von Thorsten Polleit, Chefvolkswirt der Degussa

Auric Goldfinger will die Goldreserven der Amerikaner in Fort Knox durch eine Atombombenexplosion radioaktiv verseuchen und damit unbrauchbar machen. Weil er sich zuvor so viel Gold wie möglich beschafft hat, soll ihn das zum reichsten und mächtigsten Mann der Welt machen. Sein Plan "Grand Slam" schlägt jedoch fehl. Er wird durchkreuzt vom britischen Agenten 007 alias James Bond, dem es gelingt, Goldfingers Pilotin Pussy Galore auf seine Seite zu ziehen. 1964 kommt das Leinwandabenteuer in die Kinos.

Goldfinger weiß: Je kleiner das Angebot bei gegebener Nachfrage, desto höher ist der Preis des Gutes. Um den Goldpreis in die Höhe zu treiben, will er die Goldmenge verknappen. Hätte das überhaupt zum Ziel führen können? Als Goldfinger zur Tat schreitet, herrscht das System von Bretton Woods: Der US-Dollar ist die Weltleitwährung. 35 US-Dollar entsprechen einer Feinunze (oz) Gold (31,1034768 Gramm). Die wichtigen Währungen der Welt sind mit einem festen Wechselkurs an den Dollar gebunden, damit indirekt auch an Gold.

Man sollte jedoch nicht denken, es handele sich hierbei um einen Goldstandard. Weit gefehlt! Es ist lediglich ein Pseudo-Goldstandard. In Amerika herrscht seit 1933 ein Goldverbot für Privatpersonen. Und auch in anderen Ländern wird Goldgeld bei tagtäglichen Geschäften der Menschen nicht mehr verwendet. Nur noch staatlichen Zentralbanken ist es möglich, ihre großvolumigen USDollar- Guthaben bei der US-Zentralbank in Gold einzutauschen.

Auf Seite 2: Hätte der "Grand Slam" den Goldpreis hochgetrieben?





Wäre es Goldfinger gelungen, die amerikanische Goldreserve unbrauchbar zu machen, hätte der US-Dollar keine Golddeckung mehr gehabt. Wäre der Marktpreis des Goldes dadurch angestiegen? Nicht zwangsläufig. Denn hätten die Dollar-Halter erwarten können, dass die Dollar-Geldmenge nicht vermehrt wird, hätte die Aussicht bestanden, dass der Greenback auch ohne die Einlösbarkeit in Gold seine Gelddienste zufriedenstellend erfüllt.

Dass es jedoch für eine solche Zuversicht keinen Grund gibt, hat Goldfinger vermutlich erkannt. Die US-Regierung weitet nämlich die US-Dollar-Geldmenge aus, ohne dass ihre Goldreserve in gleichem Maße steigt. Ihr Gold reicht daher nicht mehr aus, um den US-Dollar wie versprochen in Gold einzutauschen. Goldfinger ist es allerdings nicht mehr vergönnt, zu erleben, was daraufhin geschieht: Immer mehr Nationen wollen ihre US-Dollar in Gold einwechseln. Amerika droht die Zahlungsunfähigkeit. Um sie abzuwenden, beendet Präsident Richard Nixon am 15. August 1971 "vorübergehend" die Goldeinlösung des Greenback.

Auf Seite 3: Regierungen und Zentralbanken treiben den Goldpreis hoch





Schon seit 1968 können die Zentralbanken den Marktpreis des Goldes nicht mehr bei 35 US-Dollar pro Unze halten - der Goldpreis erreicht am 21. Januar 1980 kurzzeitig 850 US-Dollar/oz. Der Preisanstieg des Goldes erklärt sich vor allem durch die Sorge vieler, dass die Kaufkraft des Dollar ohne Golddeckung ruiniert würde. Und so kommt es auch. Bereits in den 1970ern beginnt die Inflation stark zu steigen, nicht nur in Amerika, sondern auch in vielen anderen Ländern. Es sind die US-Regierung und ihre Zentralbank, die den Goldpreis auf ungeahnte Höhen treiben, indem sie die Geldmenge "aus dem Nichts", ohne Golddeckung, immer weiter vermehren. Bis auf den heutigen Tag. Während zu Goldfingers Zeiten die Zinsen hoch und die allgemeine Verschuldung noch relativ gering war, sind die Zinsen heute extrem niedrig, und die Verschuldung von Staaten, Banken und Privaten befindet sich auf historischen Höchstständen.



Das ungedeckte Papiergeldsystem ist überdehnter denn je. Sein Überleben hängt davon ab, dass es nicht vollends entzaubert wird, dass nicht alle sehen: Der Kaiser hat keine Kleider an. Goldfinger könnte also umdenken: Um den Goldpreis in die Höhe zu treiben, muss er "Grand Slam" nicht in die Tat umsetzen. Regierungen und Zentralbanken mit ihrem Geldvermehren machen das für ihn - und zwar wirkungsvoller, als er es sich je hätte vorstellen können.