INTERVIEW

"Zwei Stufen unter Tierquäler"

WKN: 850403 ISIN: GB0031348658 Barclays plc

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19.07.2019 - 09:15
22.02.2014 06:25:00

Versicherungsspießer Bernd Stromberg hat mit fiesen Sprüchen im TV abgeräumt. Ab heute kommt Deutschlands größtes Ekelpaket auch mit einem eigenen Film in die Kinos. Höchste Zeit für ein Gespräch über Boni, Banker und andere Katastrophen. Von Thomas Schmidtutz

Deutsche Fernsehunterhaltung mäandert gern zwischen Musikantenstadl-Frohsinn und heiler Bergdoktorwelt. ProSieben gönnte sich mit Stromberg eine Ausnahme: Hauptdarsteller Christoph Maria Herbst alias Bernd Stromberg, Leiter der Abteilung Schadenregulierung "M-Z" der Capitol-Versicherung, ist fies ("Na, Ernie. Schönes Hemd hast du da an: Gibt‘s das auch unverschwitzt?"), intrigant ("Büro ist zu 90% Psycho-Krieg"), unfähig ("Ich bin jetzt vielleicht kein Einstein im theoretischen Versicherungswesen, aber ein Mozart in Improvisation.") und politisch absolut inkorrekt: ("Hier gibt es etliche Kolleginnen, wo ich sofort sagen würde, gründlich verschleiern könnte nicht schaden."). Mit Hilfe von Crowdfunding (siehe Kursivtext) hat es der dauerstänkernde Büro-Zyniker jetzt auch ins Kino geschafft. Am Dienstag feierte "Stromberg - Der Film" Premiere.

Stromberg und sein Alter Ego, Chefautor Ralf Husmann, über unterbezahlte Versicherungsvertreter, Steuerhinterzieher und die mangelnde Anziehungskraft des ADAC.

Börse Online: Herr Stromberg, an der Börse geht’s derzeit ja ordentlich rund. Schreien Sie derzeit nicht jeden Abend vor lauter Frust ins Kissen?

Bernd Stromberg: In meinem Kissen ist ja mein Geld, und es gibt keinen Grund das anzuschreien …

Mag sein. Aber die braven Deutschen haben wegen der lauen Renditen keine Lust mehr auf Lebensversicherungen, sondern interessieren sich wieder für Aktien. Da könnte man sich in ihrem Job durchaus Sorgen machen?

Die Deutschen haben sich Anfang der 2000er Jahre schon mal für Aktien interessiert. Für alle, die nicht mehr wissen, wie das ausgegangen ist: Googlen Sie mal EM.TV.

Aber jetzt geht’s ja um Ihr Geschäft und die miesen Aussichten. Konzerne wie die "Capitol" kriegen wegen der Mini-Zinsen weltweit doch kaum mehr die Garantieverzinsung zusammen. Denken Sie da nicht manchmal: Mist, das Geschäftsmodell der "Capitol" ist überholt?

Karl Marx hat schon vor 150 Jahren gedacht, das Geschäftsmodell des gesamten Kapitalismus sei überholt. Jetzt ist Karl Marx selbst schon deutlich länger tot als der Kapitalismus. Das sollte einem zu denken geben.

Topleute wie Sie könnten alternativ ja den Job wechseln und beispielsweise auf Banker umschulen. Das hat auch mit Geld zu tun und ist imagemäßig auch nicht schlimmer als Versicherungen zu vertickern?

Banker sind im Ansehen zwei Stufen unter Tierquälern. Da bleib ich lieber, was ich bin.

Aber für die Banken spricht immerhin, dass die Geldhäuser ihre Besten auf Händen tragen. Die Commerzbank zahlt zum Beispiel Boni an die Mitarbeiter, verweigert den eigenen Aktionären aber eine Dividende. Und die britische Barclays erhöht die Boni und feuert gleichzeitig 12 000 Leute. So geht Mitarbeiter-Motivation, oder?

Ludwig II von Bayern war auch reich. Am Ende war er trotzdem stulle, unbeliebt und tot. Und wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, beziehungsweise wenn Gott da Gerechtigkeit walten lässt, dann sind die Banker auf jeden Fall richtig am Arsch.

Ok, dann kein Banker. Wie wär’s alternativ mit dem ADAC? Der könnte derzeit dringend gute Leute wie Sie gebrauchen.

Alles, was sich in Deutschland mit Fortbewegung beschäftigt, könnte gute Leute gebrauchen: Bahn, Flughafen und ADAC.

Aber beim ADAC winken kostenlose Sightseeing-Touren im Rettungshubschrauber und ein Büro mit Blick auf die Alpen. Und auf dem Berliner Flughafen fliegt gar nichts, außer sämtliche leitende Angestellte - von Hartmut Mehdorn mal abgesehen.

Es hat schon mal jemand versucht, sich in Deutschland über das Thema Autobahnen zu profilieren. Da lass ich mal lieber die Finger von.

In Deutschland geht es Steuerhinterziehern zur Zeit mächtig an den Kragen. Alice Schwarzer muss sich viel Spott anhören, Uli Hoeneß steht demnächst vor Gericht. Haben Sie schon eine Selbstanzeige eingereicht?

Die beiden stellen Wurst und Gleichberechtigung her. Damit kann man in Deutschland ja ordentlich absahnen. Mit Versicherungen kommen Sie nicht mal in die Nähe einer Summe, die zur Selbstanzeige führen könnte.

Warum nicht?

Zu richtigem Geld kommt man nicht durch Überstunden und lange Tage im Büro.

Der Ehrliche ist doch der Dumme. Und dumm sind Sie ja nicht.

Aber der Klügere gibt nicht nach. Zumindest nicht der Gier.

Anderes Thema: Präsident Putin war vor ein paar Jahren mit dem Jeep in der Wildnis bei Sotschi unterwegs und hat sich gedacht: Hier mache ich Olympia. Sie waren ja lange in Finsdorf. Haben Sie sich in ihrer erfolgreichen Zeit in diesem bezaubernden Ort nicht auch manchmal gedacht: Finsdorf hat das Zeug zu einer Weltmeisterschaft im Wikinger-Schach oder wenigstens der Landesmeisterschaft im Gummistiefeltanz. Und wann kommt Mutti?

Es ist alles eine Frage des Gestaltungswillens. Wo früher Wüste war, kann heute Las Vegas sein, und Palmen sprechen eben nicht gleich gegen Winterspiele. Man muss es nur wollen. Man hat aber nicht den Eindruck, dass die Mutti was will. Da muss man am Ende sagen: Lass das mal den Papa machen.

Stichwort Crowdfunding - Das Geld der vielen

"Stromberg - Der Film" ist zum Teil über so genanntes Crowdfunding finanziert worden. Beim Crowdfunding (Deutsch: Schwarmfinanzierung) stellen private Internetnutzer Kapital für ein Projekt bereit. Das kann ein Musikalbum sein, ein Buch, ein Videospiel oder ein Film. Für klamme Künstler hat die Lösung Charme. Denn statt eines Bankkredits kommt das Geld zinsfrei herein. Die Unterstützer erhalten im Gegenzug spezielle Vergünstigungen, bei vielen Projekten auch eine Gewinnbeteiligung. Bei Stromberg konnten Fans sich beispielsweise mit Beträgen ab 50 Euro beteiligen. Insgesamt hat die Produktionsgesellschaft Brainpool so eine Million Euro eingesammelt. Im Gegenzug erhalten die Anteilseigner neben einer Urkunde und der Nennung im Abspann je nach Beteiligung auch zwei Premieren-Tickets und womöglich eine Gewinnausschüttung. Das Angebot fanden viele offenbar verlockend: Sechs Tage nach dem Start der Aktion waren alle Anteile weg.


Bildquelle: Brainpool

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