Was für ein Börsenjahr liegt hinter uns. Mit Fukushima, Arabellion und Staatsschuldenkrise wurden die Marktteilnehmer gleich mit drei starken, negativen Einflüssen auf die weltweiten Kurse konfrontiert. Die Volatilität erreichte Rekordwerte. Bankaktien litten wie keine anderen Branchentitel, einige Institute mussten gestützt oder gar verstaatlicht werden, Zentralbanken fluteten die Märkte mit Liquidität, Politiker jagten von einem Krisengipfel zum nächsten, und das Gespenst vom Scheitern des Euro und vom Zerfall der Europäischen Union macht die Runde. Und die Anleger? Die analysierten, suchten Alternativen, nutzten die hohe Volatilität für den Einsatz von Derivaten und zockten fleißig bei jedem neuen Kursrutsch mit. Von Panik war wenig zu spüren. Überhaupt ist es verwunderlich, wie wenig die sonst als so negativ eingestellt geltenden Deutschen sich von den Krisenszenarien haben anstecken lassen. Grund ist wohl die starke Rolle der deutschen Industrie im globalen Wettbewerb. In Deutschland zog die Beschäftigung weiter an, der Ruf nach qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland wurde lauter. Sogar der Konsum, seit vielen Jahren das Sorgenkind der deutschen Volkswirtschaft, brachte konjunkturelle Unterstützung. Auch wenn die Wolken immer dunkler werden, noch steht Deutschland so gut wie selten zuvor da. Dass das so bleibt, liegt in unser aller Interesse. Grundvoraussetzung ist aber ein einheitliches Europa mit einer Währungsunion. Ein solches Europa hat uns den heutigen Wohlstand beschert. Und: Die Deutschen haben mit der Agenda 2010 eine Strukturreform erreicht, die heute das Rückgrat des wirtschaftlichen Erfolgs darstellt. Das müssen die anderen Europäer nun nachholen. Dafür benötigen sie unsere Unterstützung – im Interesse eines einheitlichen Europas und unter der Voraussetzung, die nötigen Reformen auch umzusetzen.
Das alles lässt auch für 2012 kein gutes Börsenjahr erwarten. Die Notwendigkeit zum Sparen wird über lange Zeit Ballast für die Börsen sein. Eine sich eintrübende Weltkonjunktur drückt zudem auf die Kurse. Eine Politik, die die unterschiedlichsten Bedürfnisse der europäischen Kulturen, Ängste und Sorgen, aber vor allem die verschiedensten Interessen von Politikern und Parteien berücksichtigen muss, hält die Volatilität hoch. In der zweiten Jahreshälfte jedoch könnte eine Verbesserung sichtbar werden und Europa wieder langsam Wachstum aufnehmen. Für Anleger wird es schwer, in so einem Umfeld geeignete Investitionen zu tätigen. Eine genaue Selektion der Aktien ist unabdingbar. Für ein Engagement in Banktitel ist es zu früh. Die aktuelle Konzentration auf den DAX als Indexinvestment wird nachlassen. Auch hier belastet die hohe Gewichtung der Finanzbranche. Nur bei erneut starken Kursverlusten Richtung 5000 Punkte ist der Index interessant. Gleiches gilt für Engagements in Gold. Nur bei einem sich weiter negativ entwickelnden Umfeld kann die Krisenwährung gewinnen. Am ehesten lässt sich mit Zertifikaten Geld verdienen, die bei stagnierenden Märkten Rendite abwerfen. Dazu gehören vor allem Discounts. Bonuszertifikate sind dagegen deutlich spekulativer. Die Barriere sollte sehr konservativ gesetzt werden – oder besser noch nur am Verfallstag des Zertifikats aktiv sein. Eine echte Alternative im ersten Halbjahr sind dagegen Reverse-Bonuszertifikate. Angst vor nachhaltig steigenden Kursen besteht wohl frühestens im Sommer!

Christian Grabbe ist bei der Münchner Wertpapierhandelsgesellschaft Baader Bank für alle Derivategeschäfte verantwortlich.
In BÖRSE ONLINE schreibt der von den Emittenten unabhängige Experte über Trends und Entwicklungen am deutschen Zertifikatemarkt.
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