Chainberry: Was von den Banken übrig bleibt

Chainberry: Was von den Banken übrig bleibt
21.11.2019 07:20:00

Ist damit der Boden erreicht? Wohl kaum. Es scheint eher der Anfang eines drastischen Personalabbaus zu sein, denn die wichtigsten Ertragssäulen der Kreditinstitute geraten weiter unter Druck.

Die Erträge deutscher Kreditinstitute stammen zu etwa drei Vierteln aus dem Zinsgeschäft, circa ein Viertel steuert das Provisionsgeschäft bei. Bislang hatte das Zinsgeschäft vor allem mit der Niedrigzinspolitik der EZB zu kämpfen. Aus Wettbewerbsgesichtspunkten trauen sich einlagenlastige Banken nur eingeschränkt, Negativzinsen an ihre Kunden weiterzugeben. Lediglich die Hälfte verlangt von ihren Firmenkunden negative Zinsen auf großvolumige Sichteinlagen. Bei den Einlagen privater Sparer liegt die Quote bei gerade vier Prozent. Sinkende Zinsen auf der Kreditvergabeseite können so nur bedingt über sinkende Zinsen auf der Passivseite ausgeglichen werden, die Zinsmarge schrumpft. Da die EZB auf absehbarer Zeit an ihrer Politik festhalten dürfte, ist in diesem Bereich keine Besserung in Sicht.

Ein Teil der Banken kompensiert die schrumpfende Zinsmarge über eine Ausweitung des Geschäftsvolumens. Doch auch dieser Ausweg dürfte zunehmend verbaut werden, denn hier wird den Kreditinstituten die Digitalisierung – und im Speziellen die Blockchain-Technologie – zu schaffen machen. Aktuell gehen zahlreiche Unternehmen dazu über, Alternativen zum klassischen Bankkredit zu erproben. Gemeint ist damit die Beschaffung von Fremdkapital durch die Ausgabe von Debt-Token. Bei Lichte betrachtet stellt diese Art der Fremdkapitalbeschaffung nichts anderes dar als die Emission einer Anleihe, allerdings mit einem feinen Unterschied: Die Kosten der Kapitalbeschaffung sind deutlich geringer als auf herkömmlichem Wege. Auch wenn die Debt-Token-Emission via Blockchain derzeit noch ein sehr zartes Pflänzchen darstellt, wird sie innerhalb der nächsten fünf Jahre zu einer ernst zu nehmenden Alternative für Unternehmen heranwachsen. Werden hier absehbar die regulatorischen Rahmenbedingungen verbessert, dürften Banken im Zinsgeschäft weiter unter Druck geraten.

Allerdings ist es kaum vorstellbar, dass sich dieses Geschäft ohne qualifizierte Beratungsleistung entwickeln wird. Die Beratung der Unternehmen bei der Token-Strukturierung und die finale Token-Platzierung beim Anleger könnten sich so zu einem lukrativen Geschäftsfeld entwickeln. Damit würde die zweite große Ertragssäule der Kreditinstitute, das Provisionsgeschäft, gestärkt, das bereits in den vergangenen Jahren die Rückgänge aus dem Zinsgeschäft zum Teil auffangen konnte. Neben dem volatilen Provisionsgeschäft auf der Wertpapierseite, und hier könnte man auch die Token-Beratung einordnen, hat sich vor allem das Provisionsgeschäft im Zahlungsverkehr als stabil erwiesen. Der Zahlungsverkehr steuert immerhin rund die Hälfte der Erträge des Provisionsgeschäftes im deutschen Bankensektors bei.

Aber Vorsicht: Auch diese Säule wird unter Beschuss geraten. Internationale Großbanken wie J.P. Morgan oder HSBC werden das Zahlungsverkehrsgeschäft in der Business-Welt an sich reißen. Und auch hier spielt die Blockchain-Technologie eine große Rolle. J.P. Morgan zum Beispiel hat erst jüngst einen sogenannten StableCoin eingeführt und beginnt auf dieser Grundlage, ihren Kunden internationale Zahlungsverkehrsdienstleistungen anzubieten. StableCoins sind an traditionelle Währungen geknüpfte Digitalwährungen auf der Blockchain. Sie verbinden zwei perfekte Welten: die extrem kostengünstige Transaktion wegen des Wegfalls von Mittlern und die Stabilität der traditionellen Währungen wie Euro oder Dollar. In den kommenden zehn Jahren dürften fast alle Unternehmen im Zahlungsverkehr auf diesen Weg umgestiegen sein. Die Erträge werden deutlich schmaler ausfallen, vor allem bei Big Finance aus Übersee landen und daher den deutschen Banken fehlen.

Deutlich schneller dürften die Einnahmen aus dem Zahlungsverkehr mit Privatkunden wegfallen. Verantwortlich wird aber weniger die internationale Hochfinanz sein, vielmehr werden große Technologiekonzerne die Zahlungsverkehrsdienstleistungen übernehmen und den Markt unter sich aufteilen. Auch hier wird die Blockchain der Treiber sein. Unternehmen wie Facebook bereiten für 2020 die Einführung eines eigenen StableCoins vor, welcher zum Geldtransfer durch den hauseigenen Messengerdienst WhatsApp dienen wird. Damit können die 2,5 Milliarden WhatsApp-Nutzer ihre alltäglichen Zahlungsvorgänge unkompliziert durchführen. Auch Telegram, der vor allem in Osteuropa und dem Nahen Osten weit verbreitete WhatsApp-Konkurrent mit etwa 200 Millionen Usern, arbeitet fieberhaft an eigenen Bezahlfunktionen. Wer sich noch erinnern kann, mit welcher rasanten Geschwindigkeit diese Messengerdienste die Welt eroberten, kann sich vorstellen, mit welchem Tempo der private Zahlungsverkehr dort Einzug halten wird. Folglich wird auch diese Ertragssäule bei den deutschen Kreditinstituten kurzfristig fast vollständig verschwinden.

Fasst man die Auswirkungen der Blockchain-Technologie auf den deutschen Bankensektors zusammen, dann wird nur noch das Provisionsgeschäft übrig bleiben: die Kundenberatung bei der Token-Emission und auf der Kapitalanlageseite. Hier könnten sich deutsche Banken eines Assets bedienen, welches über Technologie nur schwerlich substituierbar sein wird. Die Rede ist von langjährigen Kundenbeziehungen und dem damit gewachsenen Vertrauen. Schaut man sich allerdings die jüngere Generation an, dann scheint die Jugend wenig motiviert zu sein, eine Bankfiliale zu besuchen. Das erinnert ein wenig an die fast abgeschlossene Ablösung des vorbestimmten Fernsehens durch die selbstbestimmten Streaming-Dienste. Meine Kinder jedenfalls sehen kaum noch klassisches Fernsehen.

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