OTS: Börsen-Zeitung / Angst vor einem Zinsschock, ein Marktkommentar von ... - 26.02.21 - BÖRSE ONLINE

OTS: Börsen-Zeitung / Angst vor einem Zinsschock, ein Marktkommentar von ...

OTS: Börsen-Zeitung / Angst vor einem Zinsschock, ein Marktkommentar von ...
26.02.2021 20:44:38

Angst vor einem Zinsschock, ein Marktkommentar von Christopher

Kalbhenn

Frankfurt (ots) - Ein leichtes Beben lässt die Aktienmärkte erzittern und hat

der Rekordjagd ein vorläufiges Ende bereitet. Unter den Anlegern geht die Angst

vor einem Zinsschock um, seit die Verzinsungen an den Staatsanleihenmärkten zum

Höhenflug angesetzt haben. Denn ein deutlicher Anstieg der Anleihezinsen würde -

wenn sich die Entwicklung fortsetzt - die relative Attraktivität von

Dividendentiteln spürbar schmälern und eine Bewertungskompression nach sich

ziehen. Damit würde das Ertragspotenzial von Aktienanlagen empfindlich

geschmälert. Möglicherweise wäre sogar ein Aktienjahrgang mit roten Vorzeichen

zu befürchten. In den zurückliegenden vier Wochen ist die Verzinsung der

zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihe, die am Donnerstag auf ein

Zwölfmonatshoch von 1,61 % gestiegen ist, um bis zu rund 0,6 Prozentpunkte

gestiegen. Noch so ein Schub, und es wird eng.

Aber so weit ist es noch nicht. Auch wenn sich Marktbewegungen für eine gewisse

Zeit verselbstständigen und übers Ziel hinausschießen können, sind den

Staatsanleiherenditen Grenzen nach oben gesetzt. In Europa, den USA und Japan

halten die Notenbanken ihre Leitzinsen nahe beziehungsweise unter null, was die

am langen Ende im Zaum halten wird. Befürchtungen vor einem Bondmarkt-Crash mit

stark steigenden Renditen wie im Jahr 1994 sind auf jeden Fall unangebracht.

Seinerzeit gab es eine Staatsanleihen-Euphorie, die zusammenbrach, als die Fed

völlig überraschend eine Leitzinserhöhung verkündete. 2021 fahren die

Zentralbanken einen ultralockeren Kurs und haben klar zu verstehen gegeben, dass

sie angesichts der vom Coronaschock angerichteten ökonomischen Schäden nicht

daran denken, frühzeitig davon abzukehren. Und zuletzt wurde etwa seitens von

EZB-Vertretern signalisiert, dass sie bereit sind, mit Käufen einzuschreiten,

falls weiter steigende Renditen zu Verwerfungen führen sollten.

Aus Sicht der Aktienmärkte sind vor allem die Gründe für den Anstieg der langen

Zinsen relevant. Sie klettern, weil die Überwindung der Pandemie und das sich

abzeichnende Ende der Lockdowns in Kombination mit massiven fiskalischen Stimuli

zu einer kräftigen Erholung der Wirtschaft einhergeht, die einen Anstieg der

Inflationsraten zur Folge haben wird. Das ist alles andere als ein

grottenschlechtes Umfeld für Aktien und andere Risiko-Assets wie etwa

Unternehmensanleihen.

Genau genommen geben die Aktienmärkte derzeit gar nicht in ihrer Gesamtheit

nach. Vielmehr stehen vor allem sehr hoch bewertete Titel und Sektoren

beziehungsweise Wachstums- und defensive Aktien unter Druck. Aufwind erhalten

dagegen seit langem, nicht erst seit dem Coronaschock underperformende Substanz-

und zyklische Aktien. Am Donnerstag gaben, wie an der sehr schwachen Entwicklung

des Nasdaq Composite abzulesen war, Technologieaktien überproportional nach. Es

findet also eine Umschichtung beziehungsweise eine Rotation in Sektoren statt,

die vom Konjunkturaufschwung und höheren Anleiheverzinsungen profitieren,

darunter Bankaktien.

In den zurückliegenden vier Wochen hat etwa der Stoxx Europe Banks um 14 %

zugelegt, während der Gesamtmarktindex Stoxx Europe 600 sich mit 0,5 % begnügen

musste. Deutlich outperformende Bankaktien sind ein klares Signal, dass neben

einem Bondmarkt-Crash à la 1994 derzeit wohl auch eine große Finanzkrise à la

2008/2009 nicht unmittelbar befürchtet werden muss. Dennoch könnte eine

unruhigere Phase an den Aktienmärkten bevorstehen, wenn die Anleiherenditen in

der nächsten Zeit weiter steigen sollten. Um die Entwicklung zu interpretieren,

muss aber auch berücksichtigt werden, dass die Aktienmärkte seit dem

Corona-Crash einen fantastischen Lauf hatten und zudem die Stimmung der

Marktteilnehmer zuletzt teilweise den Tiefrosa-Bereich erreicht hatte. Eine

Korrektur ist da nur normal.

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