Der „Big Short“-Investor Micheal Burry hat sich auf Palantir eingeschossen – und gräbt sich immer tiefer durch die Bilanzen. Nun macht Burry auf eine Ungereimtheit in der Bilanz aufmerksam, die Profis schon seit Jahren aufstößt.

Der KI-Champion Palantir hat viele Gegner. Die einen wittern hinter der Software Big Brother-Methoden oder ganz allgemein „das Böse“, weil die KI dahinter Menschen anhand der Auswertung ihrer Daten aus dem Netz in der realen Welt ausfindig machen und überwachen können. Schließlich hat Palantir große Teile davon ursprünglich für das Pentagon entwickelt. Palantir-Chef Alex Karp machte sich für seine Kritiker einen Spaß daraus, seine Flagship-Software einfach „Gotham“ zu nennen – wie die dunkle, vom Bösen beherrschte Stadt in den Batman-Comics.

Viele Profi-Investoren mögen Palantir nicht, weil ihnen die Bilanzen des KI-Unternehmens undurchsichtig erscheinen. Da werden Gewinne munter um diverse Kosten bereinigt, umfangreiche Aktien-Bonusprogramme (stock compensation) verlagern immer größere Teile des Unternehmens vom Streubesitz hin zum Management und Verwaltungsrat und verwässern regelmäßig den Gewinnanteil der übrigen Anteilseigner.

„Big Short“-Investor gegen Palantir

In die Reihe der Kritiker hat sich vor einigen Monaten auch Michael Burry eingereiht, bekannt geworden durch seinen „Big Short“: Die Milliardenwette gegen den US-Immobilienmarkt, die in der Finanzkrise am Ende aufging und Burry in Person von Christian Bale eine Hauptrolle in dem gleichnamigen Kinofilm verschaffte.

Über einen Newsletter mit dem Namen „Cassandra Unchained“ schießt Burry nun seit einigen Wochen regelmäßig gegen Palantir und gräbt sich dabei tiefer und tiefer durch die Unternehmensstruktur. Seine Ergebnisse sind – logisch – nicht beruhigend. Denn Burry setzt meistens auf fallende Kurse und hat deshalb ein Interesse daran, Unternehmen in ein schlechtes Licht zu rücken. Erst kürzlich warnte er vor einem 65-Prozent-Crash der Palantir-Aktie.

Wann fließt wirklich Geld?

Doch ein Detail aus der Bilanz, das der Investor in dieser Woche veröffentlichte, lässt aufhorchen. Denn es könnte sich um einen Trick handeln, der schon des Öfteren schlecht für die Unternehmen ausgegangen ist, die ihn eingesetzt haben. Zuletzt für Super Micro Computer, in Deutschland einst beim Solar-Projektierer Conergy.

Es geht – kurz gesagt – um die Frage, wann Unternehmen Rechnungen schreiben und diese als Umsatz verbuchen – und wann das Geld dann wirklich fließt.

Zunächst einmal ist das nicht ungewöhnlich: Ein Unternehmen liefert eine Ware oder Dienstleistung, schreibt eine Rechnung und räumt dem Kunden dafür ein Zahlungsziel ein. Wenn die Forderung zum Bilanzstichtag noch nicht beglichen ist, wird sie in der Bilanz auf der Aktivseite unter „Forderungen aus Lieferungen und Leistungen“ aufgeführt. Englisch heißt der Posten „accounts receivables“, kurz AR. Wird die Forderung bezahlt, fließt Geld. Der Posten Forderungen sinkt um den entsprechenden Betrag, der Bilanzposten „Liquide Mittel“ steigt.

Ein Bilanzposten steigt seit neun Quartalen unaufhörlich

Burry hat sich angesehen, wie sich die Forderungen bei Palantir über die Zeit entwickelt haben – und wann dann das Geld fließt. Dazu nahm er sich das 10-K-Dokument mit dem testierten Jahresabschluss, den Palantir erst am 17. Februar, zwei Wochen nach der offiziellen Bekanntgabe der Zahlen und der folgenden Analystenkonferenz, veröffentlicht hat. Dann rechnete Burry die Forderungslaufzeit aus. Eine steigende Laufzeit bedeutet, dass sich Kunden aus irgendeinem Grund mehr Zeit mit der Bezahlung der Dienstleistungen von Palantir lassen.

Ergebnis: Die Forderungslaufzeit bei Palantir steigt seit mehreren Quartalen. Genauer: In neun der vergangenen zwölf Quartale wuchs der Forderungsbestand schneller als der Umsatz. Das bedeutet entweder, dass die Kunden klamm sind – unwahrscheinlich bei den vielen öffentlichen Aufträgen vom Staat – oder dass Palantir Forderungen immer früher verbucht. Warum Palantir das tun sollte? Weil man dann mehr Wachstum zeigen kann.

Burry nutzt dafür weniger freundliche Vokabeln. Er spricht von „Channel Stuffing“, aggressiver Umsatzrealisierung oder gezielt verlängerten Zahlungsfristen für die Lizenzen.

Palantir Technologies (WKN: A2QA4J)

Wie passt das zu Palantirs Lizenz- udn Abomodell?

Was ihm besonders aufstößt: Palantir verkauft seine Software, wie die meisten Unternehmen, als Lizenz- oder Abomodell. „Bei echten Abonnementgeschäften sollte das Wachstum der Forderungen eng mit dem Umsatzwachstum einhergehen“, stellt er fest. Wenn das Volumen der Forderungen dagegen volatil sei oder schneller wachse als der Umsatz, „bedeutet dies, dass das Unternehmen Verkäufe schneller verbucht, als es Geld einnimmt.“

Mit anderen Worten: Palantir bläht sein Geschäft künstlich auf, um durch eine vorzeitige Verbuchung von Forderungen mehr Wachstum zeigen zu können. Die Kunden zahlen aber erst viel später – so Burrys Vorwurf.

Zwingen die Erwartungen der Börse Palantir zu Bilanztricks?

Tatsächlich zweifelt kaum jemand daran, dass Palantir – nach jahrelangen Verlusten – mittlerweile eine echte Cash-Maschine geworden ist. Doch die extrem hohe Bewertung der Aktie und die damit eingepreisten Erwartungen der Börse zwingen Alex Karp und seinen Vorstand dazu, immer neue Rekordmarken zu setzen. Nicht ausgeschlossen, dass dafür auch die Bilanz ein bisschen gedehnt wird.

Dann aber wäre die Aktie im Moment womöglich tatsächlich zu hoch bewertet. Die Analysten dürften bald anfangen, Fragen zu stellen.

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Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Palantir Technologies.