JAPAN

Untergang auf Raten

Untergang auf Raten
22.03.2014 10:00:01

Eine Mehrwertsteuererhöhung gefährdet den Aufschwung. Nippons Notenbank wird den Markt daherweiter mit Geld fluten. Dem Land drohen unabsehbare Folgen, Börsianer aber jubeln. Von Astrid Zehbe

Japanische Autohändler haben derzeit alle Hände voll zu tun. Fast 500000 Neuwagen kauften ihre Landsleute im Februar - 20 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Im Januar lag die Nachfrage gar 30 Prozent über der von Anfang 2013. Insgesamt war es nun der sechste zweistellige Anstieg der Autokäufe in Folge. Auch Wohnungen, Luxusgüter und andere langlebige Produkte wie Elektrowaren wurden in den vergangenen Monaten verstärkt nachgefragt. Die japanischen Einzelhandelsumsätze sind im Februar mit 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr so stark gestiegen wie seit 13 Jahren nicht mehr.

Die Konsumfreude der Japaner kommt nicht von ungefähr: Viele haben große Anschaffungen vorgezogen, weil am 1. April die Mehrwertsteuer von fünf auf acht Prozent erhöht wird. Dann dürfte mit dem Kaufrausch erst mal Schluss sein. Schon jetzt trübt sich die Stimmung bei den Konsumenten ein: Der Index für das Verbrauchervertrauen sank von Januar auf Februar von 40,5 auf 38,3 Punkte, den niedrigsten Wert seit September 2011.

Wirtschaftswissenschaftler warnen davor, dass höhere Steuern den Konsum und somit auch die gerade begonnene Erholung der japanischen Wirtschaft abwürgen könnten. Viele rechnen deshalb damit, dass die Bank of Japan spätestens im Sommer wieder in ihre geldpolitische Trickkiste greifen wird, um die Wirtschaft zu stützen. Geld in den Markt pumpen, die Zinsen niedrig halten und so den Yen abwerten, um die Exportwirtschaft anzukurbeln - auf diese Weise versucht der japanische Premierminister Shinzo Abe seit über einem Jahr sein Land aus dem Deflations- und Rezessionsstrudel zu befreien. Der Erfolg der als "Abenomics" bekannt gewordenen Strategie ist bisher durchwachsen.

Auf der einen Seite hat der Yen seit November 2012 tatsächlich mehr als 20 Prozent seines Werts eingebüßt, weil die Notenbank begonnen hat, in großem Stil japanische Staatsanleihen aufzukaufen und so den Markt mit Geld zu fluten. Japanische Produkte wurden auf dem Weltmarkt billiger, und die Ausfuhren stiegen an. Erst zaghaft im niedrigen einstelligen Bereich, doch schon bald lag das Exportvolumen mit zweistelligen Zuwachsraten deutlich über dem des Vorjahres. Im Herbst 2013 legten die Exporte in der Spitze um knapp 20 Prozent zu. Auch wenn sich das Wachstum mittlerweile wieder abgeschwächt hat, machen Firmen wie der japanische Autohersteller Toyota Rekordgewinne. Als Folge legte der Aktienindex Nikkei 225 im vergangenen Jahr um mehr als 70 Prozent zu.

Auf der anderen Seite birgt die drastische Abwertung des Yen gefährliche Risiken: Es steigt nämlich nicht nur das Finanzvolumen der Exporte, sondern auch das der Einfuhren, weil mit sinkender Kaufkraft der Währung Güter aus dem Ausland teurer werden. Dies trifft vor allem den Energiesektor. Seit Japan nach der Tsunami-Katastrophe vor drei Jahren viele Kernkraftwerke heruntergefahren hat, muss es mehr als 90 Prozent der benötigten Energie aus dem Ausland einkaufen. 2012 war das Land nach China der weltweit zweitgrößte Importeur fossiler Brennstoffe.

Das hat das Handelsbilanzsaldo Japans, das eher von Überschüssen denn von Defiziten geprägt war, ins Minus gewendet. Im Februar übertrafen die Importe die Exporte bereits den zwanzigsten Monat in Folge um fast sechs Milliarden Euro. Der schwache Yen hat das Problem derart verschärft, dass Japan so schnell wie möglich einen Teil der stillgelegten Kernkraftwerke wieder ans Netz bringen will.

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Bildquelle: iStockphoto

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