Die Pflegekassen warnen, dass schon im Oktober die Einnahmen nicht mehr reichen werden. Welche Folgen das akute Finanzloch hat.

Den Pflegekassen geht das Geld aus - und sie rufen um Hilfe. "Die Pflege ist akut in Not", sagte Oliver Blatt, Chef des zuständigen GKV-Spitzenverbands. Schon bis Ende dieses Jahres fehlten schätzungsweise 500 Millionen Euro. Im nächsten Jahr klaffe sogar eine Lücke von zehn Milliarden Euro. Blatt brachte eine kurzfristige Finanzspritze des Bundes ins Spiel und forderte zugleich, die geplante Pflegereform rasch anzugehen.

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Was das akute Finanzloch für Pflegebedürftige heißt

Der GKV-Spitzenverband spricht für die soziale Pflegeversicherung, also die gesetzlichen Kassen mit knapp 75 Millionen Versicherten. Rund sechs Millionen Menschen bezogen 2025 Leistungen von ihr. Die Finanznot der Pflegekassen wird mittelfristig wahrscheinlich für fast alle im Land spürbar - sei es als Beitrags- oder Steuerzahler oder als Pflegebedürftige.

"Im Oktober werden die Einnahmen nicht mehr reichen, um die Pflegeleistungen voll zu finanzieren", sagte Blatt. Zugleich beruhigte er: "Die Pflege kann nicht pleitegehen." Es werde Mechanismen geben, den Fehlbetrag zu decken. "Zur Not wird uns dann der Bund sicherlich eine schnelle Liquidität geben", sagte Blatt. "Da muss man sich als Pflegebedürftiger keine Sorgen machen." Die Pflegeleistungen würden bezahlt. Aber die soziale Pflegeversicherung pfeife "aus dem letzten Loch".

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Ausgaben steigen viel stärker: Wie es zum Finanzloch kam

"Wenn die Ausgaben fast dreimal stärker steigen als die Einnahmen, dann ist die Dramatik offensichtlich", sagte Blatt. Von Januar bis Ende Juni gingen die Ausgaben der Pflegeversicherung im Vergleich zum ersten Halbjahr 2025 um elf Prozent auf 39,5 Milliarden Euro hoch. Dagegen wuchsen die Beitragseinnahmen nur um 3,9 Prozent.

So lief in der ersten Jahreshälfte laut Statistik des Spitzenverbands ein Defizit von 770 Millionen Euro auf, bis zum Jahresende würden es 1,2 Milliarden Euro. Dabei hat der Bund den Pflegekassen dieses Jahr schon mit einem Darlehen über 3,2 Milliarden Euro unter die Arme gegriffen. Sonst läge das "ehrliche Ergebnis" bei minus 4,4 Milliarden Euro, rechnet der Spitzenverband vor.

Warum steigen die Ausgaben bei der Pflege so stark an?

Haupttreiber sei die steigende Zahl von Menschen, die Leistungen in Anspruch nähmen. 2025 waren es rund 370.000 mehr als ein Jahr zuvor. Seit 2017 habe sich die Zahl von drei auf sechs Millionen in etwa verdoppelt. Das liege nicht nur an der Alterung der Gesellschaft, sondern daran, dass die Politik den "Zugang zur Pflege großzügiger gestaltet" habe als von der Wissenschaft empfohlen. 

Im Klartext: Die Kriterien für eine Pflegebedürftigkeit wurden weiter gefasst und mehr Menschen als früher können Leistungen aus der Versicherung beziehen. Zu Buche schlagen den Angaben zufolge auch steigende Milliarden-Zuschläge der Pflegekassen, die Heimbewohnerinnen und Heimbewohner bei fälligen Eigenanteilen für die reine Pflege entlasten sollen.

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Was die Pflegekassen kurzfristig fordern

"Die Finanzen der Pflegeversicherung müssen jetzt sehr kurzfristig stabilisiert werden, und mittel- bis langfristig brauchen wir eine strukturelle Reform", sagte Blatt. So soll der Bund aus Sicht der Kassen rasch 5,2 Milliarden Euro "Schulden aus der Coronazeit" bei der Pflegeversicherung zurückzahlen. Zudem soll der Bund die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige übernehmen, die bisher von der Pflegeversicherung bezahlt werden. Das wären 5,3 Milliarden Euro. 

Die erwartete Finanzlücke von zehn Milliarden Euro 2027 wäre damit aus Sicht der Pflegekassen gestopft - allerdings zulasten des Bundeshaushalts, der ebenfalls auf Kante genäht ist. Sowohl die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände als auch der Deutsche Gewerkschaftsbund stellten sich hinter diese Forderungen.

Die Kassen richten darüber hinaus ein Anliegen an die Länder: Sie sollten ihrer Verpflichtung zur Übernahme von Investitionskosten bei Pflegeheimen nachkommen, sagte Blatt. Damit könnte sich der Eigenanteil von Pflegebedürftigen in Heimen von zuletzt 3.000 Euro monatlich "sofort" um rund 500 Euro verringern.

Wie sich die Kassen die Reform vorstellen

Mittelfristig geht es aus Sicht der Kassen um "unbequeme Entscheidungen": Der Zugang zur Pflege solle überprüft werden. Damit würden womöglich wieder weniger Menschen Leistungen aus der Pflegeversicherung bekommen. Auch könne man die "Einnahmeseite" in den Blick nehmen, obwohl es niemanden begeisterte, wenn an der Beitragsschraube gedreht würde, meinte Blatt.

Beitragserhöhungen wiederum träfen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Seit 2025 liegt der Beitragssatz bei 3,6 Prozent des Arbeitsentgelts oder der Rente. Kassenmitglieder ohne Kinder zahlen 4,2 Prozent. Für Mitglieder mit zwei oder mehr Kindern wird ein geringerer Beitrag fällig.

"Es ist realistisch, dass die Beiträge perspektivisch steigen werden”

Zuvor hatte schon der Chef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas, verkündet, dass er trotz der geplanten Pflegereform mit Beitragserhöhungen in der Pflegeversicherung rechne. "Es ist realistisch, dass die Beiträge perspektivisch steigen werden. Wir haben eine Gesellschaft, die älter wird, und immer mehr pflegebedürftige Menschen", sagte Baas dem Pro-Newsletter Gesundheit des Nachrichtenmagazins "Politico". 

Auf politischer Seite ist eine Pflegereform bereits in Vorbereitung und soll noch im September durch das Kabinett, wie ein Sprecher von Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) sagte. Details sind aber offen. Zu den neuen Zahlen des GKV-Spitzenverbands und der Forderung nach einer Finanzspitze äußerte sich der Sprecher nicht. 

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Enthält Material von dpa-AFX

Häufige Fragen

Warum warnen die Pflegekassen vor einem Finanzloch ab Oktober?

Die Pflegekassen geben mehr aus als sie einnehmen. Deshalb könnte das Geld schon im Oktober nicht mehr für alle Leistungen reichen.

Müssen Pflegebedürftige jetzt um ihre Leistungen fürchten?

Nach Angaben des GKV-Spitzenverbands nicht. Die Pflegeleistungen sollen weiter bezahlt werden, auch wenn die Kassen vor Liquiditätsproblemen warnen. Im Notfall soll der Bund kurzfristig Geld bereitstellen.

Welche Lösung fordern die Pflegekassen?

Sie verlangen schnelle Finanzhilfen vom Bund und eine rasche Pflegereform. Außerdem sollen Corona-Schulden zurückgezahlt und Rentenbeiträge für pflegende Angehörige übernommen werden. Langfristig wollen die Kassen auch die Zugangsregeln zur Pflege überprüfen.