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Wie tief kann der Ölpreis noch fallen, Herr Weinberg?

Wie tief kann der Ölpreis noch fallen, Herr Weinberg?
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29.01.2016 07:29:00

Der Ölpreis hat eine lange und sehr steile Talfahrt hinter sich. BÖRSE ONLINE sprach mit Deutschlands bekanntestem Rohstoff-Analysten Eugen Weinberg von der Commerzbank über die Gründe für den Absturz, Parallelen zur Subprime-Krise und die Gefahren für die Weltbörsen. Von Thomas Schmidtutz




Herr Weinberg, der Ölpreis war zuletzt stark unter Druck. Seit dem vergangenen Frühjahr hat sich der Preis für ein Barrel Brent praktisch halbiert. Seit Sommer 2014 liegt das Minus sogar bei 70 Prozent. Ist ein Ende der Talfahrt jetzt in Sicht?
Das sehe ich im Moment nicht. Obwohl inzwischen wohl alle negativen Faktoren am Markt bekannt sind, lassen sich weitere Rückschläge beim Ölpreis derzeit kaum ausschließen. Denken Sie nur an die vollen Öltanks weltweit. Alleine im vergangenen Jahr sind die Lagerbestände rund um den Globus um bis zu 600 Millionen Barrel angestiegen. Es wird dauern, um von diesen hohen Beständen herunter zu kommen. Diese Entwicklung wird uns also noch eine ganze Weile beschäftigen.



Wie tief kann der Preis noch fallen?
Kurzfristig sind weitere Rückschläge bis in die Zone zwischen 20 und 25 Dollar möglich. Voraussetzung für eine nachhaltige Trendwende ist, dass es statt des bestehenden Überangebots von einem bis zwei Millionen Barrel pro Tag zumindest wieder einen weitgehend ausgeglichenen Ölmarkt gibt.


Warum fördern die Ölproduzenten ungebremst weiter?
Wir sehen hier unterschiedliche Gründe. Jahrzehntelang hat die OPEC regelmäßig eine Förderquote festgelegt, die zwar nie so recht eingehalten wurde, aber es gab zumindest eine grobe Richtung. Das ist vorbei. Vor allem Saudi-Arabien versucht durch eine ungebremste Produktion den Ölpreis niedrig zu halten und so die unliebsame Konkurrenz aus der Schieferöl-Branche niederzuringen. Zudem wollen die Saudis auch dem Erzfeind Iran schaden, der nach dem Ende der UN-Sanktionen nun auf den Weltmarkt zurückdrängt.

Viele Beobachter werten die stark gefallenen Ölpreise auch als Vorboten eines weltweiten Konjunktur-Einbruchs. Zu Recht?
Das sehen wir völlig anders. Die Nachfrage stieg 2015 so stark wie seit fünf Jahren nicht. Im vergangenen Jahr ist die Nachfrage weltweit um knapp zwei Millionen Barrel pro Tag gestiegen - aber das Angebot hat um drei Millionen Barrel pro Tag zugelegt. Saudi-Arabien, Russland, Irak, Norwegen, Venezuela, die USA oder Kanada fördern aus vollen Rohren. Dadurch sind die Preise ins Rutschen gekommen.

Aber Saudi-Arabien könnte die Förderung drosseln und damit ein wichtiges Signal für eine mögliche Trendwende am Ölmarkt setzen. Wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario?
Das halte ich für absolut unwahrscheinlich. Denn die Saudis zielen ja gerade auf eine strukturelle Marktbereinigung auf der Angebotsseite ab. Dieses Ziel würde durch eine baldige Produktionsdrosselung verfehlt. Dazu kommt der offene Konflikt der Saudis mit dem Iran. Da wird also so bald nichts passieren.

Auf Seite 2: Warum Investoren die Krise am Ölmarkt so bedrohlich finden



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