INTERVIEW

IVA-Chef Beck: Der Computer ruft keinen Kunden an

IVA-Chef Beck: Der Computer ruft keinen Kunden an
17.04.2015 20:00:00

Andreas Beck, Chef des Instituts für Vermögensaufbau (IVA), erklärt warum das Internet für Anleger Fluch und Segen zugleich ist. Von Ludwig Heinz





Kann ein Computer oder Roboter den Menschen als Anlageberater ersetzen?
Andreas Beck: Das was neudeutsch Robo Advice genannt wird ist im Moment stark in den Medien präsent. Aber Überschriften wie "Anleger entdecken Anlageberatung im Internet" entsprechen schlicht nicht der Realität. Bislang verwalten die einschlägigen Anbieter sehr wenig Geld oder sind schon gescheitert. Es ist überhaupt noch nicht absehbar, dass Kunden diese Dienstleistung annehmen.

Was spricht dagegen, dass sie das tun?
Beck: Teilweise wird der Anleger für dumm verkauft. Ihm wird vorgegeben, er könne die richtigen Anlageentscheidungen treffen, wenn er ein paar Fragen mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten beantwortet.

Die herkömmliche Beratung von Privatkunden erfolgt doch oft nach standardisierten Vorgaben, einer Art Fahrplan. Warum sollte man den nicht über ein entsprechendes Computerprogramm abbilden können?
Beck: Schlechte Anlageberatung kann man ganz hervorragend automatisieren. Bei guter Anlageberatung funktioniert das aber nicht. Niemand verliert gerne Geld. Es gibt genügend Untersuchungen, die zeigen, dass sich Anleger in Zeiten boomenden Börsen als risikofreudig sehen. Brechen die Märkte aber ein, stufen sie sich plötzlich als risikoscheu ein. Eines der wesentlichen Elemente eines Beratungsgesprächs ist, dass der Anlageberater im Gespräch herausfindet, wie es dem Kunden zum Beispiel bei der Finanzkrise 2008 mit seinen Investments erging, wie er sich dabei gefühlt hat, wie er reagiert hat. Es ist eine ausgesprochen persönliche und im Gespräch auch für den Kunden erfahrbare Frage, wie es ihm geht, wenn von seinem hart verdienten Geld plötzlich 20.000 Euro verschwunden sind.

Heißt das, dass die Programme gänzlich überflüssig sind?
Beck: Aus meiner Sicht gibt es im Internet zwei Arten von Entwicklungen bei diesen Plattformen. Die einen schaffen es, Privatkunden Dienstleistungen anzubieten, die bezogen auf Kosten und Qualität bislang nur institutionellen Kunden zugänglich war. Dazu gehören zum Beispiel Direktbanken. Über diese kann auch der Privatanleger wie ein Institutioneller direkt an der Börse sehr günstig Wertpapiere kaufen. Andere Formen sind nur parasitär und vergleichbar mit Hotelbuchungs-Plattformen. Diese sind auch eine Nicht-Dienstleistung, für die viel Geld abgegriffen wird, obwohl ich das Hotel genauso gut direkt buchen könnte. Ähnlich ist es bei Robo-Advice. Was dort gegen Gebühren angeboten wird, gibt es meist bereits kostenlos. Ich kann mir bei meiner Direktbank ein Portfolio aus günstigen Indexfonds zusammenstellen, ich kann mir im Internet von Experten kostenlos eine Vermögensaufstellung ziehen, ich kann sie kostenlos jedes Jahr anpassen.

Viele Menschen haben bei der Geldanlage ihre Emotionen nicht im Griff. Kann für solche Anleger Robo Advice nicht sinnvoll sein, um Emotionen bei Anlageentscheidungen auszuschalten?
Beck: Das ist bei der Geldanlage ähnlich wie beim Thema Fitness. Beides scheitert oft an der Disziplin. Es gibt Fitness-Apps, für die ich eine Gebühr zahle und dafür täglich eine Mail bekomme, ich soll diese oder jene Übung machen. Aber wird das mein Verhalten verändern? Wenn mir ein Programm aus dem Netz meine Anlagen verteilt und der Markt bricht ein, warum sollte ich mich emotional anders verhalten als vorher?

Demnach ist das Beratungsgespräch von Mensch zu Mensch nicht zu ersetzen?
Beck: Ein guter Anlageberater führt mit dem Kunden ein Gespräch über Krisensituationen, da findet ein Informationsaustausch statt. Der ruft den Kunden in einer Krise an und knüpft an das Gespräch an. Verglichen damit ist das, was im Moment im Internet angeboten wird, eindeutig ein Rückschritt.

Wird es in Zukunft irgendwann intelligentere Angebote geben?
Beck: Davon bin ich überzeugt. Das Internet bringt ja eine phantastische Demokratisierung der Märkte mit sich, mit allen Vor- und Nachteilen. Es ermöglicht, dass es keinen Unterschied mehr zwischen institutionellen und privaten Anlegern gibt, weil die Grenzkosten für eine Transaktion immer gleich sind. Dafür sind Indexfonds, sprich ETFs ein gutes Beispiel. Die gab es zunächst nur für institutionelle Investoren. Das wäre ohne die Erfindung der Direktbanken auch heute noch so, da der Anlageberater in der Bankfiliale keine provisionsfreien Produkte anbieten kann. Durch die Direktbanken wird die ETF-Welt auch Privatanlegern eröffnet. Gut vorstellbar, dass es auch bei Vermögensverwaltungen in diese Richtung gehen wird.

Die Banken stehen unter einem enormen Kostendruck, die persönliche Beratung von Kleinanlegern durch Kundenbetreuer lohnt sich für sie kaum noch. Kann das ein Antrieb sein, bessere Angebote im Bereich Robo Advice zu entwickeln?
Beck: Richtig ist, dass Anlageberatung immer teurer wird. Das führt dazu, dass Banken teilweise gar keine Anlageberatung mehr anbieten. In Großbritannien ist das gut zu beobachten. Das ist natürlich fatal, weil für einen einfachen Kunden, der vielleicht 10.000 Euro gespart hat, diese Summe vielleicht wertvoller ist als eine Million für einen reichen Kunden. Der Kunde mit kleinem Vermögen braucht genauso dringend eine gute Beratung. Meines Erachtens ist es machbar. Zwar sind individuelle Lösungen für Otto-Normal-Kunden zu vertretbaren Kosten nicht möglich. Denkbar sind aber institutionelle Lösungen, welche die wichtigsten Anlageziele abdecken und damit eine große Zielgruppe ansprechen. Das heißt, man bietet Standardprodukte für Standard-Anlageziele zu institutionellen Kosten und Qualität an.


Bildquelle: Wolfgang Kriegbaum