OTS: IKK e.V. / Bärbel Bas: "Ohne Kodierrichtlinien und Aufsichtsregelung ...

OTS: IKK e.V. / Bärbel Bas:
08.11.2018 14:53:42

Bärbel Bas: "Ohne Kodierrichtlinien und Aufsichtsregelung kein

Vollmodell mit der SPD / 19. Plattform Gesundheit des IKK e.V.:

"Morbi-RSA im Spannungsfeld von Zielgenauigkeit und Fehlsteuerung"

Berlin (ots) - Der Finanzausgleich in der GKV, der

morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA), ist

dringend reformbedürftig. Dies ist das Resümee der

Diskussionsteilnehmer der 19. Plattform Gesundheit des IKK e.V., die

gestern stattfand. Vor mehr als 130 Teilnehmern diskutierten

Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Gesundheitswirtschaft unter

der Überschrift "Morbi-RSA im Spannungsfeld von Zielgenauigkeit und

Fehlsteuerung" in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt.

"Wenn wir jetzt an der Morbi-RSA-Problematik nichts ändern",

prophezeit Bärbel Bas MdB (SPD), Mitglied im Gesundheitsausschuss und

Berichterstatterin für das Thema Morbi-RSA, "dann wird das die

Kassenlandschaft gravierend verändern." Wie eine Morbi-RSA Reform

erfolgreich gelingen könnte, dafür würden auf politischer Ebene

mehrere Stellschrauben diskutiert - unter anderem das sogenannte

Vollmodel, also die Einbeziehung aller Krankheiten in den Morbi-RSA.

Doch ohne die gleichzeitige Einführung von Kodierrichtlinien und

Regelung der Aufsichten sei dieses für die SPD-Fraktion keine Option,

stellt Bas klar. Sie sieht in Kodierrichtlinien eine wesentliche

Maßnahme zur Reduktion der Manipulationsanfälligkeit. Das Dilemma der

unterschiedlichen Aufsichtspraxis von BVA und Länderaufsichten ließe

sich durch die Verlagerung der Finanzaufsicht auf das

Bundesversicherungsamt lösen, erklärt die Abgeordnete.

Auch Hans-Jürgen Müller, Vorstandsvorsitzender des IKK e.V.,

betont die Dringlichkeit, den Morbi-RSA anzupacken. "Wenn die

Realität so aussieht, dass die Kassenarten, die mehr als 60 Prozent

der Versicherten zu versorgen haben, chronisch unterdeckt sind, dann

sind Konsequenzen zu ziehen!", fordert Müller. Insbesondere, weil man

schon jetzt feststellen könne, wie der Morbi-RSA die Kassen

verändere: Die Politik dürfe sich nicht wundern, dass Kassen wie

Unternehmen handeln, erläutert der Vorstandsvorsitzende. Mit Blick

auf die sozialpolitische Verantwortung der Krankenkassen wäre dies

aber eine gravierende Fehlentwicklung: "Wettbewerb ist kein

Selbstzweck und auch der Risikostrukturausgleich muss sich daran

messen lassen, inwieweit er die Versorgung der Versicherten

verbessert." Müller stellt fest: "Wir brauchen einen fairen

Morbi-RSA, um allen GKV-Versicherten eine kostengünstige, hochwertige

Versorgung bieten zu können, und zwar unabhängig davon, wo sie

wohnen."

Wie die Reform des Finanzausgleichs, die von

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Sommer angekündigt wurde, nun

nachhaltig gelingen könnte, darüber waren sich die Referenten und

Teilnehmer der Podiumsdiskussion nicht einig.

Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbands der Ersatzkassen

(vdek), schlägt ein intelligentes, differenziertes Vollmodell vor, um

die Schere aus Unter- und Überdeckung in Höhe von aktuell rund 2,5

Milliarden Euro unter den Kassenarten zu minimieren. "Das Ziel ist,

Überdeckung bei Multimorbidität abzubauen und Wettbewerbsneutralität

zu gewährleisten", betont sie. Die vdek-Vorsitzende gibt allerdings

auch zu bedenken, dass das Vollmodell wissenschaftlich noch gar nicht

vorbereitet sei und deshalb im ersten Reformschritt auch Probleme

bereiten könnte. "Der Morbi-RSA wird immer ein lernendes System

bleiben."

Ebenfalls intensiv debattierten die Gäste über das Thema

"Regionalisierung". Prof. Dr. Robert Nuscheler, Gesundheitsökonom an

der Universität Augsburg sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat

des Bundesversicherungsamts (BVA), vertritt die Meinung, dass der

Wettbewerb durch den Morbi-RSA auch deshalb unfair wäre, weil es

keinen regionalen Ausgleich gäbe. "Die Regionalkomponente ist ein

wesentliches Element für die Weiterentwicklung des Morbi-RSA", so

Nuscheler. Die Abgeordnete Bärbel Bas stimmt ihm im Grundsatz zu. Das

Gutachten hätte ergeben, dass regionale Unterschiede bestünden. Sie

verweist aber darauf: "Wenn man Regionalkomponenten entwickelt, dann

muss man aufpassen, dass man Strukturprobleme nicht noch verfestigt."

Peter Kaetsch, Vorstandsvorsitzender der BIG direkt gesund, sieht

hierbei keinen Widerspruch und führt aus: "Subsidarität ist die

Schwester der Solidarität".

Frank Plate, Präsident des Bundesversicherungsamts, erklärt, dass

auch das BVA Handlungsbedarf beim Morbi-RSA sehen würde. Plate sieht

in der Manipulationsresistenz des Morbi-RSA die Hauptstellschraube

für ein funktionierendes System. Hier müsse man genau hinschauen.

"Die Einführung von Kodierrichtlinien und einer zertifizierten

Software sowie die Lösung des Aufsichtsthemas müssen angegangen

werden", erklärt der BVA-Chef. "Dabei muss alles unter dem Ziel

'Einheitlichkeit des Handelns' stehen."

Vor einer grundsätzlichen Überfrachtung des Morbi-RSA warnt Prof.

Dr. Nuscheler. "Der RSA kann nicht alle Probleme lösen." Als Beispiel

verweist Nuscheler auf die Frage des Präventionsanreizes und schlägt

in diesem Zusammenhang vor, diesen nicht vom Morbi-RSA zu erwarten,

sondern hier bei den Leistungserbringern anzusetzen.

In diesem Zusammenhang verweist Roland Engehausen, Vorstand der

IKK Südwest, schließlich auch auf die Verantwortung der Krankenkassen

selbst. Die Kassen müssten auch Verantwortung für einen transparenten

und sauberen Finanzausgleich übernehmen. "Wir müssen als Kassen mit

einer Selbstverpflichtung für faire Spielregeln sorgen", fordert

Engehausen. "Das heißt natürlich nicht, dass Politik und Aufsicht aus

der Verantwortung sind, aber wir brauchen eine dritte Säule."

Ob die Morbi-RSA-Reform tatsächlich wie angekündigt im Dezember

kommt, bezweifelt Frank Hippler, Vorstandsvorsitzender der IKK

classic. Da aber weitere Spreizungen der Deckungsunterschiede die

Schieflage in der GKV verstärken würden und deshalb unbedingt zu

vermeiden seien, schlägt er zunächst die Einführung einer

Übergangslösung vor. "Nach dem Vorbild der Krankengeldzuweisungen

wäre ein hälftiger Ist-Kostenausgleich eine schnelle und pragmatische

Übergangslösung", erläutert Hippler. "Das schafft Spielraum für eine

sorgfältig geplante und ausbalancierte RSA-Reform.

Auch in seinem Schlusswort betont der IKK e.V.-Geschäftsführer

Jürgen Hohnl, dass die Akteure wieder Vertrauen in das System

hineinbringen müssten. Kodierrichtlinien und eine Selbstverpflichtung

der Kassen könnten hier wichtige Maßnahmen sein. Die Diskussion habe

aber auch noch einmal gezeigt, dass auch künftig der Morbi-RSA als

Finanzausgleichssystem der Kassen ein lernendes, stets auch

Anpassungen unterworfenes System sein werde: "Das R² darf dabei kein

Dogma sein."

Über den IKK e.V.: Der IKK e.V. ist die Interessenvertretung von

Innungskrankenkassen auf Bundesebene. Der Verein wurde 2008 gegründet

mit dem Ziel, die Interessen seiner Mitglieder und deren mehr als

fünf Millionen Versicherten gegenüber allen wesentlichen Beteiligten

des Gesundheitswesens zu vertreten. Dem IKK e.V. gehören die die BIG

direkt gesund, die IKK Brandenburg und Berlin, die IKK classic, die

IKK gesund plus, die IKK Nord sowie die IKK Südwest an.

- Diese Pressemitteilung finden Sie auch im Internet unter

www.ikkev.de -

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Pressekontakt:

Pressesprecherin

Iris Kampf

Tel.: 030 202491-32

Fax: 030 202491-50

E-Mail: Iris.Kampf@ikkev.de

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