Der Münchner Autobauer BMW, der anfangs noch recht ungeschoren durch die Chipkrise kam, stellt sich auf schwierige Monate ein. "Mit zunehmender Dauer der Liefer-Engpässe wird die Situation angespannter", beschreibt Finanzvorstand Nicolas Peter die Lage. Vier Fünftel der deutschen Autofirmen kämpfen mit einem Mangel an Vorprodukten, ergab eine Umfrage des Ifo-Instituts. Auf der anderen Seite versucht der Chip-Hersteller Infineon händeringend, die Produktionskapazitäten zu erhöhen.

Schon zu Jahresbeginn hatten die Autobauer zu kämpfen, weil die Chip-Hersteller im Corona-Lockdown 2020 ihre Produktion auf die höhere Nachfrage nach Unterhaltungselektronik ausrichteten und die Kapazitäten nicht mehr für die Autos reichten. Dann fielen Fabriken in den USA und in Japan nach einem Unwetter und einem Brand aus. Inzwischen sind es steigende Corona-Fallzahlen in südostasiatischen Ländern wie Malaysia, die den Einkäufern der Autobauer Kopfzerbrechen bereiten. Der Münchener Konzern Infineon, der besonders viel Geschäft mit Auto-Chips macht, musste die Fertigung im malaysischen Malakka zweimal für insgesamt 20 Tage stoppen und impft nun die Belegschaft durch, um weitere Unterbrechungen zu vermeiden. Zwischen 200 und 300 Millionen Euro Umsatz fehlen Infineon inzwischen wegen der Stillstand-Zeiten.

CHIPMANGEL TREIBT GEWINNE NACH OBEN


"Die Vorräte sind auf einem historischen Tiefstand. Unsere Chips gehen aus der Fertigung direkt in die Endanwendungen", schilderte Ploss die Lage. "Die Lieferschwierigkeiten bleiben allgegenwärtig. Wir kämpfen um jeden zusätzlichen Wafer." Etwas Hoffnung macht ihm, dass die neue Fabrik für Leistungshalbleiter im österreichischen Villach seit Dienstag - früher als geplant - betriebsbereit ist. Mit einer Besserung der Situation rechnet Ploss aber "frühestens weit im Jahr 2022."

Derweil warten die Autobauer verzweifelt auf Lieferungen. Es kommt zu Produktionsausfällen, in den Werken gilt Einschichtbetrieb oder die Bänder stehen sogar ganz still. Da ist es fast ein Glück, dass viele deutsche Konzerne ab August reguläre Produktionspausen zur Wartung der Anlagen angesetzt haben. "Wir rechnen im zweiten Halbjahr mit weiteren Produktionseinschränkungen und damit verbundenen Auswirkungen auf den Fahrzeugabsatz", sagte BMW-Finanzchef Peter. Bis Jahresende könnten womöglich 70.000 bis 90.000 Fahrzeuge wegen der Knappheit nicht produziert werden. Der Stuttgarter Rivale Mercedes-Benz geht davon aus, dass mehr als 150.000 Autos in diesem Jahr weniger als geplant vom Band rollen. Noch stärker sind die Massenhersteller betroffen: VW konnte in der ersten Jahreshälfte eine hohe sechsstellige Zahl an Fahrzeugen nicht fertigen.

Als Reaktion auf die Engpässe konzentrieren sich viele Autohersteller auf margenstarke, große Fahrzeuge und drosseln die Produktion kleinerer Modelle. Das spiegelt sich in den Gewinnen wider: Der französisch-italienische Konzern Stellantis, der aus der Fusion von Fiat Chrysler und PSA hervorgegangen ist, schaffte eine Gewinnmarge von 11,4 Prozent - ein hoher Wert für einen Massenhersteller - und hängte damit den Rivalen Volkswagen mit seinen 8,8 Prozent ab. BMW erzielte in der Autosparte in den ersten sechs Monaten eine Rendite von 13 Prozent und zeigte sich zuversichtlich, im Gesamtjahr am oberen Ende der Prognosespanne von sieben bis neun Prozent zu landen. Mercedes-Benz schaffte mit 12,8 Prozent das dritte Quartal in Folge eine zweistellige Rendite auf bereinigter Basis - ein historisches Ergebnis.

GEBRAUCHTWAGENMARKT BOOMT


Zugute kommt den Herstellern die weltweit starke Nachfrage, weswegen sie ihre Neuwagen ohne größere Preisnachlässe verkaufen können. BMW schaffte im ersten Halbjahr einen Absatzrekord. Trotz der Chip-Engpässe rechnet BMW mit einem "soliden Wachstum" bei den Auslieferungen - also ein Plus von fünf bis knapp zehn Prozent. Der Umsatz der Münchner stieg in der ersten Jahreshälfte um 28 Prozent auf 55,4 Milliarden Euro, der Gewinn schnellte auf 7,6 Milliarden Euro von 362 Millionen im Vorjahr. Die starken Ergebnisse dürften insbesondere auf umfangreiche Sparmaßnahmen, nachgeholten Käufen und einer Konzentration auf margenstarkes Geschäft beruhen, erläuterte Frank Schwope, Analyst bei der NordLB.

Aber auch Einmaleffekte kamen den Münchnern zugute: So konnte BMW die Rückstellung für das EU-Kartellverfahren wegen Absprachen rund um die Abgasreinigung von Dieselautos auflösen, nachdem die Strafe geringer ausfiel als angenommen. Barclays-Experten verwiesen zudem auf geringere Pensionskosten, die weitere 500 Millionen Euro beisteuerten. An der Börse wurden die Zahlen mit Verkäufen quittiert: Mit einem Abschlag von bis zu 4,5 Prozent waren die BMW-Papiere Schlusslicht im deutschen Leitindex Dax.

rtr