Nicht einmal eine Stunde dauert der Eingriff: Per Injektion wird das Medikament Luxturna ins Auge verabreicht und soll dafür sorgen, dass Menschen mit einem defekten Gen wieder etwas sehen können. Das Produkt von Spark Therapeutics ist die im Labor entwickelte Kopie des menschlichen Gens RPE65. Ist dieses erblich bedingt verändert, kann es bei Betroffenen bereits in jungen Jahren zum Verlust der Sehkraft und zur völligen Erblindung kommen. Zugelassen im Jahr 2018 ist das Mittel die dritte zugelassene Gentherapie überhaupt. Problem: Das komplexe Verfahren hat seinen Preis. 850 000 US-Dollar kostet die Behandlung pro Patient. In Deutschland sind rund 200 Menschen mit dem Gendefekt bekannt.

Milliarden für Übernahmen



Pharmariesen schrecken diese Summen allerdings nicht ab. Sie finden Gefallen an kleinen Biotechfirmen, die sich mit Gentherapie beschäftigen. Für die Übernahme von Spark Therapeutics legte der Schweizer Pharmakonzern Roche Ende Februar 4,2 Milliarden Dollar auf den Tisch. Ein stolzer Preis: Im Geschäftsjahr 2018 erlösten die US-Amerikaner gerade mal 65 Millionen Dollar. Roche schielt vor allem auf die lukrative Pipeline der Biotechfirma. Vier weitere gentherapeutisch entwickelte Substanzen, davon ein Kandidat zur Behandlung der Bluterkrankung Hämophilie, hat Spark in der klinischen Entwicklung. Bereits vor einem Jahr hatte sich der heimische Rivale Novartis für 8,7 Milliarden US-Dollar die Biotechfirma Avexis geschnappt. Deren Hoffnungsträger mit dem Projektnamen AVXS-101 soll zur Behandlung von spinaler Muskelatrophie (SMA), der häufigsten genetischen Todesursache bei Säuglingen, eingesetzt werden. Ein genetisch bedingter Defekt sorgt bei SMA dafür, dass sich die Nervenzellen in der Rückenmuskulatur zurückbilden.

Durchbruch zur Marktreife



Noch bis vor wenigen Jahren galten Gentherapien eher als wissenschaftliche Spielwiese. Zu kostspielig die Produktion, zu ungewiss die Wirkungsweise und die Nebenwirkungen - so die am häufigsten genannten Kritikpunkte. Dank medizinischer Fortschritte in der Genforschung sind inzwischen jedoch mehr als 7000 erblich bedingte Erkrankungen per Gentherapie behandelbar. Einfach ausgedrückt werden mit ihr fehlerhafte Erbinformationen korrigiert, indem funktionelle Informationen in das betroffene Genom eingebaut werden. Weil die Tumorbildung häufig genetische Ursachen hat, werden nach jüngsten Schätzungen der Fachzeitschrift "Journal of Gene Medicine" rund zwei Drittel aller Genthera-pien in der Krebsmedizin klinisch getestet, gefolgt von den monogenetischen Erkrankungen, die durch einen bestimmten Gendefekt verursacht werden.

Bis dato sind Gentherapien eine Domäne der Biotechfirmen. Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen. Vor allem bei den monogenetischen Krankheiten ist nur ein limitierter Patientenkreis von mehreren Tausend Personen betroffen. Dementsprechend überschaubar sind die Kosten und der Zeitraum für die klinische Entwicklung, zumal das regulatorische Umfeld die Entwicklung und Vermarktung solcher Nischenprodukte steuerlich und finanziell fördert.
Der heilende Effekt bleibe dabei das Kernargument für die Kostenerstattung, meint Noushin Irani, Fondsmanagerin bei DWS: "Gerade bei genetisch bedingten Erkrankungen mit tödlichem Ausgang liefern Gentherapien ethische und ökonomische Argumente für die vollständige Kostenerstattung." Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt auch Mario Linimeier, Geschäftsführer von Medical Strategy: "Der Fokus auf seltene Erkrankungen erhöht die Preissetzungsmacht für die Unternehmen." Darüber hinaus würde sich das Einsatzgebiet von Gentherapien auf andere Bereiche mit teilweise größeren Patientenzahlen wie Bluterkrankung erweitern. "Bei der Hämophilie lässt sich ins Feld führen, dass für die chronische Behandlung eines Patienten jährliche Behandlungskosten von bis zu einer Million US-Dollar anfallen können - was die Kosten für eine einmalige Gentherapie übertrifft."



Auf Seite 2: Wirksamkeit als Qualitätssiegel





Wirksamkeit als Qualitätssiegel



Fondsmanager wie Irani und Linimeier haben in ihren Fondsportfolios in den letzten Jahren Positionen an Firmen aufgebaut, die in der Gentherapie unterwegs sind. Entscheidend für das Renditepotenzial ist, dass neue gentherapeutische Ansätze ihren Wirksamkeitsnachweis erbracht haben. Das ist bei den Enzymersatztherapien bei Stoffwechselstörungen wie auch bei den zellbasierten Gentherapien bei Blutkrebs der Fall. Uneins sind sich Branchenexperten noch, wann das sogenannte Genome Editing den Durchbruch schafft. Dabei wird ein zellulärer Mechanismus für die Reparatur von defekten Genteilen in Gang gesetzt. Bestimmte Nukleasen - Enzyme, die bestimmte Nukleinsäuren im menschlichen Erbgut abbauen - erkennen nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip die defekten Stellen der Gene und führen als "Genschere" die Reparatur durch.

Lediglich Anleger mit Grundwissen sollten in Firmen investieren, die sich ausschließlich auf Gentherapie spezialisiert haben. Eine Alternative wären bereits profitable Firmen, die Gentherapien als Nische in ihrer Entwicklungspipeline ausbauen. Novartis ist einer der Vorreiter mit dem ersten 2017 zugelassenen Mittel Kymriah zur Behandlung einer Leukämieart. Der Schweizer Pharmakonzern setzt konsequent seine Ausrichtung auf Therapien in Krankheitsfeldern um, mit denen sich hohe Margen erzielen lassen. Biotech-Schwergewicht GileadSciences hat denselben Weg eingeschlagen und setzt dabei verstärkt auf die Onkologie. Über die Akquisition von Kite Pharma hat sich Gilead mit Yescarta die Vermarktungsrechte für eine zellbasierte Gentherapie gesichert. Noch reflektiert die optisch günstige Bewertung der Aktie die Skepsis der Märkte, ob Gilead mit neuen Gewinntreibern die aktuelle Wachstumsschwäche überwindet. Antizyklische Anleger steigen jetzt ein.

Deutlich spekulativer sind drei kleinere Biotechfirmen. Bluebird Bio etwa steht in diesem Jahr vor dem großen Sprung. Ein Kandidat zur Behandlung von Multiplem Myelom, einer aggressiven Blutkrebsart, liefert die zulassungsrelevanten klinischen Daten, ebenso ein Produkt gegen Beta-Thalassämie, einer seltenen Störung der Blutbildung. Ein Titel für die Watchlist ist Sangamo Therapeutics. Das Unternehmen hat die ersten Wirksamkeitsstudien für Präparate zur Behandlung von Hämophilie und Stoffwechselstörungen am Laufen. Abwarten sollte man auch noch bei CRISPR Therapeutics, einer der am weitesten fortgeschrittenen Firmen beim Thema Genome Editing.



Auf Seite 3: Auf einen Blick: Gentherapien





Auf einen Blick: Gentherapien



Durchbruch geschafft: Dank der wissenschaftlichen Fortschritte in den zurückliegenden zehn Jahren kann eine wachsende Zahl von erblich bedingten Erkrankungen behandelt werden. Je nach Krankheit sind einige Hundert bis zu mehreren Zehntausend Personen betroffen. Anders als bei herkömmlichen Arzneien ist eine vollständige Heilung möglich. Weil die Produktionskosten aber wesentlich höher sind, bewegen sich die Behandlungskosten pro Patient oft im oberen sechsstelligen Bereich.