Lega-Führer Matteo Salvini und Marine Le Pen, Chefin des Rassemblement National, sind mit dem Ergebnis der EU-Wahlen hochzufrieden. Der Durchbruch ist ­ihnen jedoch nicht gelungen: Die Gewinne der euroskeptischen, von Investoren als riskant eingeschätzten populistischen Parteien fielen weniger stark aus als angenommen. Im EU-Parlament bestimmen weiter europafreundliche Parteien die Agenda. Auf den Ausgang der Wahlen reagierten Anleger dennoch enttäuscht. Im Lauf der Woche büßte der Euro Stoxx 50 etwas ein.

"Die EU ist zunehmend gespalten und uneins darüber, ob das Ziel der Gemeinschaft mehr Integration oder die Renationalisierung sein sollte", kommentiert Daniel Lenz von der DZ Bank. Die wachsende Polarisierung mahnt Anleger zur Vorsicht. "Für die Kapitalmärkte ist das Wahlergebnis ein Alarmzeichen. Die Anlageregion wird angesichts der anhaltenden Unsicherheiten über den politischen Kurs Europas mit Bewertungsabschlägen gegenüber international vergleichbaren Investments leben müssen", sagt Frank Engels, Leiter Portfolio­management bei Union Investment.

Unklare Mehrheiten


Ein Ende der Unwägbarkeiten ist nicht in Sicht. Die bisherige informelle große Koalition aus Europäischer Volkspartei (EVP) und Sozialdemokraten (S & D) hat im EU-Parlament ihre Mehrheit verloren. Um Reformen auf den Weg zu bringen oder die anstehenden Personalentscheidungen zu treffen, sind EVP sowie S & D auf einen dritten Partner angewiesen. Infrage kommen die Liberalen oder die Grünen. Die Suche nach parlamentarischen Mehrheiten aber kostet Zeit und kann bürgerferne Kompromisse erfordern, die den Brüssel-Frust zu verstärken drohen.

Nicht auszuschließen, dass in nationalen Wahlen Populisten noch mal zulegen und vermehrt in Regierungsverantwortung kommen. Die Abstimmung innerhalb der EU-Staats- und Regierungschefs etwa in Fragen des schwelenden Handelskonflikts mit Washington, in der China-Politik oder beim Thema Migration wird sich dann aber noch schwerer als bislang schon gestalten. Auch das missfällt Investoren.

Gespannt verfolgen Anleger zudem, ob EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber tatsächlich EU-Kommissionspräsident wird. Um die Nachfolge von Jean-Claude Juncker bewerben sich auch Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager und EU-Vizekommissionschef Frans Timmermans. Sollte Weber, obwohl die EVP-Fraktion die größte Fraktion im EU-Parlament stellt, den Topjob nicht bekommen, steigen wiederum die Chancen von Bundesbankchef Jens Weidmann, im Herbst die Nachfolge von EZB-Chef Mario Draghi anzutreten.

Weidmann mag Kandidat der Sparer sein, Favorit der Anleger ist er nicht. Der Bundesbanker hat in der Vergangenheit die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank mehrfach kritisiert. Diese haben jedoch entscheidend dazu beigetragen, dass die südeuropäischen Staaten ihre Schulden bedienen konnten und bislang kein Land die Eurozone verlassen hat. Weidmann hat sich zudem für eine Normalisierung der Geldpolitik ausgesprochen. Niedrige Zinsen waren bisher allerdings ein Treiber an den Aktienmärkten. Wird Weidmann nominiert - er wäre der erste Deutsche an der Spitze der EZB -, dann drohen an den Börsen zunächst Verluste. Auch die Rentenmärkte wären davon betroffen.

Harter Brexit wahrscheinlicher


Der Ausgang der EU-Wahlen verschärft vor allem die bereits bestehenden Unsicherheiten auf zwei Feldern, die für die weitere Entwicklung der europäischen Kapitalmärkte immense Bedeutung haben, folgert Experte Engels: Brexit und Staatsverschuldung Italiens.

Im Vereinigten Königreich holte die neu gegründete Brexit-Partei von Nigel Farage in den Europawahlen aus dem Stand mehr als 30 Prozent. Die regierenden Konservativen und die Labour Party fuhren hingegen kräftige Verluste ein. Nach dem vor Kurzem unter Tränen angekündigten Rücktritt der britischen Premierministerin Theresa May ist ein harter Brexit deshalb nun nicht mehr auszuschließen.

Vor allem dann nicht, wenn Boris Johnson in Downing Street Nummer 10 einziehen sollte. Der frühere Außenminister, der sich derzeit wegen des Vorwurfs der Lüge während der Brexit-­Kampagne vor Gericht verantworten muss, ist fest entschlossen, die EU auch ohne Abkommen zu verlassen. Erneute Warnungen britischer Unternehmer vor nachhaltigen schweren Schäden für die heimische Konjunktur und dem Verlust von Arbeitsplätzen ignoriert Johnson. Seiner Meinung nach ist nicht der Brexit die größte Gefahr für die Wirtschaft, sondern Jeremy Corbyn. Der linke Labour-Chef, der sich für Verstaatlichungen ausspricht, könnte nach möglichen Neuwahlen an die Macht kommen. Doch weder ein harter Brexit noch Corbyn sind bislang in den Kursen britischer und europäischer Aktien vollkommen eingepreist.

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Umstrittene Defizitregeln


Auch Matteo Salvini macht Investoren nervös. Nachdem seine Lega-Partei mehr als 34 Prozent bei den EU-Wahlen holte, gilt es als wahrscheinlich, dass er die Koalition mit der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien über kurz oder lang platzen lässt. Gut möglich, dass aus den dann notwendigen Neuwahlen ein aus rechtsextremen Parteien bestehendes Regierungsbündnis unter seiner Führung hervorgeht. Der Streit mit Brüssel über die Einhaltung der Defizitregeln dürfte sich dann aber verschärfen.

Schon kommende Woche will die EU-Kommission ein Strafverfahren gegen Rom wegen zu hoher Schulden einleiten. Salvini schlägt derweil eine Aufweichung der Defizitrichtlinien vor und will über eine neue Rolle der EZB verhandeln. Seiner Ansicht nach sollten die Frankfurter Währungshüter Staatsschulden garantieren. Bei den Anlegern wächst unterdessen die Angst vor einem neuen Aufflammen der Schuldenkrise. Italien, die drittgrößte Volkswirtschaft der EU, ist mit 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den Miesen.

Ebenso kritisch sehen Investoren das desaströse Abschneiden von CDU/CSU sowie SPD bei den EU-Wahlen und die sich daraus ergebenden innenpolitischen Konsequenzen. Die Ära von Bundeskanzlerin Angela Merkel geht zu Ende, die beiden noch regierenden Volksparteien verlieren massiv an Bedeutung. Um künftig Regierungen bilden zu können, werden neue Parteienbündnisse erforderlich sein.

Aus Sicht der Anleger galten die Kanzlerin und die Große Koalition trotz politischem Stillstand als stabiler Faktor für Deutschland und für die EU. Für die Gemeinschaft wäre es zudem ein weiterer schwerer Schlag, sollte die künftige Kanzlerin oder der künftige Kanzler nach den französischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2022 auf Marine Le Pen treffen.

Investor-Info

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