Fast zehn Prozent der Stimmen für die 2013 gegründete Partei Alternative für Deutschland (AfD) bei der Sachsen-Wahl am vergangenen Sonntag, erstmals zieht sie in einen Landtag ein - Bernd Lucke ist obenauf. Der 52-jährige Ökonomieprofessor, Ex-CDUler und - nach der Europawahl im Mai - Europaabgeordnete ist das Zugpferd der eurokritischen Partei, die nun auch für die Landtagswahlen in Brandenburg und Thüringen (am 14. September) auf Stimmenfang geht. Ein Gespräch mit einem Mann, der in Deutschland zurzeit polarisiert wie kein anderer Politiker.

Herr Lucke, führen Sie das Wahlergebnis der AfD in Sachsen auf lokale Themen zurück oder eher auf die bekannte eurokritische Haltung Ihrer Partei?

Beides ist der Fall. Der sächsische Landesverband hat einen fantastischen Wahlkampf geführt und die Schwerpunkte auf jene Politikfelder gelegt, die von vielen Sachsen als wichtig und drängend empfunden werden. Dazu gehören beispielsweise die Stärkung der Poli- zei und die klare Ablehnung eines unkontrollierten Ausbaus der Wind- energie. Auf der anderen Seite haben wir auch Steuerverschwendung und gebrochene Wahlversprechen kritisiert und dabei auf die Milliardenverluste durch die Eurorettungspolitik und auf den Bruch des Maastricht-Vertrags hingewiesen. Daher sehe ich das Wahlergebnis auch als Bestätigung für den bundes- und europapolitischen Kurs der AfD.


Wie schätzen Sie die Chancen der Partei für die Wahlen in Branden­burg und Thüringen ein?

Ich bin überzeugt, dass wir in beide Landtage einziehen werden. Denn die AfD bietet auch in diesen Ländern eine klare Alternative zu den etablierten Parteien.


Trotz einer offensichtlich breiter werdenden Akzeptanz werden Sie von Kritikern als Eurohasser, Nationalkonservativer, Rechts­konservativer und Rechtspopulist bezeichnet. Zu Recht?

Nein. Es ist die Strategie unserer Gegner, die uns lieber verunglimpfen, statt sich argumentativ mit der AfD auseinanderzusetzen. Das ist ein üblicher Abwehrmechanismus von Altparteien gegen neue Konkurrenz. Auch über die Grünen hieß es früher, sie seien Linksradikale, Terroristenfreunde und Steinewerfer.


Da war definitiv einiges dran.

Ja, bei manchen stimmte das zweifellos. Aber heute ist mir klar, dass das Gros der Mitglieder in der Gründungszeit der Grünen friedensbewegte Bürger waren, die unsere De­mokratie genauso bejahten, wie es die AfD heute tut. Aber stets mach­ten sich die Altparteien und manche Medien über negative Einzelfälle her, um die gesamte, störende Par­tei in ein schlechtes Licht zu rücken.

Sind Ihnen die Grünen ein Vorbild?

Nicht in ihrer Politik, sondern wegen ihres Erfolgs, von unten, aus der Bürgergesellschaft her eine neue Partei zu etablieren. Ich finde es erstaunlich, dass dies in der Ge­schichte der BRD erst einmal erfolgreich war, obwohl so viele Bürger nach Alternativen suchen. Die Hür­den für eine erfolgreiche Parteigrün­dung sind sehr hoch, und das ist nicht gut für eine Demokratie.


Aus Ihrer Sicht dämonisieren andere Parteien die AfD - auch die CDU, der Sie 33 Jahre lang bis 2011 angehörten.

Die CDU hat große Angst davor, Wähler an uns zu verlieren, weil wir in manchen Positionen genau das vertreten, was die CDU vor Jahren selbst vertreten hat.


Zum Beispiel?

Wir glauben, dass ein Mindestlohn Arbeitsplätze kostet, dass grüne Energien keine sichere und wirt­schaftliche Stromversorgung ge­währleisten, dass Deutschland nicht für die Schulden anderer Staaten haften sollte, wie es bei der soge­ nannten Eurorettungspolitik der Fall ist. Das sind alles Positionen, die die CDU unter Angela Merkel kampf­los aufgegeben hat. Würde die CDU sich sachlich mit uns befassen, müsste sie gegen die Richtigkeit ih­rer früheren Positionen argumen­tieren. Das funktioniert aber nicht überzeugend. Da fällt es leichter, uns zu dämonisieren.


Stichwort Eurorettungspolitik: Der Erfolg gibt der CDU bislang recht, Deutschland geht es trotz einiger fallender Konjunkturindikatoren gut wie selten zuvor.

Uns geht es nur aus zwei Gründen so gut. Punkt 1: In den ersten Jahren nach der Euroeinführung ging es in Deutschland gar nicht gut, aber da­ rauf haben wir mit Strukturrefor­men und - noch wichtiger - mit Lohnzurückhaltung geantwortet. Punkt 2: Mittlerweile profitieren wir davon, dass wir eine für die deut­sche Wirtschaft zu schwache Wäh­rung haben. Deutschland profitiert vom Euro zulasten vor allem der südeuropäischen Länder, für die der Euro viel zu stark ist. Die Bundesre­gierung verteidigt dies. Sie ist es, die nationalistisch agiert und einen Zu­stand erhalten will, bei dem Deutsch­lands Wohlstand auf Kosten anderer Staaten errungen wird. Dabei blen­det sie die Kosten, die sich aus Ret­tungsschirmgarantien und Niedrig­zinsen für die deutschen Bürger er­geben, einfach aus. Sie verschweigt auch, dass Deutschland mit einer ei­genen Währung immer erfolgreich war, zumal dann, wenn es Deutsch­lands Nachbarn auch gut ging und sie nicht in einer langen Krise waren.

Die wahren Nationalkonservativen sind Ihrer Ansicht nach also die Unionsparteien, die SPD und die Grünen?

Für konservativ halte ich die Altpar­teien nicht, weil sie die Europäische Union in einem vorher nie da gewe­senen Maß verändern möchten - hin zu einem immer mächtigeren Über­staat. Aber sie sind engstirnig­natio­nal, und das Proeuropäische, das sie vor sich hertragen, ist nur ein Lip­penbekenntnis.


Sie wollen den Euro abschaffen, um Europa zu retten?

Ich möchte Europa retten. Dafür muss man die südeuropäischen Kri­senländer aus dem Euro ausschei­den lassen, damit sie mit einer eige­nen nationalen Währung abwerten können. Damit könnte ihre Privat­wirtschaft endlich wettbewerbsfähig werden. Die derzeitigen Sparanstren­gungen des Staats haben ja wenig Wirkung auf die Wettbewerbsfähig­keit der Privatwirtschaft.


Warum scheuen Griechenland und Co den Austritt aus dem Euro, obwohl es ihnen damit - wie Sie meinen - besser ginge?

Weil ihre Regierungen sich mit Hilfs­milliarden und Bürgschaften der EU und vor allem Deutschlands durch­wursteln können. Andernfalls wür­den sie todsicher abgewählt.


Was müssen die Krisenstaaten Ihrer Meinung nach jetzt tun?

In aller Kürze: Für die Privatwirt­schaft wäre - erstens - der Euro­austritt der Königsweg. Zweitens: Wenn das Wachstum zurückkehrt, muss fiskalisch eiserne Disziplin ge­wahrt werden, um die Staatsschul­den in den Griff zu kriegen. Drittens muss die Bankschuldenproblematik gelöst werden, indem die Eigentü­mer und die großen Bankinvestoren Kapital nachschießen, falls die Bank sonst nicht überlebensfähig ist. Es dürfen nicht immer die Steuerzahler zur Kasse gebeten werden.

Sind die Bankenstresstests der EZB ernst zu nehmen?

Wer weiß schon, ob die Banken mit offenen Karten spielen und die Re­gulatoren die Risiken der Portfolios richtig beurteilen? Auch hat die Eu­ropäische Zentralbank kein Inte­resse daran, dass bestimmte Pro­bleme bekannt werden, weil dann Bankkunden und Kapitalmärkte panisch reagieren könnten.


Viele Ökonomen befürchten, dass auch Frankreich ein Problem werden könnte. Was wäre die Folge?

Wenn Frankreich ebenfalls auf Ret­tungsmaßnahmen starker EU-Län­der angewiesen wäre, stünde der Euro erneut grundsätzlich infrage.


Um gegenzusteuern, wollen Frankreichs und Deutschlands Regierungen eine gemeinsame Wirtschafts- und Fiskalpolitik in der EU.

Was nicht das Problem mangelnder Wettbewerbsfähigkeit der Privat­wirtschaft löst. Eine europäische Wirtschafts-­ und Fiskalpolitik hätte überdies Umverteilung von den star­ken zu den schwachen Staaten zur Folge. Soll das eine europäische Wirtschaftsregierung entscheiden? Wenn die Nehmerländer die Geber­länder überstimmten, würden die Steuerzahler in den Geberländern bald auf die Barrikaden gehen und fragen, warum ihre Steuern in ande­ren Ländern verbraucht werden.


Das setzt nationalstaatliches Denken voraus.

Das ist europäische Realität und nicht zu verhindern.


Als Europaabgeordneter sind Sie mit Ihrer Kandidatur zum dritten Vorsitzenden des Währungsausschusses gescheitert. Woran lag‘s?

Ich habe kandidiert - wohl wissend, dass ich vermutlich nicht gewählt werde. Das Kalkül war, dass die an­ deren Parteien sich selbst entlarven, wenn sie mich nicht wählen, weil ich eine andere Meinung habe.


Wie sieht Ihrer Meinung nach Europa im Jahr 2020 aus?

Ich fürchte, dass es sich zu einem zentralistischen Überstaat mit im­mer mehr Regelungsvollmachten entwickelt haben wird. Ich fürchte, dass Südeuropa wirtschaftlich abge­hängt sein wird, sodass verloren geht, was wir seit Beginn der EU er­reicht hatten: ein zusammenwach­sendes Europa. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht erkennen die Wähler und Politiker die Fehlent­wicklungen noch. Dann wird man al­lerdings den Euro in seiner jetzigen Form nicht mehr haben können.

Der Herausforderer

Bernd Lucke wurde am 19. August 1962 in Westberlin geboren, studierte Volkswirtschaftslehre, Philosophie sowie Neuere Geschichte und verbrachte sein Berufsleben als VWL-Professor an diversen Universitäten, seit 1998 in Hamburg. Im April 2013 gründete er mit Gleichgesinnten die AfD, deren führender Sprecher er seither ist. Seit Juli 2014 gehört er dem EU-Parlament an, nachdem die AfD mit ihm als Spitzenkandidat im Mai den Sprung nach Brüssel geschafft hatte. Der 52-Jährige ist verheiratet und hat fünf Kinder.