Bevor Gregory Hamilton zum Vorstandschef von Epigenomics berufen wurde, war er mehr als 20 Jahre lang in Führungspositionen von Unternehmen der Molekulardiagnostik sowie von Produktions- und Dienstleistungskonzernen in den USA tätig - AltheaDx, Enigma Diagnostics, Third Wave Technologies und Hologic. Dabei war der 46-Jährige verantwortlich für mehrere von der US-Gesundheitsbehörde FDA zugelassene diagnostische Produkte, unter anderem für einen Vorsorgetest für Humane Papillomviren (HPV) sowie für den ersten zugelassenen HPV-Gentypisierungstest. Im Gespräch mit BÖRSE ONLINE erläutert er, wie er die Zukunft des deutsch-amerikanischen Unternehmens gestalten will.

Börse Online: Am 13. April hat die FDA die Zulassung für Epi proColon erteilt, einen Bluttest zur Früherkennung von Darmkrebs. Kurz darauf hat die Vermarktung des Tests gemeinsam mit dem strategischen Vertriebspartner Polymedco begonnen. Wie entwickeln sich die Verkaufszahlen? Sind Sie zufrieden?


Gregory Hamilton: Ich bin sehr zufrieden mit unserem Vermarktungsstart in den USA. Wir haben all unsere initialen Vermarktungsziele erreicht. Das Wichtigste davon war, das Produkt landesweit verfügbar zu machen. Mit LabCorp haben wir eines der führenden Labornetzwerke der USA für unseren innovativen Darmkrebstest sowie weitere Key Accounts wie ARUP und Dartmouth gewonnen. Ein weiteres Thema ist die Kostenerstattung, hier haben wir ebenfalls wichtige Meilensteine erreicht.

Wie wollen Sie den Vertrieb weiter voranbringen?


Es gibt eine Reihe an Maßnahmen, die wir gemeinsam mit unserem Partner Polymedco ergreifen. Darüber hinaus haben wir regionale Salesmanager eingestellt, die unseren Vertriebspartner unterstützen sollen. So stehen wir in direktem Kontakt mit unseren Kunden und können auf etwaige Probleme schnell reagieren. Im Herbst läuten wir zudem die nächste Phase der Vermarktung ein, um Ärzte und Patienten auf unseren Test aufmerksam zu machen. Hierzu werden wir unter anderem Werbung in nationalen Medien schalten und uns auf renommierten Fachkongressen präsentieren.

Welche finanziellen Mittel sind dafür notwendig? Hat Epigenomics aktuell das Geld dafür?


Es gibt hier keine feste Zahl. Wir sehen gute Chancen, dass Epi proColon in den USA ein großes Produkt in der Darmkrebsvorsorge wird. Daher müssen und wollen wir weiter investieren.



Darf man aus der jüngsten Veröffentlichung schließen, dass eine Kapitalerhöhung angedacht ist? Schließlich haben Sie den Entwurf eines Registrierungsdokuments für ein mögliches öffentliches Angebot von American Depositary Shares (ADS) an der Nasdaq an die US-Börsenaufsicht SEC übermittelt. Was versprechen Sie sich von einem solchen Schritt? Gibt es auch Alternativen dazu?


Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass wir uns aufgrund der Richtlinien der SEC über weitere Details zu der Thematik leider nicht äußern können.

Die Spanne Ihrer Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr, die auf "drei bis sieben Millionen Euro" lautet, ist recht groß. Wann werden Sie diese Vorhersage präzisieren?


Wir sind noch in einer frühen Phase der Vermarktung, deshalb ist eine größere Bandbreite sinnvoll. Für uns steht im Vordergrund, unser Produkt bei wichtigen Laboren zu etablieren und die Aufmerksamkeit für unseren Test bei Ärzten und Patienten zu erhöhen. Damit legen wir die Grundlage, das große Potenzial von Epi proColon in den USA langfristig auszuschöpfen.

Wie entwickeln sich die Verkaufszahlen von Epi proColon in China?


In China arbeitet unser Partner und Hauptaktionär BioChain mit Hochdruck an der Vermarktung des eigenentwickelten Tests basierend auf unserer Technologie. Das Potenzial des Tests ist angesichts der Größe des Marktes und der wachsenden Bedeutung der Krebsvorsorge in China enorm. BioChain hat diese Chance erkannt und ich bin überzeugt, dass sie Erfolg haben werden. Und letztlich werden wir davon in Form von Lizenzeinnahmen profitieren.

Welche weiteren Tests aus Ihrem Hause sind mittel- bis langfristig denkbar?


Unser nächstes Produkt wird ein Bluttest für Lungenkrebs sein. Lungenkrebs ist die Krebserkrankung mit den weltweit meisten Todesfällen. Der medizinische Bedarf an besseren diagnostischen Verfahren ist entsprechend hoch. Langfristig sehen wir auch Potenzial für Bluttests in anderen Krebsindikationen.

Halten Sie eine Übernahme von Epigenomics für möglich?


Wenn Sie auf unsere Aktionärsstruktur mit über 90 Prozent Streubesitz schauen, ist eine Übernahme jederzeit möglich.

Werfen Sie einen Blick in die Zukunft: Wann wird Epigenomics den Break-even schaffen? Und wo sehen Sie das Unternehmen in fünf Jahren?


In fünf Jahren sehe ich Epigenomics als führendes Unternehmen in der Entwicklung und Vermarktung von Bluttests zur Krebserkennung mit erfolgreichen Produkten und einer vielversprechenden Forschungs- und Entwicklungs-Pipeline.

Gregory Hamilton ist seit dem 1. Juli 2016 Vorstandsvorsitzender von Epigenomics. Er verfügt über einen MBA-Abschluss der Universität von Chicago und einen Bachelor of Science in Finanzen der Purdue-Universität.



Epigenomics-Aktie



Jahrelang hatte Epigenomics auf diesen Tag hingearbeitet, am 13. April 2016 war es endlich so weit: Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat die Zulassung für den von Epigenomics entwickelten Bluttest zur Früherkennung von Darmkrebs, Epi proColon, für die USA erteilt. Das Unternehmen zielt damit auf einen riesigen Markt. Würde sich nur ein Drittel der infrage kommenden 30 bis 35 Millionen Amerikaner dem Test unterziehen, könnte der Konzern damit Umsatzerlöse von rund 750 Millionen Dollar generieren. Dem steht ein Börsenwert von gerade mal 100 Millionen Euro gegenüber.

Obwohl die Vermarktung erst gegen Ende des zweiten Quartals startete, schnellte der Produktumsatz in den drei Monaten per Ende Juni um 159 Prozent nach oben. Für das Gesamtjahr 2016 erwartet das Unternehmen Erlöse zwischen drei und sieben Millionen Euro. Davon soll der Großteil in der zweiten Jahreshälfte erzielt werden.

Die Kehrseite der Medaille: Der Ausbau des Vertriebs in den USA verschlingt viel Geld. Die liquiden Mittel von 13,2 Millionen Euro per Ende Juni reichen zwar aus, "um die Finanzierung der Geschäftstätigkeit bis deutlich in das Jahr 2017 hinein sicherzustellen", so das Unternehmen. Allerdings erwägt Epigenomics die Ausgabe von American Depositary Shares (ADS) an der Nasdaq. Ob beziehungsweise wann ein Angebot durchgeführt wird, wurde zwar noch nicht entschieden. Auch die Anzahl der ADS und die Preisspanne wurden noch nicht festgelegt. Die Aktie dürfte wegen der zu erwartenden Verwässerung im Umfeld einer Kapitalerhöhung unter Druck geraten. Doch langfristig könnte die US-Börsennotiz zu einer Neubewertung des Titels führen, da Biotechfirmen in den USA traditionell höher bewertet werden als in Deutschland.