18.03.2016 07:16:00

Kolumne
Max Otte

Sahra Wagenknecht, der Turbokapitalismus und die soziale Marktwirtschaft


Mit "Reichtum ohne Gier - Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten" legt die "Linke"-Politikerin Sahra Wagenknecht ihr mittlerweile drittes Wirtschaftsbuch vor. Lohnt sich die Lektüre?

von Max Otte

Mit "Reichtum ohne Gier - Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten" legt Sahra Wagenknecht nach "Freiheit statt Kapitalismus" und "Wahnsinn mit Methode" ihr mittlerweile drittes Wirtschaftsbuch vor, das aktuell im Buchhandel erschienen ist. In ihrem Buch zeigt sie grundsätzliche Probleme und Deformationen unserer aktuellen Wirtschaftsordnung sowie Lösungsansätze klar und verständlich auf. Und es gibt viele Widersprüche, wie zum Beispiel: "Jeder von uns hat heute das Recht, 1 Million Euro von seinem Bankkonto per Knopfdruck nach Singapur oder Panama zu überweisen oder damit an der Wall Street Aktien zu kaufen. Das war nicht immer so - ist uns dieses Recht, das die meisten Menschen nie im Leben ausüben werden, wirklich so heilig, dass wir dafür die vielen Nachteile des freien Kapitalverkehrs, etwa die Steuerflucht oder die Erpressbarkeit der Staaten, in Kauf nehmen wollen?"

Damit ein solch fundamental kritisches Werk gelingen kann, sind zwei Voraussetzungen notwendig: erstens die Unabhängigkeit und zweitens eine breite Wissensgrundlage. Die erste hat Wagenknecht sich bewahrt, die zweite erarbeitet.

Als Outsiderin kann man die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag und häufige Diskutantin in Fernsehrunden mittlerweile nicht mehr bezeichnen. Dazu ist sie zu bekannt. Aber Sahra Wagenknecht hat sich den Blick von außen auf unser System und ihre Unabhängigkeit bewahrt. Das gelingt nur wenigen.

Wagenknecht gehört zu der kleinen Gruppe von Parlamentariern - ich schätze ihre Zahl auf höchstens zehn Prozent des Bundestages - die sich ihrem Gewissen auch dann verpflichtet fühlen, wenn dies Nachteile mit sich bringt. Diese Unbeugsamkeit zeichnete sie schon in der DDR aus, als sie beim Wehrunterricht die Nahrungsaufnahme verweigerte, nicht studieren durfte und sich mit Nachhilfestunden über Wasser hielt.

Akte ähnlichen zivilen Ungehorsams sind weder von Angela Merkel noch von Joachim Gauck bekannt. Spannend, dass sowohl Merkel als auch Gauck mit der Bezeichnung der DDR als "Unrechtsregime" keine Probleme haben, Wagenknecht, die aktiv Widerstand leistete, die Bezeichnung so pauschal nicht stehen lassen möchte.

Unabhängigkeit alleine reicht nicht, natürlich ist auch viel historisches und ökonomisches Wissen notwendig. Und das hat Sahra Wagenknecht, die nach eigenen Angaben schon als Vier- oder Fünfjährige lieber las, als in der Kinderkrippe herumzutollen und die Goethe als großen Geist bewundert. In einem Buch aus dem Jahr 2013 legt sie zum Beispiel die Wurzeln der teils fehlgeleiteten Hegelkritik des jungen Marx dar. Und ihre nebenbei abgelegte volkswirtschaftliche Dissertation zum gesamtwirtschaftlichen Sparverhalten dürfte - anders als die Dissertationen so manch anderer Politiker - Bestand haben.

Die überwiegende Mehrheit der Ökonomen traut sich an fundamentale gesellschaftliche Problemstellungen gar nicht mehr heran, sie rechnen lieber komplizierte Partialmodelle mit komplexen Gleichungen. Zudem fehlt vielen Ökonomen das historische und ideengeschichtliche Wissen - sie stehen so im Hier und Jetzt, im "System", dass sie gar nicht auf die Idee kämen, die Fragen aufzuwerfen, die Wagenknecht aufwirft.

Auf Seite 2: Um welche Themen es geht



Seite: 1 | 2 | 3

Weitere Links:


Bildquelle: Oliver Schmauch für Börse Online