DIRK ELSNER

Das Erwachen der Digitalisierung

Das Erwachen der Digitalisierung
04.01.2016 07:32:00

Im Finanzsektor gehört der Begriff "Digitalisierung" sicher zu den Buzzwords des Jahres 2015. Das liegt nicht daran, dass die Geschäftsmodelle der Banken aus dem analogen Tiefschlaf erwacht sind. Was sich verändert hat - und bereits 2014 abzusehen war - ist die Bewusstseinsbildung zum digitalen Wandel.

von Dirk Elsner

Im Finanzsektor gehört der Begriff "Digitalisierung" sicher zu den Buzzwords des Jahres 2015. Das liegt nicht daran, dass die Geschäftsmodelle der Banken aus dem analogen Tiefschlaf erwacht sind. Wenn sich Kunden die eigene Nutzung von Bankdienstleistungen im abgelaufenen Jahr ansehen, dann werden wohl 95% feststellen, dass sich die präsentierten und oft ohnehin online angebotenen Leistungen nicht substantiell vom Vorjahr unterscheiden.

Was sich verändert hat - und bereits 2014 abzusehen war - ist die Bewusstseinsbildung zum digitalen Wandel in Banken. Das Thema ist zum Mainstream geworden. Wenn der digitale Wandel überhaupt beachtet wurde, dann sah man vor allem seine Risiken. Das hat sich gedreht. Mittlerweile stehen die Chancen im Fokus und damit die wohl notwendige und komplette Runderneuerung des Finanzsystems auf ein neues technisches und kulturelles Fundament. Aus einem vorsichtigen Herantasten ist eine breite Bewegung geworden. Die Digitalisierung ist in vielen Häusern in den Chefetagen angekommen. Und sogar der Bundestag hat sich 2015 mit der Digitalisierung des Finanzsektors befasst.

Interessant ist dabei, dass der Digitalisierungs-Begriff in etwa genauso unscharf verwendet wird, wie das Wort des Jahres 1995: "Multimedia". Nimmt man etwa die Definition, die Wikipedia anbietet, dann ist Digitalisierung im Finanzsektor ein abgewetzter Hut. Die Autoren des Weltlexikons bezeichnen als Digitalisierung die Überführung analoger Größen in diskrete (abgestufte) Werte, zu dem Zweck, sie elektronisch zu speichern oder zu verarbeiten. So verstanden war man in Finanzinstituten bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts digitalisiert, denn schon mit Lochkarten wurden analoge in maschinenlesbare Werte übertragen.

Eine solche mechanische Definition von "Digitalisierung" eignet sich freilich nicht dazu, zu verstehen, was heute in- und außerhalb der Finanzwelt passiert. Es geht in der Praxis gar nicht allein darum, analoge Informationen in Einsen und Nullen zu wandeln. Die oft vom Marketing von Lösungsanbietern und Beratern getriebenen Narrative der Digitalisierung erzählen uns von digital weit verteilten Informationen, die in immer kürzeren Zeitabständen (idealerweise in Echtzeit und sensorgestützt) aufgenommen, ausgewertet, angereichert, "intelligent" vernetzt und immer stärker automatisiert weiterverarbeitet werden. Die Digitalisierung verändert bestehende Produkte und Dienstleistungen, macht sie schneller und leichter verfügbar und senkt dabei oft sogar deutlich die Grenzkosten (Jeremy Rifkin). Dabei werden Produkte und Dienstleistungen stärker individualisiert und Kunden und Geschäftspartner werden Teil der Wertschöpfungsprozesse.

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