Capital Group: Den Sturm überstehen: In Global Champions investieren

Capital Group: Den Sturm überstehen: In Global Champions investieren
05.06.2020 09:38:51

Andy Buddn: Jonathan, vergleichen Sie doch einmal die aktuelle Krise mit früheren, die Sie miterlebt haben.

Jonathan Knowles: In meiner Laufbahn habe ich drei große Krisen erlebt: das Platzen der Dotcom-Blase, die internationale Finanzkrise und die aktuelle Corona-Krise. Auffällig an der COVID-19-Pandemie ist vor allem ihr Tempo. Die Krise ist ohne Beispiel, sie kam fast aus dem Nichts. Ich glaube, wir erleben gerade den zweitschnellsten Kurseinbruch aller Zeiten, fast wie beim Börsenkrach 1987. Aber während die internationale Finanzkrisevon Banken verursacht wurde, die zu vieleKredite vergaben, kann man diesmal kein Unternehmen verantwortlich machen.

Andy Budden: Der Kurseinbruch war schnell und brutal, aber Notenbanken und Regierungen haben ebenso schnell reagiert. Sie haben aus der Finanzkrise gelernt. Was halten Sie von dem, was Regierungen und Notenbanken bislang getan haben?

Jonathan Knowles:Sie haben getan, was man von ihnen erwartete, und wahrscheinlich hatten sie auch keine Wahl: Sie stabilisiertendas System mit enormenFinanzspritzen. Aber es gibt ein Problem: Die internationale Finanzkrise liegt noch nicht lange zurück. Wir haben die alten Schulden noch nicht wirklich abgebaut und uns erholt, und schon steht die nächste Krise vor der Tür.

In den Industrieländernist die Staatsverschuldung enorm gestiegen. So könnte das britische Haushaltsdefizit in diesem Jahr etwa 15% betragen. (Stand 21. April 2020. Quelle: The Centre of Policy) Das ist nicht gut,und es hat seinen Preis.

Eine Folge wird sein, dass der private Sektor mehr spart. Nicht zuletzt wegen der internationalen Finanzkrise hat die Zinspolitik ihr Pulver weitgehend verschossen. In weiten Teilen der entwickelten Welt liegen die Zinsen nahe null, aber fürGroßbritannien ist ein so niedriger Leitzins nicht wirklich passend.

Wenn ich mir vor Augen halte, was in Japan in den letzten Jahrzehnten passiert ist,scheint esmir, als würde die Welt diesem Beispiel folgen. Manche Industrieländer tun es Japan gleich. Die beispiellose Geldmengenexpansion hat einen wohlklingendenNamen: Man nennt sie Modern Monetary Theory, kurz MMT.

MMT sorgt für Liquidität, aber hat eine Nebenwirkung: Geschäftsbanken werden verdrängt. Ich halte aber nicht viel davon, wenn statt privater Banken dieRegierung oder eine Behörde für die Kreditvergabe zuständig ist. Es droht Moral Hazard.

Ein weiteres Problem ist, dass in Europa viele Länder eine gemeinsame Währung haben, den Euro. Die Gemeinschaftswährung ist gut für Deutschland, denn das Landist sehr wettbewerbsfähig, mit einem Haushalts-und einem gewaltigen Leistungsbilanzüberschuss. Aber Italien leidet unter dem Euro: Schon jetzt ist das Land hoch verschuldet, und COVID-19 macht es nicht besser. Erleichterung durch eine Währungsabwertung ist ausgeschlossen. Italien stünde vielleicht besser da, wenn Deutschland die Abschreibung eines Teils der Schulden akzeptieren würde, im Rahmen eines „New Deal“. Aber ob die deutschen Steuerzahler das akzeptieren?

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Idee von „Corona-Anleihen“als Rettungsanker für Italien abgelehnt. Ich glaube, dass der europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) zum Einsatz kommen könnte. Aber dadurch wird das Problem nur vertagt.Für Europa rechne ich mit einer langen Stagnationund schwachem Wachstum. Vielleicht zerbricht die Währungsunion,und Italien könnte versuchen, aus der EU auszutreten. Die europäischen Banken und die Anleihen in ihren Büchern kämen dann unter die Räder. Dieses Risiko habe ich genau im Blick.

Andy Budden: Robert Lind, Volkswirt bei derCapital Group, sprach von Europas Nero-Moment, nach dem römischen Kaiser Nero, der angeblich Leier spielte, als Rom in Flammen stand. Das jüngste Treffen der EU-Staats-und Regierungschefs botden Pessimisten viele Argumente, die fürchten, dass die mangelnde politische Zusammenarbeit in Europa letztlich zum Scheitern des Euro führt. Doch es gab gerade genug Anzeichen für einen Kompromiss zwischen Deutschland und Italien, damit die Optimisten weiter auf eine Einigung hoffen können.

Jonathan, Sie sind wohl einer der ganz wenigen Portfoliomanager, die in der Virologie gearbeitet haben. Wie schätzen Sie COVID-19 insgesamt ein?

Jonathan Knowles: Vor vielen Jahren, in den 1980ern,arbeitete ich in einem Labor, das an Atemwegsvirenforschte, auch an Coronaviren. Das Coronavirus ist ein recht großes vielgestaltigesVirus mit einer Lipidhülle. Es bindet sich über das S-Protein (Spike-Protein) an menschliche Zellen. Diese „Zacken“geben dem Virus die Anmutung einer Krone.

Die S-Proteine von COVID-19 scheinen besonders bindungsfreudigzu sein und besonders gut an bestimmte Rezeptoren menschlicher Zellen anzudocken. Die Lipidhülle ist allerdings ein Schwachpunkt, denn sie ist recht instabil und überlebt nicht lange auf Möbeln etwa zwei bis drei Tage. Wenn es sehr warm ist, etwa in der tropischen Mittagssonne, ist die Zeit noch wesentlich kürzer.

Als Gesellschaft müssen wir lernen, mit COVID-19 zu leben. Die Pandemie ist aber vor allem ein Problem der Industrieländer, in denen dieLebenserwartung hoch ist. Wir werden wohl eine gewisse Zahl von Todesfällen akzeptieren müssen, wie bei der Grippe.

Solange wir keineTherapie entwickelt haben,führt anSocial Distancing und Virustests kein Weg vorbei. Beides wird alltäglich. Nach dem 11. Septemberhaben wir uns an Sicherheitskontrollen auf Flughäfen gewöhnt. Großveranstaltungen werden weiterhin mit der Pandemie leben müssen. Vielleicht wird es hier mehr Tests geben.

Ich bin unsicher, ob man wirklich alle Länder zu einem Lockdown ermutigensoll. Für ein Entwicklungsland wie Kenia mit einem Durchschnittsalter von gut 20 Jahren und einer Lebenserwartung um die 65 Jahre scheint mir ein Lockdown wenig sinnvoll. Der durchschnittliche Kenianer wird gar nicht alt genug, um ernsthaft Gefahr zu laufen, an COVID-19 zu sterben. Bei Ländern wie Indien mit einem Durchschnittsalter knapp unter 30 Jahren sehe ich es ähnlich. Die gesellschaftlichen Kosten eines Lockdowns wiegen hier vermutlich schwerer als die geretteten Leben. In Nigeria und Kenia, wo viele Menschen von der Hand in den Mund leben, brechen Hungerunruhen aus. Für die Menschen ist das eine Katastrophe. Chancen und Risiken müssen gegeneinander abgewogenwerden, unter Berücksichtigung derländerspezifischen Besonderheiten.

Andy Budden: Welche Auswirkungen hat COVID-19 auf die Medizintechnikbranche?

Jonathan Knowles: Einige Medizintechnikunternehmen werden echte Krisengewinnler sein. Man denke an einen Hersteller von Beatmungsgeräten.

Viele Medizintechnikfirmen leiden aber auch unter der Pandemie, ganz einfach,weil sich viele Krankenhäuser auf die Behandlung von COVID-19 konzentrieren. Hier in Singapur werden Routinebehandlungen abgesagt, weil sich alles um COVID-19 dreht. Für Unternehmen, die beispielsweise Stents produzieren oder Therapien gegen Unfruchtbarkeitentwickeln, ist dies eineschlechte Nachricht. Langfristig besteht an deren Produkten aber Bedarf, sodass die Nachfrage zurückkehren dürfte. Kurzfristig wird zwar weniger verkauft, aber der Absatz wird sich wieder normalisieren.

Andy Budden: In früheren Abschwüngenhaben sich klassische defensive Sektoren wie Versorger, Gesundheit, Konsumverbrauchsgüter und Telekommunikation ehergut gehalten, während der bisherige Spitzenreiter seine führende Position verlor, wenn die Märkte kippten. Aber dieses Mal ist es etwas anders. Zwar haben sich klassische defensive Werte im aktuellen Abschwungwiederrecht gut gehalten, aberauch der Informationstechnologiesektor war stabil. Er stand vor dem Abschwung auch schon gut da.

Jonathan, wen halten Sie für die Gewinner und wen für die Verlierer der Krise?

Jonathan Knowles: Jede Krise hat ihre Verlierer. Nach der internationalen Finanzkrise waren es eindeutigdie Banken, die es gleich mehrfach traf–durch den Schulden-und Risikoabbau, höhere Kapitalanforderungen und viele Jahremit hohen Strafzahlungen. Diesmal dürfte es den Regierungen aber schwerfallen, Unternehmendie Schuld zuzuschieben.

Solange wir keine Therapie gegen das Virus haben, werden viele Unternehmen mit verminderter Kapazität arbeiten. Das extremste Beispiel ist die Luftfahrt. Erstmals seit 70 Jahren mussten Passagierflugzeuge am Boden bleiben. Die Geschäftsergebnisse der Fluggesellschaften dürften noch einige Zeit niedrig sein,und die Bewertungskennzahlen könnten sich dauerhaft verschlechtern.

Die derzeitige Lage ist auch für die Emerging Markets schwierig. Zusätzliche US-Dollar-Liquidität mag kurzfristig helfen, doch langfristig könnte die Weltwirtschaft wenigerwachsen. Aber die Emerging Markets brauchen Wachstum. Die Rohstoffpreise sind schwach,und viele Schwellenländer sind auf Rohstoffexporte angewiesen.

Unterdessen besteht in Europa das Risiko, dass die Corona-Krise eine noch größereKrise auslöst: eine Schuldenkrise, die erst zueiner politischenKriseund dann zurFinanzkrise wird.

Ich glaube, dass man in Zukunft mehr auf Krisenfestigkeit achten wird. Wenn Unternehmen bei einer geringeren Nachfrage weiterarbeitenwie bisher, steigen die Betriebskosten,und dieMargen gehen zurück. Wahrscheinlich wird man sich auchvon China abwenden, zumindest teilweise.

Andy Budden: Die Unzufriedenheit mit China scheint groß. Werden die anderen Länder mehr Handel untereinandertreiben,umsich unabhängiger von China zu machen? Was denken Sie über die Globalisierung und Chinas Beziehungen zur übrigen Welt?

Jonathan Knowles: Vor einiger Zeit gab die australische Regierung eine Studie in Auftrag, nach derChina in Australien deutlich mehr Einfluss hat als bisher vermutet. Man versuchte dann, diesen Einfluss zurückzudrängen. Großbritannien, Europa und den USA wurde die Studie ebenfalls zur Verfügung gestellt. Schon vor der Krise war einiges in Bewegung gekommen.

Ich glaube aber nicht, dass man sich jetzt gegen China stellt. Man positioniert sich eher gegen das chinesische System, also die Kommunistische Partei. Das ist ein wichtiger Unterschied. In Europa gab es schon vorher Obergrenzen für ausländische Kapitalbeteiligungen. Es führt kein Weg daran vorbei, dass die westliche Welt chinesische Beteiligungen kritischer sieht.

In zweifle nicht daran, dass weiter mit China Handel getrieben wird, aber er wird strenger kontrolliert. So könnte das Board eines Pharmakonzerns genauer darauf achten, wo die Vorprodukte eingekauft werden, um bei den wichtigsten nicht von einer einzigen Quelleabhängigzu sein.

Andy Budden: Wie, glauben Sie, wird man das Virus in den nächsten Jahren bekämpfen?

Jonathan Knowles: Die Krise kann auf unterschiedliche Weise zu Ende gehen. Wenn schnell eine Therapie entwickelt wird, wird sich die Welt entspannen und die Lagenormalisieren. Wahrscheinlichwird es aber eher länger dauern.Dann werden sich die Unternehmensgewinne nicht so schnell erholen,und die Märkteauch nicht.

In Australien und Neuseeland gibt es zurzeit fastkeine COVID-19-Fälle. Beide Länder werden noch längergenau überlegen, wen sie ins Land lassen. Vielleichtverlangen sie Tests,bevor Besucherins Flugzeug steigen –eine Maßnahme, an die man sich allmählich gewöhnen wird.

Man sollte dieMenschen nicht unterschätzen. In den letzten 30 Jahren haben wir vier oder fünf Virusausbrüche überstanden. Mit der nötigen Zeit und ausreichendenRessourcen wird uns dasauch diesmal gelingen.

Heute können wir auf COVID-19 wesentlich schneller reagieren als zu meiner Zeit im Labor. Dies liegt auch an Quantencomputern. Halbleiter haben sich so sehr verbessert, dass wir das Virus jetzt wesentlich besser modellieren und seine Schwachstellen wesentlich schneller entdecken können als früher. Was 20 organische Chemikerfrüher in einem Monat leisteten,schafft ein Computer heute an einem Nachmittag.

Andy Budden: Welche Anlagen finden Sie zurzeit interessant?

Jonathan Knowles: Ich schichte mein Portfolio zurzeit nicht zu sehr um. Ich setze auf Unternehmen mit einer guten Marktposition und Firmen, die auch in einer wachstumsschwachen Welt wachsen können.

So investiere ich in Speicherchips, Medizintechnik, medizinische Innovationen, Zahlungssysteme, aber auch in Halbleiter. Einige Unternehmen aus meinem Portfolio haben einen enormen Marktanteil und stellen Produkteher, an denen die Welt nicht vorbeikommt.

Im Medizinbereich befasse ich mich weiter mit Diabetes, einer anderen Pandemie, dieweitmehr Menschen tötet als das Coronavirus. Insulin wird heute anders verabreicht als früher, und auch die Bestimmungdes Blutzuckerspiegelsändertsich. Dies wird zu einem Paradigmenwechsel in der Diabetesbehandlung führen. Es gibt einen großen Markt für Geräte zur kontinuierlichen Glukosemessung: kleine Sensoren, die am Körper befestigt werden und den Glukosespiegel verfolgen. Diese Monitore können ständig mit einer Pumpe kommunizieren, die auch am Körper befestigt ist und das nötige Insulin verabreicht. So lässt sich der Glukosespiegel besser steuern, zum Wohle des Patienten.

Die Krise hat auch denZahlungsverkehr verändert. Die Menschen scheinen heute immer öfter einen Bogen um Bargeld zu machen, da es infektiös sein könnte.Ich möchte in diese Global Champions investieren–und in Unternehmen, die auf dem Weg dorthin sind. Sie dürften sich unabhängig von der Marktentwicklung gut halten.


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