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Sahra Wagenknecht, der Turbokapitalismus und die soziale Marktwirtschaft

Sahra Wagenknecht, der Turbokapitalismus und die soziale Marktwirtschaft

WKN: A0LC2G ISIN: GB00B188SR50 International Public Partnerships Ltd

18.03.2016 07:16:00

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"Reichtum ohne Gier" kreist um ähnliche Themen wie "Freiheit statt Kapitalismus" und analysiert vor allem vier davon tiefer:

1. der Abstieg der Mittelschicht, die neuen Klassengesellschaft und die leistungsfreien Einkommen der Reichen,

2. die Verdrängung der Markt- durch eine Macht- und Beutewirtschaft,

3. unser Finanzsystem und

4. unsere Eigentumsordnung. Wer Freiheit statt Kapitalismus gelesen hat, wird einiges wiederentdecken, aber auch mit vielen neuen Aspekten konfrontiert.

Das Kapitel über die zunehmende Ungleichheit der Vermögensverteilung und die neuen Kapitaldynastien beschreibt die bittere Realität knapp und zutreffend. "Die reichsten 1 Prozent der Weltbevölkerung besitzen inzwischen mehr als alle anderen auf der Erde lebenden Menschen zusammen." Mit den neuen Superreichen hat sich eine Klasse mit leistungslosem Einkommen gebildet, die oftmals auch über dem Recht stehen, weil sie sich international hinter Stiftungen verstecken und selber kaum in Erscheinung treten. Die Mittelschicht schrumpft rapide.

Ökonomische Sicherheit für ein menschenwürdiges Leben haben auch in Deutschland immer weniger. Erschreckend, wie unsere derzeitige Wirtschaftsordnung vor allem die Reichen zu Lasten der Mittelschicht schützt. Mit prägnanten Beispielen belegt Wagenknecht das. "Die Oberschicht sitzt im Penthouse, hat die Fahrstühle außer Betrieb gesetzt und die Leitern hochgezogen. Der Rest kann froh sein, wenn er wenigstens auf seiner Etage bleiben darf." Da kann man schon einmal zum Sozialisten werden. Wer glaubt, dass Wagenknecht als linke Politikerin zu dick aufträgt, sei auf die Bücher von Hans Jürgen Krysmanski und Chrystia Freeland und den OXFAM-Bericht im Internet verwiesen.

In "Räuberbarone und Tycoons - Macht statt Wettbewerb" analysiert Wagenknecht einen Trend, den ich selber gerne mit den Worten "von der Markt- zur Machtwirtschaft" umschreibe. Viele Bereiche des Wirtschaftslebens sind mittlerweile von mächtigen Oligopolen beherrscht, die ihre eigenen Interessen massiv verteidigen und den Wettbewerb soweit wie möglich ausschalten. Die Oligopole nutzen ihre Marktmacht auch, um Innovationen zu verhindern und die Qualität zu senken. So wird eine Vielzahl von Patenten heute vor allem deswegen angemeldet, um potentiellen Konkurrenten das Leben schwer zu machen, nicht etwa, um neue Produkte und Verfahren auf den Markt zu bringen.

In "Was macht uns reich" sinniert Wagenknecht darüber, dass in der Geschichte immer wieder blü- hende Wirtschaften zugrunde gegangen sind, wenn die Wirtschaftsordnung nicht mehr gestimmt hat. Wagenknecht reißt die Theorie der Institutionen nach Mancor Olson an, die Pflichtlektüre für heutige Ökonomen sein sollte, aber leider nicht ist.

Intensiv befasst ich Wagenknecht mit unserem heutigen, innovationsfeindlichen und oberschichtenfreundlichen Banken- und Finanzsystem. Die Idee des Vollgeldes verwirft sie als nicht ausreichend. Tatsächlich ist eine Vielzahl von kleineren Schritten notwendig, um das Finanzsystem wettbewerbsorientiert, mittelstands- und bürgerfreundlich zu machen.

Im letzten Kapitel "Eigentum neu Denken" befasst sich Wagenknecht mit der Eigentumsordnung. Für mich ist das fast das spannendste Kapitel des Buchs. Art. 14 unseres Grundgesetzes führt aus: "(1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt. (2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Der moderne Kapitalismus setzt Eigentum absolut. Es begründet vor allem Rechte. Davon ist im Grundgesetz nicht zu lesen - in Gegenteil: Eigentum hatte dort ausdrücklich eine Sozialbindung, das heißt, es darf gegen Entschädigung per Gesetz enteignet werden und es dürfen dem Eigentum soziale Pflichten auferlegt werden.

Ein besonderes Problem ist bei Kapitalgesellschaft die Trennung von Haftung und Eigentum. So entstehen in der Oberschicht nicht nur leistungs- sondern auch haftungsfreie Einkommen.

Die Vorschläge zur Umgestaltung des Eigentums an Unternehmen sind durchaus bedenkenswert: eine Personengesellschaft gehört dem Unternehmer, der allerdings auch mit seinem Privatvermögen haftet. Das gibt es heute auch schon. Kapitalgesellschaften bis zu einer bestimmten Größe sollen demgegenüber den Mitarbeitern gehören und einen engen Unternehmenszweck haben. Das gibt es ebenfalls, wenn auch nur gelegentlich. So ist zum Bespiel DER SPIEGEL weitgehend in der Hand seiner Mitarbeiter. Große Konzerne sollen als Öffentliche Gesellschaft mit einer starken Vertretung der Allgemeinheit im Aufsichtsrat geführt werden. Auch das gibt es ansatzweise - zum Beispiel bei Volkswagen. Dort hat es funktioniert, allerdings nicht besonders gut.

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Bildquelle: Oliver Schmauch für Börse Online