Uglaubliches Indien - mit diesem Slogan, begleitet von bunten Bildern, ver­marktet sich das Land in der Welt. Eine hübsche Marketing­aktion. Wer aber das "Incredible India" jenseits der touristischen Taj­ Mahal-Oberflächlichkeit kennenler­nen will, muss nur ein Konto bei ei­ner indischen Großbank eröffnen. Selbst für ein langweiliges Girokonto ohne Kreditkarte oder Dispo sollte man fünf Monate, drei Filialbesuche, sechs Hausvisiten von Bankmitarbei­tern, eine eidesstattliche Erklärung und zahllose Telefonate, SMS und Un­terschriften einplanen. Der Antrag für die Einrichtung eines Wertpapier­depots, der nächste Schritt, umfasst 105 Seiten. Das sei eben leider "lang­wierig", sagt Biswadeep Sarkar, der zuständige Kundenbetreuer.

Ein zähes Prozedere - und den­noch, was Bankdienstleistungen in Indien angeht, quasi die Überhol­spur. Etwa 900 Millionen der rund 1,25 Milliarden Inder, von denen die Hälfte jünger ist als 25, haben zwar ein Handy; die Mehrheit hat aller­dings noch heute kein Konto. Die Re­serve Bank of India (RBI), Indiens Notenbank, schätzt, dass nur sechs Prozent der 600 000 Dörfer und Kleinsiedlungen des Subkontinents über eine Bankfiliale verfügen. Vor allem für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen wie Wander­arbeiter oder Bauern ist es fast un­möglich, ein Konto zu eröffnen. Da­für ist unter anderem ein kafkaesker Wohnsitznachweis erforderlich. Wer beispielsweise ein Zimmer oder eine Wohnung mit anderen teilt, was in Indien üblich ist, blitzt bei vielen Banken ab.

Indiens Finanzsektor ist in vieler Hinsicht archaisch und Jahrzehnte hinterher. Und er ist eine Art Hybrid: staatlich­bürokratisch und zugleich marktwirtschaftlich­dynamisch, ra­santes Wachstum inklusive. Anleger sind deshalb gut beraten, indische Bankaktien in den kommenden Jah­ren auf dem Radar zu haben. Die von der Regierung Modi schwungvoll an­gegangene Liberalisierung der indi­schen Wirtschaft dürfte mittelfristig zu höherem Wachstum führen. Der Finanzsektor würde davon merklich profitieren, denn auch in Indien gilt eine alte Regel: Wächst die Wirt­schaft, wachsen auch die Banken. Risikofreude und Durchhaltefähig­keit sollten Anleger aber mitbringen. Die Probleme der Branche sind so groß wie ihre Perspektiven.

Neben der drastischen Unterver­sorgung weiter Bevölkerungsteile mit Bank-­ und Sparprodukten weist Indiens Finanzsektor zwei Haupt­probleme auf. Zum einen mischt seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1947 der Staat fleißig mit. Noch heute liegen rund 70 Prozent der Vermögenswerte bei Staatsbanken, die in der Regel erheblich mehr faule Kredite in den Büchern haben als ihre privaten Rivalen. Zum anderen ist die Kapitalausstattung in Indiens Finanzsektor unzureichend: Er be­nötigt umgerechnet rund 30 Milliar­den Euro an zusätzlichem Kapital, wenn 2018 die sogenannten Basel­ III-Regeln in Kraft treten.

Interessante Adressen für Aktio­näre gibt es trotz allem. Der Platz­hirsch unter Indiens Privatbanken ist ein in Deutschland weitgehend un­bekanntes Institut, die HDFC Bank, nach Marktkapitalisierung die Num­mer 1 im Lande. Per April betrieb sie 3403 Filialen und 11 256 Geldauto­maten in Indien. Ihre Geschäfts­zahlen sind aus europäischer Sicht abenteuerlich gut. Die HDFC Bank hat seit 1998 das Kunststück fertig­gebracht, den Gewinn jährlich um durchschnittlich 20 Prozent zu stei­gern - ein Trend, der sich nach einer Berechnung des Nachrichtendiens­tes Bloomberg bis 2017 fortsetzen soll. In den Jahren 2005 bis 2014 hat sich der Nachsteuergewinn ver­zwölffacht, der Gewinn je Aktie knapp verachtfacht. Die Kreditqua­lität der Bank ist die beste in Indien.

Auf Seite 2: Die Branche öffnet sich

DIE BRANCHE ÖFFNET SICH

Ende Juli wurden Spekulationen laut, wonach die HDFC Bank mit dem Mutterkonzern HDFC, einer Hypothekenbank, fusionieren und Kosten senken könnte, was bislang keines der beiden Unternehmen be­stätigt hat. Darüber hinaus tragen sich Regierung und RBI mit dem Ge­danken, den Aktienanteil, den aus­ländische Investoren an indischen Banken halten dürfen, von in der Re­gel 49 auf 74 Prozent zu erhöhen. Bei der HDFC Bank ist das sogenannte FII-Limit ("Foreign Institutional In­vestors") von 49 Prozent bereits aus­geschöpft - was dazu führt, dass die an westlichen Börsen gehandelten Papiere mit einem Aufschlag auf den in Indien quotierten Aktienkurs be­wertet werden (siehe Investor­Info).

ICICI, gemessen an der Bilanz­summe die zweitgrößte Privatbank Indiens, ist ebenfalls ein solides Un­ternehmen, das mit seinen Zahlen allerdings hinter der HDFC Bank zu­rückbleibt. Das Wachstum bei Umsatz und Gewinn ist appetitlich. Mit einer Eigenkapitalrendite von 15,7 Prozent wäre ICICI in Deutsch­land ein Star, nicht aber in Indien. Die HDFC Bank liegt bei dieser Kenn­ziffer zurzeit sogar bei 21,6 Prozent.

Mehr als einen flüchtigen Blick wert ist die kleine, vor 20 Jahren ge­ gründete Axis Bank. Sie expandiert rasant: Allein im Geschäftsjahr 2013/14 wurden 455 neue Niederlas­sungen eröffnet, zwei Drittel davon an Orten, die zuvor keine Bankfiliale besaßen. In den vergangenen fünf Jahren hat Axis die Einlagen im Schnitt um jährlich 19,1 Prozent ge­steigert, den operativen Gewinn so­gar um 25,2 Prozent. Die Eigenkapi­talrenditen schwankten im gleichen Zeitraum zwischen hohen 18 und 21 Prozent - mit der Folge, dass sich der Buchwert je Aktie seit 2009 mehr als verdoppelt hat. Faule Kre­dite hat die Bank fast keine.

Das sieht bei der State Bank of In­dia (SBI) - börsennotiert, aber wei­terhin staatlich kontrolliert - anders aus. Beim nach Bilanzsumme größ­ten Finanzinstitut Indiens schlum­mern faule Kredite in Höhe von umgerechnet 7,5 Milliarden Euro in den Büchern. Das signalisiert mas­sive Probleme bei der Vergabepra­xis. Dennoch ist SBI, ein Gigant mit knapp 16 000 Filialen, 220 Millionen Kundenkonten und 222 000 Mitar­beitern, interessant. Die Bank, die zurzeit zu 59 Prozent dem Staat ge­hört, könnte mittelfristig weiter pri­vatisiert werden. Finanzminister Arun Jaitley plant, den Regierungs­ anteil auf 51 Prozent zu senken.

Langfristig könnte SBI sogar mehrheitlich in private Hände über­gehen. Ein weiterer Rückzug des Staats aus dem Finanzsozialismus der vergangenen Jahrzehnte, ge­meinschaftlich von der Regierung Modi und der RBI vorangetrieben, ist absehbar - wobei die Gewerk­schaften schon Protest angemeldet haben. So plant die Notenbank erst­ mals seit mehr als zehn Jahren die Ausgabe neuer Banklizenzen (siehe Investor-­Info), die es auch Telekom­unternehmen oder Einzelhändlern gestatten könnten, mit niedrigen Kapitalanforderungen als Anbieter aufzutreten. Insbesondere Konto­führung und Geldtransfers per Handy wären möglich. In weiten Tei­len Afrikas, wo das Pro­-Kopf­-Ein­kommen oft unter dem indischen liegt, ist das längst Wirklichkeit.

Auf Seite 3 bis 5: Investor-Info