08.02.2016 07:25:00

Martin Hüfner

Neue Zeitbombe im Euro


Niemand hat bisher bemerkt, dass sich das Obligo Deutschlands gegenüber den Partnern in Europa derzeit trotz der Beruhigung in der Eurokrise weiter kräftig erhöht. Das ist eine Nebenwirkung des derzeitigen Wertpapierankaufprogramms. Ich bin ein Freund des Euros und halte viel von der EZB - aber das geht so nicht. Wenn die EZB ihre Geldpolitik unbedingt verschärfen will, sollte sie eher die Zinsen senken statt noch mehr Staatsanleihen zu kaufen.

von Martin Hüfner, Assenagon

Diese Tage stieß ich auf eine Statistik, die mich sehr irritierte. Sie passte so gar nicht in mein bisheriges Weltbild. Jeder weiß, dass in der Währungsunion nicht nur Griechenland, sondern auch Italien, Frankreich, Spanien und andere noch eine Reihe von Hausaufgaben zu erledigen haben. Andererseits hat sich das Tagesgeschäft im Euro beruhigt. Es gibt nicht mehr so viele Spannungen. Wenn es zu Nachtsitzungen in Brüssel kommt, dann nicht zum Euro, sondern zur Flüchtlingskrise.

Die Statistik, an der man diese Situation am besten ablesen können müsste, sind die Salden im innereuropäischen Zahlungsverkehr (Target-Salden). Sie sind gewissermaßen ein Fieberthermometer des Euros. Wenn alles ruhig ist, dann sind die Salden mehr oder weniger Null. So war das bis 2007 (siehe Grafik). Dann stehen den privaten Forderungen eines Mitgliedslandes entsprechende private Verbindlichkeiten anderer Länder gegenüber. Die Notenbanken müssen nicht aktiv werden. Ab 2007 hat sich das Fieber im Zuge der Finanzkrise erhöht. Da musste die Bundesbank zunehmend Forderungen übernehmen. (Die Bundesbank gehört zu den wenigen Zentralbanken im Eurosystem, die diese Zahlen veröffentlichen.)



Bis 2012 hatten sich bei der Bundesbank Forderungen aus diesen Salden in Höhe von EUR 750 Mrd. aufgebaut. Das war der Höhepunkt. Jeder wusste, dass das so nicht weitergehen konnte. Dann kam glücklicherweise die Wende. Der Target-Saldo ging zurück. Das Fieber ließ nach.

Aber jetzt passiert etwas, was gar nicht ins Bild passt. Trotz der äußerlichen Ruhe im Euro steigen die Salden wieder an. Seit eineinhalb Jahren haben sie sich um EUR 120 Mrd. erhöht. Zuerst konnte man das mit der Entwicklung in Griechenland und den Problemen der italienischen Banken begründen. Aber jetzt reicht diese Erklärung nicht mehr aus. Denn die Entwicklung geht ungebremst weiter. Seit März 2015 nehmen die Target-Salden pro Monat im Schnitt um EUR 7 Mrd. zu. Das ist so wie wenn Deutschland seinen Partnerländern jeden Monat einen Kredit dieser Höhe gäbe.

Auf Seite 2: Wie ist die Entwicklung zu erklären?



Seite: 1 | 2 | 3

Weitere Links:


Bildquelle: Markus Rüth für Börse Online

Anmeldung notwendig

Benutzername oder E-Mail:
Passwort:
 
Anmelden
 

Um diese Funktionalität nutzen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Falls Sie noch kein Benutzerkonto bei boerse-online.de besitzen, können Sie sich hier kostenlos registrieren.

Eintrag hinzufügen

Nachrichten

  • Nachrichten zu Aktien
  • Alle Nachrichten
pagehit