Für Branchenvertreter ist die kürzlich zu Ende gegangene Luftfahrtmesse in Paris ein wichtiger Pflichttermin. Mit fast 500 000 Besuchern hat die alle zwei Jahre stattfindende weltgrößte Luftfahrtschau auch elf Prozent mehr Besucher als 2013 angelockt. Analysten sind sich dennoch nicht einig, wie sie die Veranstaltung einstufen sollen - man spricht von "besser als erwartet" (LBBW), "ruhigem Verlauf" (Canaccord Genuity) bis hin zu "enttäuschend" (Morgan Stanley). Zieht man die Anleger als Maßstab heran, dann war die Messe wenig inspirierend, sind die Kurse der Luftfahrtaktien in der Veranstaltungswoche doch sogar gefallen.

Aber langfristig denkenden Anlegern kommt diese zurückhaltende Reaktion vermutlich sogar gelegen. Schließlich wollen Investoren in der Regel nicht in Euphorie hinein kaufen. Wenn wie aktuell die Stimmung nicht überschäumt, grundsätzlich die Geschäftsaussichten eines Sektors aber passen, ist das eine solide Ausgangslage. Letzteres ist Stand heute in der Luftfahrtbranche der Fall. Die beiden führenden Flugzeugbauer Airbus und Boeing zeigten sich offiziell jedenfalls zufrieden mit dem Messeverlauf. Insgesamt zogen die beiden Unternehmen 752 Flugzeugaufträge (Airbus 421, Boeing 331) im Wert von 107,2 Milliarden Dollar (Listenpreis) an Land.

Erfreulicherweise handelt es sich dabei um mehr als nur eine positive Momentaufnahme. Mit insgesamt 12 000 Flugzeugbestellungen in den Auftragsbüchern (dies entspricht acht bis zehn Jahren Produktion) verfügen Airbus und Boeing laut LBBW über eine komfortable Wachstumsbasis. Als günstig werden zudem die Aussichten beurteilt. Nachdem der weltweite Flugverkehr seit den Anschlägen vom 11. September 2001 bereits um 85 Prozent zugelegt hat, wird in den kommenden 15 Jahren mit einer Verdoppelung gerechnet.

Flugzeugflotte dürfte stark wachsen



Airbus prognostiziert bis 2034 einen Bedarf an 32 600 neuen Passagier- und Transportflugzeugen. Die weltweite Flotte würde unter Berücksichtigung der Stilllegungen so von 19 000 zu Beginn des Jahres 2015 auf 38 500 steigen. Das klingt optimistisch, kann aber durchaus aufgehen. Schließlich will auch die wachsende Mittelschicht aus den Schwellenländern vermehrt auf Reisen gehen, und die Fluggesellschaften können sich Neuanschaffungen angesichts der vom Branchenverband IATA für 2015 vorhergesagten Rekordgewinne auch leisten. Selbst wenn die Vorhersage nur annähernd stimmt, winken nicht nur den Flugzeugbauern, sondern auch den Zulieferern weiterhin gut laufende Geschäfte. Zumal es nicht nur um den Ausbau der Flotte geht, sondern auch darum, die Flugzeuge in puncto Lärmbelastung und Energieverbrauch immer effizienter zu machen.

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Quartett auf Höhenflug



Allerdings ist ein Teil der positiven Erwartungen in den Kursen auch schon enthalten. Deutlich wird das zum Beispiel bei den Aktien der europäischen Vertreter aus dem zivilen Luftfahrtbereich. Deren Kurs- Gewinn-Verhältnis (KGV) liegt für die kommenden zwölf Monate laut JP Morgan bei durchschnittlich 15,3. Dieser Wert rangiert somit über dem 15-Jahres-Durchschnittswert von 12,0. Doch dies scheint angesichts der guten Geschäftsaussichten durchaus vertretbar.

Aus dem Pool an Luftfahrtaktien hat BÖRSE ONLINE vier Titel herausgefiltert, die besonders aussichtsreich erscheinen. Unter den großen Flugzeugbauern bleibt die Boeing- Aktie ein Kauf - das inzwischen längst erreichte bisherige Kursziel heben wir von 130 auf 150 Euro an. Das KGV entspricht dem des Gesamtmarkts, obwohl dank der besseren Ergebnisperspektiven ein Aufschlag gerechtfertigt wäre.

Ähnliches gilt für Spirit AeroSystems, einen US-Produzenten von Baugruppen und Komponenten für Flugzeuge. Das KGV ist etwas niedriger als bei Boeing und dürfte sich mit dem in den kommenden Jahren möglichen Gewinnwachstum decken. Das aus dem Boeing-Konzern hervorgegangene Unternehmen hat gerade sein zehntes Jubiläum gefeiert, und passend zu diesem Ereignis wurden Anfang Juni neue Kursrekorde markiert. Seit Ende 2012 sieht der Chart blitzsauber aus, was eine verdiente Belohnung ist für einen von 2005 bis heute von neun Milliarden auf 46 Milliarden gesteigerten Auftragsbestand.

Etwas anders sieht es bei Astronics aus. Die Bewertung ist optisch hoch. Doch dem Anbieter leistungsstarker Licht- und Elektroniksysteme wird in den kommenden Jahren ein Gewinnwachstum zugetraut, das deutlich über dem KGV liegt. Die USGesellschaft dürfte unter anderem davon profitieren, dass die Sitze an Bord mit Stromquellen ausgestattet werden.

Komplettiert wird die Favoritenliste mit LISI, einem französischen Hersteller von Verbindungs- und Montagebauelementen, der auch die Autoindustrie beliefert. LISI kämpft aktuell noch mit Problemen bei der Integration des vor einem Jahr übernommenen Wettbewerbers Manoir Aerospace. Werden die Schwierigkeiten gelöst, was machbar erscheint, gibt es einen Hebel für deutliche Gewinnsteigerungen 2016 und 2017. Der jüngste Seitwärtstrend der Aktie sollte mittelfristig als Startbahn für steigende Notierungen genutzt werden.

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