Es war schnell geregelt. In nicht einmal einer halben Stunde hatten die 27 verbleibenden Mitglieder der EU das Austrittsabkommen mit Großbritannien abgezeichnet. Doch wer glaubt, dass gut vier Monate vor dem "B-Day" am 29. März 2019 nun alles seinen geregelten Gang geht, liegt falsch. Denn der Brüsseler Beschluss ist nichts wert, wenn er nicht vom britischen Parlament ratifiziert wird. Doch etliche Parlamentarierer zeigen sich bockig  - auch viele aus der Regierungskoalition. Alles ist daher möglich: ein geordneter wie auch ein ungeordneter EU-Austritt. Sogar, dass der Brexit gestoppt wird.

Doch trotz dieser Unwägbarkeiten ist es an der Londoner Börse recht ruhig. Die Ruhe vor dem Sturm? Jedenfalls notieren die Aktien von Unternehmen wie Diageo, AstraZeneca, GlaxoSmithKline oder Shire nahe am Allzeithoch (alles Langfrist-Kaufempfehlungen von BÖRSE ONLINE).

Auch der Leitindex der 100 größten Unternehmen, der FTSE 100, hält sich mit minus 8,5 Prozent wacker; er steht in diesem Jahr sogar besser da als etwa der DAX, der minus 12,5 Prozent zu verkraften hat. Allerdings - und das zeigt dann doch die Unsicherheit - sind binnenmarktorientierte Aktien von Banken, von Konsumwerten wie Tesco und Marks & Spencer oder der Bau- und Immobilienbranche doch deutlich unter Druck.

Recht stabil ist das britische Pfund. Zwar ging es gegenüber dem Dollar bergab, aber in Relation zum Euro bewegt sich die Währung seit über einem Jahr in einer engen Bandbreite von 0,86 bis 0,91  Pence. So richtig Abwärtsdruck gab es beim Pfund und am Aktienmarkt vor allem in den ersten Monaten vor und nach dem Referendum vom 23. Juni 2016, als eine knappe Mehrheit der Briten für einen Ausstieg aus der EU votierte.

Kampf um ein "Yes" oder ein "No"



An den Märkten scheint man auf die Entscheidung des Parlaments (Mitte Dezember/Anfang Januar) zu warten. Eine Hängepartie. Stand jetzt steckt die Regierung von Theresa May definitiv in der Krise. Zuletzt verließen sogar zwei ihrer Minister das Kabinett: der für den EU-Ausstieg zuständige Minister Dominic Raab und Arbeitsministerin Esther McVey. Ihnen passt das mit der EU ausgehandelte und auch schon vom Kabinett verabschiedete Austrittsabkommen nicht. Vor allem an der Nordirland-Frage reibt man sich. Ob man deswegen aber eine große Krise riskiert? Denn insgesamt stellt das Abkommen sicher, dass es zu einem geordneten und damit glimpflichen EU-Austritt kommt. Dank einer Übergangsfrist bis mindestens Ende 2020 würde für Unternehmen und Banken erst einmal alles beim Alten bleiben.

Findet May dennoch keine Mehrheit im Parlament, könnte es zu einem harten Brexit kommen, ohne Vertragswerk. Der Druck auf Börse und Währung dürfte in diesem Fall zunehmen. Auch die Premierministerin wackelt dann - einige "Parteifreunde" wollten anscheinend schon jetzt ein Misstrauensvotum anzetteln. Ein riskantes Machtspiel. Ohnehin schwächt sich das Wachstum seit 2014 stetig ab. Vor vier Jahren lag die Zuwachsrate noch bei 3,1 Prozent, im kommenden Jahr sollen es nur noch 1,6 Prozent sein.

Wer also in britische Aktien investiert, sollte sich dieses Risikos bewusst sein. Zudem hat London wie alle anderen Weltbörsen mit Zinssorgen zu kämpfen und der Furcht vor einem Abschwung der Weltkonjunktur. Das macht die Sache nicht leichter.

Index oder Einzelwert



Dabei ist die britische Börse auf den ersten Blick verlockend. Die Dividendenrendite des FTSE 100 liegt im Schnitt bei 4,6 Prozent - so hoch wie selten zuvor. Und auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für 2019 ist mit 11,7 im historischen und im internationalen Vergleich niedrig. Wer in den gesamten Index investiert, hat damit aber auf einen Schlag viele Banken im Depot: Finanzwerte machen 22 Prozent des FTSE aus, Öl und Gas folgen mit 17 Prozent. Wichtigster Sektor ist der Konsum mit 26,2 Prozent Anteil am Index.

Günstig bewertet unter den Indexmitgliedern ist BHP mit einer Dividendenrendite von 5,9 Prozent und einem KGV von knapp unter 13. Der weltgrößte Rohstoffkonzern will zudem eine Sonderdividende zahlen und eigene Aktien zurückkaufen. Das Geld stammt aus dem Verkauf der Fehlinvestitionen in die US-Schiefergasproduktion an BP für 10,5 Milliarden Dollar.

Vernünftig bewertet ist auch Reckitt Benckiser. Der schon im Länderreport in Heft 16 empfohlene Konsumgüterkonzern - bekannt für Marken wie Sagrotan, Calgon oder Clearasil - hat sich seither positiv entwickelt, legte beim Kurs um fast zehn Prozent zu. Zwar hatte man zuletzt mit einem Produktionsausfall in einem Werk zu kämpfen und musste Umsatzeinbußen hinnehmen, dafür macht aber der Ausblick Hoffnung. Die Übernahme des Babykostherstellers Mead Johnson soll für steigende Erlöse sorgen. Die Schaffung von zwei Sparten - Gesundheit und Hygiene - ist aussichtsreich.



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