INTERVIEW

David Levy: "Die krachende Rückkehr der Krise"

David Levy:
02.03.2016 07:25:00

Der US-Starökonom sieht schwere Zeiten auf die Weltwirtschaft zukommen. Vor allem in den Schwellenländern, aber auch in Europa müsse sich die Bevölkerung auf ein Tal der Tränen einstellen. Von Jürgen Büttner

Bekannt ist David Levy in den USA vor allem, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt. In seinen klaren Botschaften scheut der Chef des Jerome Levy Forecasting Center nicht vor Einschätzungen zurück, die deutlich vom Marktkonsens abweichen. Dazu gehört Mut, doch in der Mehrzahl der Fälle liegt der US-Ökonom richtig. Als Volltreffer erwies sich seine vor rund einem Jahr im Interview mit BÖRSE ONLINE gezeigte Skepsis gegenüber den Schwellenländern. Zumal er damals vor allem auch China in Schwierigkeiten sah.

Zum Glück gehen Levys Vorhersagen nicht immer auf. Zur Rezession in den USA, die er für 2015 mit einer 65-prozentigen Wahrscheinlichkeit prognostiziert hatte, kam es nicht. Doch 2016 wird das Versäumte nachgeholt, da ist er sich sicher.

Börse Online: Herr Levy, für Sie vermutlich etwas überraschend hat die Fed Ende 2015 doch noch die Leitzinsen erhöht. Wie beurteilen Sie jetzt die Zinsaussichten?


David Levy:

Wir haben immer die Möglichkeit einer Zinserhöhung eingeräumt, diese aber nicht für wahrscheinlich gehalten. Unsere These lautete, dass eine Zinsanhebung gering ausfallen und auch relativ schnell wieder revidiert werden würde. An dieser Position halten wir fest. Im Jahr 2020 werden die Leute rückblickend aus unserer Sicht vom Nullzins-Jahrzehnt sprechen, obwohl der Leitzins 2015 und 2016 vielleicht ein- oder zweimal um 25 Basispunkte angehoben wurde.

Im Konsens sagen Volkswirte für 2016 im Schnitt ein US-Wirtschaftswachstum von etwa 2,5 Prozent voraus. Warum rechnen Sie mit einer Rezession?


Wenn Sie die Entwicklung der Wirtschaft verstehen wollen, müssen Sie den Gewinnen folgen. Die Gewinne der US-Unternehmen sanken im Vorjahr um rund zehn Prozent, und sie fallen weiter. Hauptursache dafür sind schwächere Volkswirtschaften in den Schwellenländern und den rohstoffproduzierenden Staaten. Die weltweite Nachfrage hat sich abgeschwächt, untergräbt die Exporte und führt zu einer Flucht in den Dollar, was wiederum ebenfalls die US-Exporte belastet. Die US-Exporte, die US-Inlandsinvestitionen sowie die Aktienmärkte - sowohl in den Vereinigten Staaten als auch global - werden der sich verschlechternden Weltwirtschaft folgen.

Erklärt das, warum Sie anders als der Mainstream 2016 von US-Gewinnrückgängen ausgehen?


Die Konsensgewinnschätzungen basieren häufig auf voreingenommenen Vermutungen und sind oft losgelöst von der Realität. Gute Analysten können gute Prognosen für Unternehmen oder Branchen abgeben, solange sie von der volkswirtschaftlichen Entwicklung nicht überrascht werden. Wenn die Konjunktur aber überraschend dreht, liegt die Konsensvorhersage schnell stark daneben. Nur wenige Analysten beachten die Rahmendaten, von denen die Gewinnentwicklung beeinflusst wird. Schauen wir aktuell auf diese Daten, fällt es schwer, die Firmengewinne 2016 nicht schrumpfen zu sehen.

Woher rührt Ihr anhaltender Pessimismus bezüglich der Schwellenländer?


Wirtschaftskommentatoren erkennen in der Regel nicht die finanziellen Folgen von außer Kontrolle geratenen Investitionen und den daraus resultierenden Überkapazitäten. Der Exportboom in den Emerging Markets in den 1990er- und 2000er-Jahren führte zu enormen Investitionen, die auf der Annahme basierten, dass die Schwellenländer ihren Weltmarktanteil schnell und unbegrenzt erhöhen können. Doch jetzt, da die Emerging Markets fast die Hälfte der Weltwirtschaft ausmachen und die Volkswirtschaften der entwickelten Länder weitgehend stagnieren, haben die Exporte stark enttäuscht, und als Folge davon gibt es enorme Überkapazitäten - mit üblen finanziellen Folgen.

Welchen?


Erstens verdient das in Anlagevermögen gesteckte Kapital in den Schwellenländern nicht das, was sich die Investoren erhofft hatten. Und je mehr sich diese Situation verschlechtert, umso mehr verschlechtern sich die Kreditbedingungen. Zweitens war der Investitionsboom in den vergangenen fünf Jahren die größte Gewinnquelle für die Emerging Markets und auch für die Weltwirtschaft als Ganzes. Jetzt, im Zuge einer gerade einsetzenden Korrektur dieser Investitionen, sinkt die Profitabilität. Das zieht als Resultat eine Rezession nach sich sowie vermutlich ernste Wirtschafts- und Finanzkrisen.

Auf Seite 2: Kann sich China dieser Entwicklung durch den Eingriff des Staats entziehen?



Seite: 1 | 2

Weitere Links:


Bildquelle: Chairman Getty/Jerome Levy Forecasting Center

Rohstoffe in diesem Artikel

Goldpreis 1.158,50 -12,25
-1,05
pagehit