Die Gelegenheit dazu wird kommen. Denn die Märkte bleiben volatil. Dennoch führt kaum ein Weg an der Aktie vorbei. Steigende Inflation, konjunkturelle Entwicklung und nicht zuletzt das hohe Maß an verfügbarer Liquidität lassen auf unter Schwankungen weiter steigende Märkte hoffen. Ein guter Grund für Zertifikate!

 



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