INTERVIEW

Was bedeutet die neue US-Politik für die deutsche Wirtschaft, Herr Professor Sinn?

Was bedeutet die neue US-Politik für die deutsche Wirtschaft, Herr Professor Sinn?

WKN: 723610 ISIN: DE0007236101 Siemens AG

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24.05.2019 - 18:21
17.02.2017 10:50:00

Der renommierte Wirtschaftsprofessor Hans-Werner Sinn hält es für möglich, dass die Europäische Zentralbank bis zu vier Prozent Inflation pro Jahr im Euroraum tolerieren wird, weil die Interessen der EU-Krisenländer für die EZB schwerer wiegen als die Interessen der Deutschen. Von Mario Müller-Dofel



Roland Tichy: Herr Professor Sinn, US-Präsident Donald Trump macht protektionistische Wirtschaftspolitik nach dem Motto "America first". Was droht Deutschland damit?


Hans-Werner Sinn:

Aktuell ist das noch unklar. Würde Trump den Handel mit den USA deutlich erschweren, könnte uns dies spürbar treffen, weil unser Wohlstand stark exportabhängig ist. Der US-Markt nimmt 9,5 Prozent des deutschen Exportvolumens auf.

Trump hat …


… Moment noch: Hinzu kommt, dass Deutschland auch der Brexit schaden könnte. Die EU will Großbritannien ja für den Austritt aus der Union bestrafen, indem sie den Freihandel mit der Insel einschränkt. Da Großbritannien bislang 7,5 Prozent zum deutschen Exportabsatz beitrug, sind inklusive der USA rund 17 Prozent des deutschen Gesamtexports gefährdet.

Trump hat in der ersten Amtswoche das transpazifische Handelsabkommen gekündigt und Mexiko mit 20 Prozent Importsteuer gedroht. Sein Aktionismus raubt Beobachtern den Atem. Wie lange wird er durchhalten?


Nach seinen Wahlkampfversprechen wollte er seinen Wählern wohl erst mal zeigen, dass er nicht nur viel versprechen, sondern auch handeln kann. Aber die 20 Prozent sind vermutlich anders zu verstehen, als viele meinen, jedenfalls dann, wenn er sie auf alle Importe ausdehnen möchte. Nach dem internationalen Zoll- und Handelsabkommen GATT ist ihm das nämlich nicht erlaubt.

Das müssen Sie erläutern.


Im Rahmen des GATT haben die USA für alle Importwaren Höchstzölle vereinbart, und die liegen im Durchschnitt über alle nach Amerika gelieferten Importwaren bei etwa 2,5 Prozent. Darüber hinaus kann Trump nicht gehen.

Wenn die Mächtigen sich durchsetzen wollen, taugen Paragrafen selten …


Das GATT ist als völkerrechtlicher Vertrag geschlossen worden. Selbst Trump wird sich schwertun, das Abkommen zu kippen.

Was sonst erwarten Sie von Trump?


Er wird ein kreditfinanziertes Konjunkturprogramm insbesondere für Bau- und Infrastrukturprojekte einführen, das die Weltkonjunktur kurzfristig stimulieren könnte.

Dann entwickelte sich Trump noch zum Segen für die Weltwirtschaft?


Langsam. Ich sprach von kurzfristigen konjunkturellen Effekten. Denn Schulden erzeugen kein dauerhaftes Wirtschaftswachstum. Mit ihnen lässt sich lediglich die Nachfrage von morgen auf heute vorziehen. Der kurzfristig positive Impuls wird früher oder später in einen genauso großen negativen Impuls umschlagen.

Viele Konzernchefs sind gleichwohl fast euphorisch, Joe Kaeser von Siemens zum Beispiel.


Da Siemens Investitionsgüter wie Turbinen für die Energieerzeugung in die USA exportiert, kann er sich freuen. Vielleicht wird Siemens sogar von Steuerentlastungen für Investitionsgüter profitieren. Es gibt entsprechende Planspiele bei den Republikanern.

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Bildquelle: hanswernersinn.de

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