Kein griechischer Politiker verkörpert den Protest gegen den Sparkurs so wie Alexis Tsipras, Chef der radikalen Linkspartei Syriza, der das "Brüsseler Spardiktat" einen "sozialen Holocaust" nennt, Reformen zurücknehmen und Griechenlands Schulden neu verhandeln will. Käme er an die Macht, stünde Griechenland vor der nächsten Pleite, heißt es. Und der Macht ist der griechische Oppositionsführer zumindest einen Schritt näher. Denn Neuwahlen sind in Griechenland ein Stück näher gerückt.

Das Parlament in Athen hat am vergangenen Mittwoch im ersten Wahlgang keinen neuen Präsidenten gewählt. Stavros Dimas, erhielt bei der Abstimmung nur 160 von 300 Stimmen. 135 Abgeordnete enthielten sich der Stimme. Damit verfehlte der Kandidat der Regierung die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit von deutlich. Am 23. Dezember wird der nächste Anlauf gestartet. Sollte auch dieser Wahlgang kein Ergebnis bringen, wird es am 29. Dezember abermals versucht. Dann sind nur noch 180 Stimmen für die Wahl notwendig. Scheitert Dimas auch dann, sind vorgezogene Wahlen vorgeschrieben. Umfragen lassen erwarten, dass die meisten Wähler dann ihr Kreuz bei Tsipras und der Syriza machen würden. Der Vorgang ist also brisant, die Zukunft Griechenlands unsicher.

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Das Schreckensszenario lässt sich bis zu einem weiteren Schuldenschnitt fortsetzen, den die Syriza anstrebt. Selbst einen Euro-Austritt Griechenlands und eine Rückkehr der Eurokrise hält man etwa bei der marktliberalen Denkfabrik CEP für möglich. Da über all dem aber viele Konjunktive schweben, gibt es Raum für Restoptimismus: "Wenn es darauf ankam, haben die Griechen immer proeuropäischer votiert als befürchtet", sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-DiBa. Die vorgezogene Präsidentenwahl hält er für einen cleveren Schachzug. "In zwei Monaten wäre sie sowieso angestanden. Jetzt baumelt das Damoklesschwert nicht mehr lange. Entweder fällt es oder die Regierung Samaras bekommt mehr Rückhalt und Zeit."

Sollte das politische Chaos tatsächlich Syriza-Chef Tsipras an die Macht spülen, würde auch er diesem Dilemma nicht entfliehen können und besonnener agieren als angenommen, hoffen manche Beobachter. Einige Investoren blicken deshalb bereits wieder positiver in die Zukunft und verweisen auf die Chancen und die jüngsten Erfolge des Landes. So ist die griechische Wirtschaft im dritten Quartal erstmals wieder gewachsen, nachdem sie seit Ausbruch der Krise um etwa ein Drittel eingebrochen war. Die griechische Fondsgesellschaft Alpha Trust ist deshalb optimistisch. "Nach dem Ausverkauf wird es definitiv Kaufgelegenheiten geben", heißt es dort. Auch bei der griechischen Alpha Bank beruhigt man die Anleger. Es könne weitere Turbulenzen geben, "am Ende wird aber wieder Normalität einkehren".

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Noch ist keine Trendwende in Athen in Sicht. Aber man sollte die Wahltermine im Auge behalten. Denn trotz anhaltender Krise könnte der Athener Aktienmarkt schnell drehen. Spekulative Anleger steigen dann ein.

höß/jk