OTS: Börsen-Zeitung / Das Ende einer Ära, Kommentar zu Bayer von Annette Becker

OTS: Börsen-Zeitung / Das Ende einer Ära, Kommentar zu Bayer von Annette Becker
26.02.2020 20:29:41

Das Ende einer Ära, Kommentar zu Bayer von Annette Becker

Frankfurt (ots) - Mit dem Rückzug von Werner Wenning von der Aufsichtsratsspitze

von Bayer endet eine Ära. Wenning setzt sozusagen einen Schlusspunkt unter eine

mehr als fünfzigjährige Dienstzeit - und zwar aus freien Stücken. Das war

angesichts der Unbelehrbarkeit, mit der die Bayer-Verwaltung in der

Vergangenheit ihren Investoren gegenübergetreten war, nicht notwendigerweise zu

erwarten.

Doch mit der 2018 vollzogenen Übernahme des US-Saatgutherstellers Monsanto und

den kurz darauf schlagend gewordenen Klagerisiken sind ohnehin andere Zeiten in

Leverkusen angebrochen. Sie gipfelten in der vorigen Hauptversammlung in der

Nicht-Entlastung des Vorstands und einem mit knapp 67 Prozent nicht eben

überzeugenden Entlastungsbeschluss für den Aufsichtsrat.

Sah es im Anschluss an dieses Debakel zunächst so aus, als nehme Bayer das

Votum lediglich zur Kenntnis, mache ansonsten aber weiter wie bisher, darf ein

Jahr später konstatiert werden: Die Botschaft der Aktionäre ist nicht nur

angekommen, sondern wurde auch angenommen. Gerade mit Blick auf

Governance-Themen hat Bayer in den vergangenen zwölf Monaten nachgebessert.

Angefangen mit der Einrichtung eines Sonderausschusses im Aufsichtsrat, der sich

mit der Glyphosat-Klagewelle befasst und von einem in US-Produkthaftungsklagen

erfahrenen Anwalt beraten wird, bis hin zur Erweiterung der Agrarexpertise im

Aufsichtsrat mit der US-Ernährungsexpertin Ertharin Cousin. Wenn Wenning Ende

April die Segel streicht, hinterlässt er seinem Nachfolger im Aufsichtsrat also

einen weitgehend sauberen Tisch.

Zugleich stellt sich jedoch die Frage, was der Abschied von Wenning, der den

Konzern in den vergangenen Jahrzehnten nach seinen Vorstellungen formte, für den

Vorstandsvorsitzenden Werner Baumann bedeutet. Mit Wenning verliert Baumann

seinen wichtigsten Fürsprecher. Der 73-Jährige war es, der Baumann lange vor der

Zeit zum Nachfolger von Marijn Dekkers kürte und mit ihm die größte und zugleich

folgenschwerste Akquisition der Firmengeschichte durchzog.

Mit seinem Rückzug bringt Wenning seinen Zögling Baumann einerseits aus der

Schusslinie der Kritiker. Andererseits fehlt Baumann künftig die Rückendeckung.

Mit dem Wechsel zur Hauptversammlung hält Wenning zudem noch ein letztes Mal

seine schützende Hand über den Vorstandschef. Denn auch den Investoren ist klar,

dass Aufsichtsrats- und Vorstandschef nicht zeitgleich von der Bayer-Bühne

abtreten können.

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