"Wir haben schon das Potenzial, noch einmal zu steigen", sagt Jens Klatt, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses FXCM in Deutschland nach dem rabenschwarzen Jahresstart. "Aber dafür müssen wir erst noch runter." Er hält einen Fall des Dax auf bis zu 7500 Punkte für möglich.

"Das Problem ist, dass diejenigen, die den Markt stabilisieren könnten, jetzt darauf warten, dass dieser übertriebene Pessimismus die Kurse noch etwas weiter nach unten drückt, so dass man noch billiger hineinkommt", sagt Aktienstratege Tobias Basse von der NordLB.

Aktuell pendelt der Dax um die Marke von 9000 Zählern, die er zu Wochenbeginn erstmals seit Oktober 2014 unterschritt. Damit hat er seit Jahresbeginn rund 16 Prozent eingebüßt. Auslöser der Verkaufswelle waren der Crash an den chinesischen Börsen und der rasante Ölpreis -Verfall. Diese beiden Ereignisse schürten zusammen mit einer Reihe enttäuschender US-Konjunkturdaten die Furcht der Anleger vor einer Abkühlung der Weltwirtschaft.

Dax-Chart vom 01.01.2007 bis 08.02.2016



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FINANZKRISE RELOADED?



Der niedrige Ölpreis ist aus mehreren Gründen ein Problem: So seien Staatsfonds der Förderländer gezwungen, sich von Aktien zu trennen, um mit diesem Geld Haushaltslöcher zu stopfen, betont NordLB-Experte Basse. Daneben droht einer Pleitewelle bei Öl- und Gasförderern in den USA, die diese Rohstoffe mit Hilfe des umstrittenen, technisch aufwendigen und teuren "Fracking"-Verfahrens gewinnen.

Sollte es zu einer Flut von Firmen-Zusammenbrüchen kommen, werde die Stabilität der Bankenbranche infrage gestellt, warnt Jochen Stanzl, Analyst des Online-Brokers CMC Markets. Einen Vorgeschmack auf die labile Stimmung der Anleger liefere der jüngste Kurssturz der Deutschen Bank. Wegen des rund sieben Milliarden Euro schweren Rekordverlustes für 2015 waren Spekulationen um die Zahlungsfähigkeit des Instituts aufgekommen, die der Aktie am Montag mit einem Minus von 9,5 Prozent den größten Tagesverlust seit sechseinhalb Jahren einbrockte. Dadurch sei das Geldhaus genötigt worden, diese Gerüchte zu dementieren. "Das letzte Mal, als Derartiges passierte, war 2008", fügt Stanzl hinzu. "Damals folgten wenig später Leerverkaufsverbote für Bankaktien und steuerfinanzierte Rettungspakete."

Den Vergleich mit den Turbulenzen nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers lässt NordLB-Stratege Basse nicht gelten. Er halte eine Pleitewelle, die das Finanzsystem destabilisiert, für unwahrscheinlich. Außerdem gebe es keine Krise am US-Immobilienmarkt wie 2008.

Aus Sicht des FXCM-Analysten Klatt gibt es allerdings auch in Europa erhebliche Risiken für den Finanzsektor. Die permanenten milliardenschweren Geldspritzen der Europäischen Zentralbank (EZB) dämpften den Reformeifer in Krisenstaaten wie Italien. Außerdem ächzen die dortigen Geldhäuser unter einer 200 Milliarden Euro schweren Last fauler Kredite, deren Rückzahlung als unwahrscheinlich gilt. "Wenn es noch einmal eine Krise gibt, dann wird die Krise von 2008 uns als Kindergeburtstag in Erinnerung bleiben", warnt Klatt.

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DAUERBRENNER CHINA



Die Börsen in Shanghai und Shenzhen, die in den vergangenen Wochen jeweils mehr als 20 Prozent verloren haben, sind wegen der Feiern zum chinesischen Neujahrsfest geschlossen. Dies bietet deutschen Aktienanlegern aber nur kurz Zeit zum Durchatmen. "Eine ganze Reihe von Anlegern glaubt, dass die Börsenturbulenzen in China Vorboten einer 'harten Landung' sind", sagt Aktienstratege Basse. Darunter verstehen Börsianer eine abrupte Abkühlung der Konjunktur. Diese Gefahr sehe er aber nicht, betont der NordLB-Experte.

Die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft befindet sich mitten in einem Strukturwandel. Die Regierung will die Exportabhängigkeit verringern und den Binnenkonsum stärken. Damit sei China auf dem Sprung vom Schwellenland zur Industrienation, sagt Basse. "Insofern kann man nicht dauernd mit über sieben Prozent wachsen." Im vergangenen Jahr lag das Plus bei 6,9 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit einem Vierteljahrhundert. Die Wehen, die mit dem Umbau der Wirtschaft verbunden seien, bezeichnet Basse als "sehr normal". Aus diesem Grund hege er die Hoffnung, dass der Dax im Jahr des Affen unter einem guten Stern steht. "Wir glauben, dass die aktuellen Verluste die Gewinne der nächsten Quartale werden."

Reuters