WIE WICHTIG IST CHINA FÜR DIE WELTWIRTSCHAFT?



Die Volksrepublik ist neben den USA die größte Lokomotive der Weltwirtschaft. Etwa 15 Prozent der globalen Wirtschaftsleistungen auf ihr Konto. Übertroffen wird das nur von den Vereinigten Staaten, die bei rund 25 Prozent liegen. China ist überdies seit Jahren Exportweltmeister und in vielen wichtigen Branchen der größte Absatzmarkt. So werden nirgendwo so viele Autos gekauft wie dort. "China ist ein Riesen-Risikofaktor", warnt deshalb der Chef des Exportverbandes BGA, Anton Börner, angesichts der Börsenturbulenzen. Darin sieht er "ein große Bedrohung für die Stabilität der Weltwirtschaft".

SIND BÖRSENTURBULENZEN VORBOTEN EINES KONJUNKTUREINBRUCHS?



Der Aktienmarkt gilt als Frühindikator für die Wirtschaftsaktivität, wird doch an der Börse ein Preis für zukünftige Unternehmensgewinne gefunden. "Mit Blick auf China ist an dieser Stelle allerdings große Vorsicht geboten", sagt NordLB-Experte Tobias Basse. "Der Aktienmarkt des Landes ist speziell." Viele Investoren würden in der Börse einen Ersatz zum Glücksspiel sehen. "Anders ausgedrückt könnte also eine gewisse Entkoppelung des Aktienmarktes von der Realwirtschaft attestiert werden", sagt Basse. "Wir gehen noch immer nicht von einer harten Landung der chinesischen Wirtschaft aus." Ähnlich sieht das Mathias Bock von der Kanzlei Linklaters in Hongkong, die Unternehmen bei Übernahmen berät. "Viele der größten chinesischen Unternehmen befinden sich weiterhin in staatlicher Hand", sagt er. "Am Aktienmarkt sind die Privatanleger in der Mehrheit. Sie sehen den Aktienmarkt oft als Möglichkeit für schnelle Gewinne zur Konsumbefriedigung und für persönlichen Reichtum." Hierin liege der wesentliche Unterschied zu westlichen Aktienmärkten.



WAS KÖNNEN DIE CHINESISCHEN BEHÖRDEN TUN?



Schon im vergangenen Jahr waren die Börsenreaktionen heftig, als China unerwartet seine Währung abwertete. Nach Einschätzung der Volkswirte der Essener National-Bank müssen die chinesischen Behörden inzwischen aufpassen, es mit solchen Eingriffen nicht zu übertreiben. Denn mit einer Abwertung der Währung wachsen an den Finanzmärkten die Zweifel an der Konjunkturentwicklung des Landes. "Dieses Mal dürften zusätzliche geld- und fiskalpolitische Maßnahmen zur Stimulierung des Wachstums allein nicht ausreichen", so die National-Bank-Experten. Nach ihrer Einschätzung muss China mehr Markt zulassen. "Ob dazu allerdings die Bereitschaft besteht, lässt sich nicht absehen."

WARUM WÄCHST CHINA LANGSAMER?



Jahrelang glänzte das Land mit zweistelligen Wachstumsraten. Doch heute sind viele Unternehmen stark verschuldet - besonders in der Bau-, Bergbau- und Immobilienbranche, aber auch Versorger. "Dort herrschen hohe Überkapazitäten und fallende Absatzpreise vor", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. "Die in diesen Sektoren tätigen Unternehmen geraten zunehmend unter Stress." Die Regierung dürfte staatliche Banken anweisen, in Schwierigkeiten steckende große Unternehmen zu stützen. "Das verhindert einen wirtschaftlichen Crash, hält aber auch viele eigentlich nicht überlebensfähige Unternehmen über Wasser, die Ressourcen von den gesunden Unternehmen abziehen", sagt Krämer. "All das lastet langfristig auf der wirtschaftlichen Dynamik Chinas." Für 2016 erwartet er nur noch ein Wachstum von 6,3 Prozent - das schwächste seit mehr als einem Vierteljahrhundert.

KÖNNEN DIE PROBLEME IN CHINA AUF EUROPA ÜBERSCHWAPPEN?



Nach Einschätzung der EZB dämpfen schwächere Wachstumsaussichten in China und in Schwellenländern die Konjunkturerholung in Europa. Und das hat Folgen für die Geldpolitik: Denn damit wird es für die EZB immer schwieriger, ihr mittelfristiges Ziel einer Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent im Euro-Raum zu erreichen. Aktuell beträgt die Teuerungsrate 0,2 Prozent - das liegt meilenweit vom EZB-Ziel entfernt. Erst vor wenigen Wochen hatte die EZB deshalb ihre ultralockere Geldpolitik zur Anheizung von Konjunktur und Preisen verstärkt. Anhaltend schwächeres Wachstum in China könnte die Notenbank zu weiteren Schritten bewegen.



WAS BEDEUTET DAS FÜR DEUTSCHLAND?



Die Zeit des überschäumenden Wachstums im China-Geschäft ist erst einmal vorbei. 2015 dürften die Ausfuhren ins Reich der Mitte sogar geschrumpft sein - zum ersten Mal seit 1997. Von Januar bis Oktober schrumpften die Ausfuhren um 4,2 Prozent auf 59,5 Milliarden Euro. Für 2016 erwarten die meisten Experten bestenfalls eine leicht anziehende Nachfrage. China bleibt trotzdem einer der fünf größten Abnehmer deutscher Waren.

WIRD CHINA ZUM GEFÄHRLICHEN KONKURRENTEN?



China wandelt sich vom wichtigen Kunden zum großen Konkurrenten - wobei der schwächere Yuan-Kurs hilft, macht er doch chinesische Waren billiger und verteuert deutsche Produkte. Mehr als jedes vierte deutsche Unternehmen zählt dortige Firmen bereits jetzt schon zu den fünf bedeutendsten Wettbewerbern, ergab eine Umfrage des DIHK. Zwei Drittel rechnen mit einer Zunahme der Konkurrenz in den kommenden fünf Jahren. "Der Wettbewerb steigt", sagt DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. "China wird seine Position als Exportweltmeister noch ausbauen", ist sich auch der Geschäftsführer der für das Standortmarketing der Bundesrepublik zuständigen Gesellschaft Germany Trade & Invest, Jürgen Friedrich, sicher. "Das hat zur Folge, dass Deutschland Marktanteile verlieren wird - und zwar übergreifend in allen Branchen." China erhöhte seine Weltmarktanteile an den Exporten von 1990 bis 2013 von 1,9 auf 11,7 Prozent, der von Deutschland fiel von 12,4 auf 7,7 Prozent.

Reuters