Wie zwei Verfahrensbeteiligte der Nachrichtenagentur Reuters sagten, wollen die Strafverfolger auch Fitschens Amtsvorgänger Josef Ackermann und Rolf Breuer sowie zwei weitere Ex-Vorstände auf die Anklagebank bringen.

Die Deutsche Bank wies die Vorwürfe am Dienstag erneut als haltlos zurück, wollte die neuen Entwicklungen aber nicht kommentieren. Auch die Verteidiger lehnten eine Stellungnahme ab. Ob das Gericht tatsächlich einen Prozess zulässt, ist offen. Die Kisten voller Beweismaterial müssen erst einmal geprüft werden. Trotzdem sind die ersten Großinvestoren bereits nervös: "Schon die Tatsache, dass eine Anklage gegen einen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank erhoben wird, ist beschämend und beschädigt das Geldhaus", kritisierte ein Fondsmanager.

Über die Anklage hatte zuvor auch die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. Der 65-jährige Fitschen, der auch Präsident des Bankenverbandes BdB ist, steht nun zum Ende seiner Karriere vor einem seiner schwersten Kämpfe. Laut Aufsichtsratskreisen will der Niedersachse einen möglichen Prozess bis zum Ende durchfechten. Das könnte für Fitschen auch eine große zeitliche Belastung werden: Ein Angeklagter muss zu jedem Verhandlungstermin kommen. Doch Fitschen will sich nach Angaben von Vertrauten sein Vermächtnis bei Deutschlands größtem Geldhaus nicht kaputtmachen zu lassen. Denn weithin wird erwartet, dass sich Fitschen mit Auslaufen seines Vertrages 2017 in den Ruhestand verabschiedet und sein jüngerer Kompagnon an der Konzernspitze, Anshu Jain, das Ruder dann alleine übernimmt.

Mit Vorstandschefs im Gerichtssaal hat die Deutsche Bank Erfahrung: Vor über zehn Jahren machte Ackermann mit seinem berühmten "Victory"-Zeichen zum Auftakt des Mannesmann-Prozesses Schlagzeilen. Der Schweizer wurde damals zusammen mit weiteren Top-Managern der Untreue beschuldigt. Der Prozess wurde 2006 eingestellt, Ackermann musste 3,2 Millionen Euro zahlen. Klaus Nieding von der Aktionärsvereinigung DSW gibt sich denn auch gelassen - vorerst: "Herr Fitschen muss im Moment nicht zurücktreten", sagte er. "Sollte es aber zu einer Verurteilung kommen, müsste man das neu bewerten." Ähnlich hatte sich zuletzt auch die Finanzaufsicht BaFin geäußert.

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ERINNERUNGSLÜCKEN

Die Rechtsstreitigkeiten um den Zusammenbruch der Kirch-Gruppe verfolgen die Deutsche Bank bereits seit zwölf Jahren. Leo Kirch, der 2011 starb, und seine Erben hatten der Bank die Schuld an der Pleite gegeben. Sie hatten die Ansicht vertreten, der damalige Bank-Chef Breuer habe den Konzern mit einem Interview im Februar 2002 in die Pleite treiben wollen, um lukrative Aufträge für die Bank aus der Zerschlagung der Kirch-Gruppe zu bekommen. Zwar beendete die Bank den Streit zu Jahresbeginn mit einem 925 Millionen Euro schweren Vergleich und kam damit einem Richterspruch zuvor. Doch für die Münchner Justiz war der Fall damit nicht abgeschlossen. Denn Richter Guido Kotschy, der das Schadenersatz-Urteil fällte, hatte Aussagen der Deutsche-Bank-Manager in dem Prozess als unglaubwürdig kritisiert. Damit rief er die Staatsanwaltschaft auf den Plan. Der Verdacht: Die Bank habe das Oberlandesgericht täuschen wollen, um ein Schadenersatzurteil abzuwenden. Die jahrelangen Ermittlungen zogen immer weitere Kreise, immer länger wurde die Liste der Beschuldigten nach mehreren Durchsuchungen der Deutschen Bank und anderer Räumlichkeiten.

Als wichtigstes Verfahren gilt nun das gegen Fitschen, Breuer, Ackermann sowie den früheren Aufsichtsratschef Clemens Börsig und Ex-Personalvorstand Tessen von Heydebreck. Fast alle Manager hatten übereinstimmend den Vorwurf Kirchs zu widerlegen versucht, Breuer habe den Konzern mit dem Interview absichtlich in die Pleite treiben wollen. Nur Fitschen hatte ausgesagt, er könne sich an die Geschehnisse nicht mehr erinnern. Eine Anklage erschien bereits wahrscheinlich, als die Staatsanwaltschaft im Herbst 2013 auf dieser Basis auch ein Bußgeldverfahren gegen die Bank selbst einleitete. Alle Beschuldigten haben die Vorwürfe zurückgewiesen. Die Staatsanwaltschaft und das Landgericht München wollten sich am Dienstag nicht äußern.

Auf Seite 3: DER ECCLESTONE-RICHTER

DER ECCLESTONE-RICHTER

Das Landgericht München prüft den Insidern zufolge nun, ob es die Anklage gegen Fitschen und die vier weiteren Beschuldigten zulässt und ein Gerichtsverfahren beginnt. Erst dann hätten sie den Status von Angeklagten. Zuständig für diesen Fall ist nach Justizangaben derselbe Richter, der vor Kurzem den Prozess gegen Formel-1-Chef Bernie Ecclestone überraschend eingestellt hatte. Nachdem sich der Korruptionsverdacht gegen Ecclestone nicht erhärtet hatte, ließ Richter Peter Noll den Motorsportmanager gegen eine Rekord-Geldauflage von 100 Millionen Dollar ziehen.

Im Fall Fitschen muss Noll nun die Akten studieren und sie dann den Angeschuldigten und ihren Verteidigern übermitteln. Wenn sie anschließend dazu Stellung genommen haben, entscheidet Nolls Wirtschaftsstrafkammer über eine Zulassung der Anklage. "Das kann noch Monate dauern", sagte ein Beteiligter.

Separat laufen noch Ermittlungen gegen Rechtsvorstand Stephan Leithner und mehrere interne und externe Juristen der Bank, gegen Bank-of-England-Direktoriumsmitglied und Ex-Deutsche-Bank-Vorstand Michael Cohrs und gegen Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff. Diese drei übrigen Ermittlungsverfahren dauern an, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Dienstag erklärte.

Reuters