Es wirkt wie ein Akt des Masochismus, wenn Angela Merkel am Mittwoch in Wildbad Kreuth schon wieder bei der CSU auftritt: Auf dem CSU-Parteitag in München wurde sie im November von Parteichef Horst Seehofer wegen des Streits in der Flüchtlingspolitik regelrecht vorgeführt. Anfang Januar musste sich die CDU-Chefin von der Schwesterpartei erneut anhören, dass sie einen falschen Kurs fahre. Und nun trifft sie auf die CSU-Landtagsfraktion - wo sie einen Brief empfangen wird, in dem die von ihr abgelehnten nationale Maßnahmen an der deutsch-österreichischen Grenze gefordert werden.

Weil gleichzeitig die mit sinkenden Umfragewerten kämpfende SPD ihre Kritik an Merkel verstärkt und die CDU in Umfragen verliert, überschlagen sich die Spekulationen, wie lange die zuvor umjubelte Kanzlerin überhaupt noch im Amt bleiben kann. Die Zeitschrift "Cicero" sieht einen angeblich bereits begonnenen Aufstand in der Union. Der Politikberater Michael Spreng gibt der Kanzlerin nur noch eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass sie Ende 2016 noch im Amt sein wird. In der CDU-Spitze und der Bundesregierung wird dies zwar als "absurd" abgetan. Die Kanzlerin sei sehr entschlossen, das Flüchtlingsproblem mit ihrem Ansatz zu lösen. Auch Forsa-Chef Manfred Güllner sieht weiter sehr große Gefolgschaft gerade der CDU-Mitglieder. Aber angesichts der großen Nervosität gibt es einige Faktoren, die der Kanzlerin gefährlich werden könnten:

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"KRIEGE DER BRIEFE"



Am meisten Aufmerksamkeit bekamen in den vergangenen Tagen die Briefeschreiber in der Union. Ausgerechnet im Digitalzeitalter tobt ein wahrer "Krieg der Briefe". 44 Kritiker der Unions-Bundestagsfraktion forderten in einem am Dienstag zugesandten Schreiben an die Kanzlerin ein straffes nationales Grenzregime. Zusammen mit den 56 CSU-Abgeordneten, die in Kreuth eine noch härtere Haltung formuliert habe, fordern also knapp ein Drittel der Unions-Fraktion eine nationale Antwort. Ähnlich äußern sich 32 CSU-Landtagsabgeordnete in ihrem Brief.

Die Gefahr durch Briefe werden allerdings als eher gering eingestuft. Zwar gehören diesmal auch die innen- und wirtschaftspolitischen Sprecher der Fraktion zu den Unterzeichnern. Aber der Bundestagsabgeordnete Martin Patzelt (CDU) hat bereits einen "Gegenbrief" zur Unterstützung Merkels geschrieben, der seinerseits rund 50 Befürworter haben soll. In CDU-Präsidium und -Bundesvorstand wurden die Kritiker am Montag auf breiter Front kritisiert.

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LANDTAGSWAHLEN



Die Landtagswahlen werden schon als wichtiger für das weitere Schicksal von Merkel angesehen. Denn in Umfragen sackt die Union derzeit ab - die SPD allerdings auch. Obwohl die AfD einen Höhenflug erlebt, könnte die CDU aber am 13. März womöglich gleich alle drei Ministerpräsidenten-Ämter in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt übernehmen. Denn Umfragen deuten derzeit darauf hin, dass an der CDU als jeweils stärkster Partei vorbei wohl kaum Regierungen zu bilden sind. "Wenn die Wahlen verloren gehen, hat Merkel ein Problem", heißt es allerdings selbst bei Merkel-treuen Mitgliedern im CDU-Bundesvorstand.

Ein Indiz sind die Einladungen Merkels zu CDU-Wahlkampfauftritten - die laut Wahlkämpfern in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zahlreicher sind als ihre zeitlichen Möglichkeiten. Allein in Baden-Württemberg ist die Kanzlerin neunmal eingeplant - als Zugpferd.

Der Blick auf die Landtagswahlen erklärt auch, wieso viele der Merkel gesetzten Ultimaten sich auf den März beziehen. In der Regierung ist man sich unabhängig davon einig, dass Ende März nach den deutsch-türkischen Regierungskonsultationen, nach der Geberkonferenz für Flüchtlingslager im Nahen Osten und den zwei EU-Gipfeln eine Bilanz gezogen werden soll, ob der europäische Ansatz zur Reduzierung der Flüchtlingszahlen gescheitert ist oder nicht.

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CSU



Die CSU scheint derzeit Merkels größtes Problem zu sein. Parteichef Horst Seehofer stellt der Kanzlerin in regelmäßigen Abständen "Ultimaten" - und reißt diese dann wieder. Nun gibt es die Klagedrohung in Karlsruhe, die er zunächst in einem Brief ankündigen will. Gravierender am CSU-Vorgehen ist nach Ansicht des Politologen Gero Neugebauer, dass die CSU systematisch Merkels Image zerschießt. "Das betont die eigenständige Rolle der CSU im Bund, die zudem alle Parteien rechts von ihr klein halten will." Das Problem sehen Gerobauer und Forsa-Chef Güllner aber darin, dass Seehofer damit vor allem die AfD stark macht. "Es laufen zweimal so viele CSU- als CDU-Wähler zur AfD über", sagte Güllner zu Reuters. Neugebauer spricht von einem "Seehofer-Effekt" zur AfD-Stärkung. Die CDU-Wahlkämpfer in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz jedenfalls sind sauer wegen der Querschüsse aus München.

Hauptgrund der Kritik an Merkel ist ein echter Dissens zwischen CDU- und CSU-Spitze: In der traditionell europaskeptischeren bayerischen Regionalpartei glaubt man nicht mehr, dass Merkels europäischer Weg überhaupt erfolgreich sein kann. Also dringt man jeden zweiten Tag auf die Zurückweisung von Flüchtlingen an der deutschen Grenze. Seehofer persönlich fühlt sich bestätigt, weil seine Popularitätswerte anders als die Merkels nach oben gehen. Dennoch sieht Güllner nach seinen Umfragen keinen dauerhaften Schaden für das Ansehen der Kanzlerin.

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EU-PARTNER



Als derzeit größte Gefahr für Merkels Zukunft gelten aber die EU-Partner. Denn in Berlin breitet sich - parteiübergreifend - größte Enttäuschung über mangelnde Solidarität der anderen EU-Staaten aus. Die konservativen und sozialistischen Partnerregierungen setzen nicht einmal die gemeinsam beschlossene Arbeitsteilung oder die Finanzierung der Flüchtlingslager der Türkei um. In der Union wird beklagt, dass auch SPD-Chef Sigmar Gabriel eine europäische Lösung von Merkel fordert, dies aber nicht bei den sozialistischen Regierungen in Paris und Rom deutlich macht.

Anfang vergangener Woche hat Merkel deshalb gewarnt, dass die Flüchtlingskrise kein isoliertes deutsches Problem ist. Wenn die Schengen-Zone falle, weil Deutschland die Grenzen schließen müsse, würden auch der Binnenmarkt und die Euro-Zone in Mitleidenschaft gezogen. Aus der Warnung kann eine Drohung werden, wenn sich die Partner weiter nicht bewegen. Aber wenn die EU - möglicherweise auch noch nach einem Austritt Großbritanniens - zentrale Integrationsschritte rückabwickeln müsste, würde dies auch Merkel angelastet, glaubt man in der CDU.

Reuters