Als sich Covid-19 nicht mehr verheimlichen ließ, reagierte Peking autoritär, entschlossen und schnell: Innerhalb von Stunden wurde die Elf-Millionen- Metropole Wuhan abgeriegelt, der Personenverkehr in und aus der Stadt gestoppt, der öffentliche Nahverkehr ausgesetzt und Firmen dicht gemacht. Die Bewohner mussten sich umgehend in häusliche Quarantäne begeben. Die Anordnungen wurden via Handytracking scharf überwacht, Zuwiderhandlungen drakonisch bestraft.

In den darauf folgenden Tagen wurde das öffentliche Leben und die Produktion auch in vielen anderen Städten, darunter Peking, Shenzhen und Shanghai, komplett heruntergefahren. Millionen Menschen harrten wochenlang in ihren Wohnungen aus. "Die aggressive Reaktion der Regierung in Peking verhinderte die Infizierung und rettete das Leben mehrerer Hunderttausend Menschen", lobt die Weltgesundheitsbehörde WHO.

Mittlerweile meldet Wuhan keine weiteren Neuerkrankungen. Die Menschen dürfen endlich vor die Tür. Die Provinz Hubei ist wieder geöffnet. Auch im restlichen China macht sich Erleichterung breit. Nun kehrt das Land zur Normalität zurück. Etwa 80 Prozent der staatlichen Unternehmen haben die Produktion wieder aufgenommen.

Der mit unbegrenzter Amtszeit ausgestattete Staatspräsident Xi Jinping lässt sich für das erfolgreiche Krisenmanagement feiern. Der absolute Machtanspruch der Kommunistischen Partei hat nicht gelitten. Die Regierung in Peking und Xi Jinping gehen gestärkt aus der Krise hervor. Einmal mehr demonstrieren Chinas Herrscher der Bevölkerung die vermeintliche Überlegenheit des eigenen politischen Systems gegenüber westlichen Regierungsformen.

Verunsicherte Verbraucher


Denn während sich in Europa und den USA das Virus rasant ausbreitet und die Volkswirtschaften einbrechen, springt der Konjunkturmotor im Reich der Mitte an. Noch aber sind die Kapazitäten nicht ausgelastet. Vielen Unternehmen fehlt es an Komponenten, es dauert, bis Lieferketten wieder intakt sind. Zudem sind noch nicht alle Arbeitnehmer in die Betriebe zurückgekehrt.

Der ökonomische Schaden des umfassenden Lockdowns ist groß. Zum ersten Mal seit dem Jahr 1976 - seinerzeit wurde China vom Tangshan-Erdbeben heimgesucht - wird die wirtschaftliche Gesamtleistung in einem Quartal ein Minus aufweisen. In den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres ist die heimische Industrieproduktion in China im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um über 13 Prozent gesunken. Noch stärker traf das Virus die Anlageinvestitionen, sie gingen um 25 Prozent zurück. Und der Einzelhandel meldet Umsatzrückgänge von über 20 Prozent.

Goldman Sachs korrigierte daher jüngst die Wachstumsprognose für das erste Quartal von plus 2,5 Prozent auf minus neun Prozent. Für das Gesamtjahr erwartet die Investmentbank eine Zunahme der wirtschaftlichen Gesamtleistung von nur noch drei Prozent. Zunächst waren die Analysten von fünf Prozent ausgegangen. Nicht auszuschließen, dass der Zuwachs am Ende des Jahres noch geringer ausfällt. Chinas Konsumenten sind verunsichert und halten sich zurück. Die Arbeitslosigkeit stieg auf 6,1 Prozent, ein derart hoher Wert wurde zuletzt vor 20 Jahren gemessen. Statt Geld auszugeben, wird jetzt gespart.

Um die Verbraucher aus der Reserve zu locken, senken die Banken auf Anweisung Pekings die Zinsen auf Konsumentenkredite. Die Shanghai Rural Commercial Bank etwa erhebt statt wie bislang 4,3 nur noch 3,6 Prozent. Zudem wurden die Summen erhöht, die ausgeliehen werden können. Auch die Unternehmen erhalten massive Unterstützung. Fällige Zinszahlungen wurden ausgesetzt und Umsatzsteuerzahlungen erlassen. "China nutzt das zur Ankurbelung der Wirtschaft vorhandene Instrumentarium wesentlich aggressiver als es die westlichen Industriestaaten tun", sagt Stefan Albrecht von der Fondsboutique Qilin Capital.

Chinas Notenbank wirkt an der Konjunkturbelebung mit. Vor Kurzem senkte die People’s Bank of China die Mindestreserveanforderungen für Banken. Diese können nun Milliarden an die am schlimmsten vom Virusausbruch betroffenen Unternehmen ausleihen. Sollten die Maßnahmen nicht ausreichen, wird Peking sicherlich nachlegen.

E-Learning profitiert


Investoren hoffen, dass die Erfolge im Kampf gegen Corona sowie die Stimulierungsmaßnahmen die Kurse chinesischer Aktien positiv beeinflussen werden. Im Vergleich mit den Börsenbarometern der Industriestaaten haben sich China-Indizes gut geschlagen. Der CSI 300, der die 300 größten an den Börsen in Shanghai und Shenzhen gelisteten Unternehmen umfasst, hat seit seinem Höchststand im Januar rund 13 Prozent verloren. Der DAX gab rund 30 Prozent ab. Auch der MSCI China schnitt besser ab, der breit gefasste Index verlor 20 Prozent.

Während Unternehmen aus der Hotel- und Reisebranche zu den Virus-Verlierern zählen, profitierten Pharma- oder Medizintechnik-Unternehmen. Gut entwickelt haben sich vor allem die Aktien von E-Commerce-Firmen wie JD.com. Auch die Kurse von Unternehmen, die E-Learning anbieten, wie Tal Education, zogen zuletzt stark an. Gefragt waren auch Titel, die medizinische Beratung via Internet offerieren. Diese Werte sollten auch künftig gut abschneiden. Der generelle Ausblick wird jedoch durch die wahrscheinlich tiefe Rezession in den westlichen Industriestaaten getrübt. Zwar wird das Wachstum in China immer stärker von der Binnennachfrage getragen, dennoch steuert der Export weiterhin einen großen Teil zum Bruttoinlandsprodukt bei.

In Wuhan aber macht man sich um den Aktienmarkt derzeit keine Sorgen. Die Freude überwiegt, dass der Lockdown schrittweise aufgehoben wird.

Investor-Info

Schroder Greater China
Langfristig erfolgreich


Managerin Louisa Lo bringt viel Investmenterfahrung mit. Seit dem Jahr 2002 ist sie für den Schroder Fund Greater China verantwortlich. Der Fonds investiert in Aktien von Unternehmen aus der Volksrepublik China, Hongkong und Taiwan. Im Portfolio finden sich aktuell 80 Werte wie die Internetriesen Alibaba und Tencent sowie der IT-Spezialist Taiwan Semiconductor. In den vergangenen zehn Jahren legte der Fonds 114 Prozent zu. Seit Jahresanfang verlor er rund 16 Prozent.

UBS China Opportunity
Eigener Kopf


Anleger haben Manager Bin Shi über acht Milliarden Euro anvertraut. Die Mittel legt er in 40 bis maximal 70 Aktien an. Zu seinen Favoriten zählen Tal Education und Ping An Insurance. Bei Auswahl und Gewichtung weicht Shi mitunter weit vom Vergleichsindex MSCI China 10/40 ab. Das zahlt sich aus. Der Fonds legte in den vergangenen drei Jahren um 88 Prozent zu. Im laufenden Jahr gab er zehn Prozent ab.

Amundi MSCI China
Fokus auf Finanz


Der Exchange Traded Fund von Amundi bildet die Wertentwicklung der 50 größten und umsatzstärksten chinesischen Unternehmen ab, die an der Börse in Hongkong notieren. Finanzwerte wie die China Construction Bank oder die China Merchants Bank sind mit rund 70 Prozent hoch gewichtet. Auf Industrietitel entfallen rund sieben Prozent. Seit Jahresanfang gab der ETF über 15 Prozent ab. Mutige Anleger nutzen den Abschwung zum Kauf.