Vom Sanierungsfall in die Spitzenklasse: Der Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 krönt seine Wachstumsgeschichte mit dem Einzug in den Leitindex Dax und spielt damit als erstes deutsches Medienunternehmen in derselben Liga wie Siemens, BMW, Volkswagen oder die Deutsche Post. ProSiebenSat.1 übernimmt wegen seines gestiegenen Börsenwerts den Platz des Düngemittelproduzenten K+S, wie die Deutsche Börse mitteilte. Mit einem Marktwert von knapp zehn Milliarden Euro ist der TV-Anbieter mittlerweile teurer als die Traditionskonzerne Lufthansa, Thyssenkrupp oder RWE.

"Wir sehen den Aufstieg als Würdigung unserer Arbeit der vergangenen Jahre und als Ansporn, unsere diversifizierte Wachstumsstrategie in Zukunft erfolgreich weiter zu verfolgen", erklärte Vorstandschef Thomas Ebeling nach der Entscheidung vom Donnerstagabend. Neben dem klassischen TV-Geschäft mit früheren Zugpferden wie Stefan Raab und dem "Bullen von Tölz" und neuen Hoffnungsträgern wie Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf treibt Ebeling die Expansion im Internet und mit TV-Produktionen voran. Damit sollen der Umsatz - zuletzt 3,3 Milliarden Euro - und die Gewinne auch künftig kräftig steigen.

Als der studierte Psychologe Ebeling vor sieben Jahren aus der Pharmaindustrie an die Spitze der Senderkette aus Unterföhring bei München wechselte, schrieb das Unternehmen rote Zahlen und ächzte unter einem Schuldenberg. Wie die meisten Privatsender auf Gedeih und Verderb von Werbeeinnahmen abhängig, verlor der Konzern Umsätze, als sich die Weltwirtschaftskrise 2008 auch in Deutschland niederschlug und 2009 in der schwersten Rezession seit Bestehen der Bundesrepublik mündete.

Der Aktienkurs brach ein und erreichte im März 2009 mit 88 Cent den niedrigsten Stand seit dem Börsengang des Vorgängerunternehmens ProSieben 1996. Seit dem Tiefpunkt ist der Wert der Aktie um mehr als das Fünfzigfache gestiegen. Ebeling trennte sich von allen ausländischen Sendern, die für den Konzern mehr Last als Freude waren. Zu unterschiedlich sind die Zuschauervorlieben in verschiedenen Ländern, zu sehr ist die Rechtevergabe der Hollywoodstudios auf nationale Märkte zugeschnitten, als das sich Synergieeffekte heben ließen.

Statt dessen baute Ebeling eine Digitalsparte auf, die nun maßgeblicher Wachstumstreiber des Unternehmens ist. Damit will der Vorstandschef die Abhängigkeit von TV-Werbeerlösen verringern, die immer noch 60 Prozent der Umsätze liefern und angesichts der guten Binnenkonjunktur längst wieder sprudeln. Denn während Zeitungen ihre Leserschaft und Anzeigenkunden zunehmend an Online-Medien verlieren, zeigt sich das Fernsehen immun: Seit Jahren sehen die Deutschen nach Zahlen des Branchenverbands VPRT im Schnitt rund vier Stunden täglich fern, die TV-Werbeerlöse legen kontinuierlich zu.

Und wenn sich Werbeblöcke mal nicht verkaufen lassen, greift Ebelings Erfolgsgeheimnis: Er verknüpft die reichweitenstarken TV-Sender mit der Online-Welt. Auf seiner Einkaufstour durch die Internetbranche zahlt ProSiebenSat.1 oft nur zweistellige Millionenbeträge für Videoanbieter, Online-Spiele und Shopping-Plattformen und päppelt sie dann mit vergünstigten Werbespots auf, so dass sie einem Millionenpublikum bekannt wurden und rasch wachsen.

Selbst von neuen Rivalen im Online-Videogeschäft profitiert der Konzern: Amazon ist mit seinem "Prime"-Angebot einer der besten Kunden der ProSiebenSat.1-Produktionstochter Red Arrow Entertainment. Im Geschäft mit den Zuschauern spielt die Online-Videotochter Maxdome nach Angaben von ProSiebenSat.1 auf Augenhöhe mit den US-Konkurrenten Netflix und Amazon. Insgesamt wächst die Online-Videonutzung zwar, beschränkt sich aber im Schnitt auf lediglich elf Minuten pro Tag.

DAX WIRD BUNTER



Der Wechsel von ProSiebenSat.1 in den Dax zum 21. März ist die zweite Veränderung innerhalb von sechs Monaten. Im September stieg die Immobilienfirma Vonovia auf. Der Leitindex, den nach wie vor Industriekonzerne dominieren, verändert sich damit erstmals seit drei Jahren. Beide Neulinge sind die jeweils ersten Firmen ihrer Branche im Dax. Im Nebenwerteindex MDax gesellen sich nun zum Absteiger K+S der Möbelhändler Steinhoff - Betreiber der Poco-Märkte - und die Immobilienfirma Alstria Office. Sie verdrängen den Stahlhändler Klöckner und den Autozulieferer ElringKlinger.

Gleichzeitig fallen der Finanzdienstleister MLP, Sixt Leasing, Hornbach Baumarkt und der Verkehrstechnikanbieter Schaltbau aus dem Kleinwerteindex SDax heraus. Neueinsteiger sind der Finanzkonzern Wüstenrot & Württembergische, die Reederei Hapag-Lloyd und der Waschstraßenbauer Washtec. Im TecDax tauscht die Deutsche Börse den Telekomanbieter QSC und die High-Tech-Firma LPKF Laser & Electronics gegen den 3D-Druckeranbieter SLM Solutions und den Halbleiterexperten Süss MicroTec aus.

Reuters