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Ökonomie: Wer rechnen kann, investiert nicht

Ökonomie: Wer rechnen kann, investiert nicht

WKN: 925970 ISIN: CA0909381018 Biotech Holdings LtdShs

29.04.2015 08:25:00

Deutschland boomt: Weltmeister im Export, Rekordbeschäftigung, steigende Löhne, tiefe Zinsen und ein ausgeglichenes Staatsbudget. Eigentlich ideale Bedingungen für Investitionen, meint Daniel Stelter, Gründer des Thinktanks Beyond the Obvious.




von Daniel Stelter, Gründer des Thinktanks Beyond the Obvious

Für Investitionen ist nicht entscheidend, was heute ist, sondern was morgen sein wird. Was heute beschlossen wird, ist in zwei bis drei Jahren realisiert und muss sich über zehn bis 20 Jahre rechnen. Und aus Sicht eines Unternehmens in Deutschland stellt sich die Lage so dar: Das Wachstum wird in Zukunft nicht in Europa stattfinden, sondern in Asien, Amerika und Afrika. Dort wächst die Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten deutlich weiter. In Deutschland droht dagegen ein erheblicher Fachkräftemangel, und der Binnenkonsum wird das tun, was er in schrumpfenden Gesellschaften nun mal tut: zurückgehen. Eine kurze Blüte und optimistische Frühjahrsgutachten können darüber nicht hinwegtäuschen.

Hinzu kommen hausgemachte Probleme. Die zunehmend verfallende Infrastruktur dürfte sich immer mehr als Standortnachteil bemerkbar machen. Der verfallende Bildungsstandard ist es bereits. Hinzu kommen die Risiken und Kosten der Energiewende, die zu hoher Unsicherheit führen. Selbst wenn es richtig sein sollte, dass die Versorgungssicherheit nicht gefährdet ist - Deutschland wird damit zum Land mit der weltweit wohl teuersten Energie. Ein Hochlohnland ist es schon.

Auch ein Blick in andere Länder lässt keine neuen Impulse erkennen. In der gesamten Eurozone liegt die Sparquote bei 22,5 Prozent des Bruttosozialprodukts, die Investitionsquote hingegen auf einem Tief von 19,2 Prozent (IWF, 2014). Der Ersparnisüberschuss wird ins Ausland geschleust und auch dort wird er nicht immer produktiv verwendet. Das macht Investitionen nicht attraktiv.

Die beste Erklärung für diese Situation könnte die von Nikolai Kondratieff in den 20er-Jahren entwickelte Theorie der Langen Wellen der Konjunktur sein. Kondratieff hatte die Konjunkturentwicklung über Jahrhunderte analysiert und festgestellt, dass es neben den kurzfristigen Schwankungen einen längeren, etwa 50 bis 70 Jahre laufenden Zyklus gibt. Diesen unterteilte er in die vier Phasen: erster Aufschwung (Frühling), breiter Aufschwung (Sommer), erste Krise mit abnehmendem Wachstum (Herbst) und schwere Krise mit länger anhaltender Stagnationsphase (Winter) - bevor es wieder zu einem erneuten Frühling kommt.

Auf Seite 2: Was für einen Kondratieff-Winter spricht



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