300.000 Euro Startkapital angespart, aber zunächst nur 714 Euro Rente im Monat? Eine Studie zeigt, warum das geplante Altersvorsorgedepot mit einer auffallend niedrigen Anfangsrente startet – und welche Folgen das für Anleger hat.

Mit dem Altersvorsorgedepot steht Vorsorgesparern ab 2027 endlich eine echte, kapitalmarktorientierte Alternative für die private Altersvorsorge zur Verfügung, die wesentlich rentabler ausfallen dürfte als die bisher bekannte Riesterrente. Während bereits viel über die attraktive Förderung und die daraus resultierenden Chancen beim Vermögensaufbau berichtet wurde, haben sich erst wenige mit der Frage beschäftigt, wie das angesparte Kapital eigentlich später in der Rentenphase zurückfließt.

Warum liegt die erwartete Rendite bei null Prozent?

Gut ist, dass der Gesetzgeber, anders als bei Riester, diesmal keine Verrentung im Rahmen einer teuren Versicherungslösung vorschreibt, sondern Auszahlungspläne zulässt, die mindestens bis zum 85. Lebensjahr laufen müssen. Zudem muss der ETF-Sparer bei Renteneintritt nicht die gesamte angesparte Summe auf einen Schlag in Cash umwandeln und diese womöglich niedrig verzinst auf dem Tagesgeldkonto parken, sondern darf Aktien- und Anleihenfonds weiterlaufen lassen.

Die Frage ist aber: Wie viel darf er sich monatlich auszahlen lassen? Und da gibt es einen bisher übersehenen Knackpunkt: Bei der Berechnung der Auszahlungspläne schreibt der Gesetzgeber einen besonders vorsichtigen Entnahmemechanismus vor. „Er verlangt eine fortlaufende Berechnung (spätestens alle drei Jahre), bei der die monatliche Entnahme ermittelt wird, indem der aktuelle Depotwert durch die Anzahl der Restmonate bis zum Ablauf (…) geteilt wird. Als erwartete Rendite werden konservative 0 Prozent angesetzt“, schreiben die Ruhestandsplaner von Retire Capital in einer Studie zum Thema. Das vorhandene Kapital werde dann auf die verbleibenden Monate bis zum vorgesehenen Ende der Auszahlungsphase verteilt, der Mindest-Auszahlungshorizont sei das 85. Lebensjahr. „Eine erwartete Rendite wird dabei mit null Prozent angesetzt.“

Die Musterrechnung

Mit der sehr vorsichtigen Vorgabe will der Staat eines von zwei Probelem lösen, die jeder Auszahlungspan hat: Ist der Entnahmebetrag zu hoch, verfehlt er die angepeilte Reichweite und "das Kapital endet vor dem Leben", wie es Wei sumschreibt. Ist die Entnahme jedoch zu niedrig, wird ein Teil des Vermögens zu Lebzeiten nie ausgezahlt.

Wie stark aber die Null-Rendite-Vorgabe gerade in den ersten Jahren im Ruhestand die Auszahlung einschränkt, zeigt Retire Capital in einer Musterrechnung. Dort gilt allerdings ein 35-Jahres-Horizont, um das Langlebigkeitsrisiko besser abzubilden, erklärt der Autor, CEO und Mitgründer von Retire Capital, Markus Weis. Dieser Ansatz erscheint ebenfalls konservativ, denn ein Rentner, der mit 67 in den Ruhestand eintritt, müsste 102 Jahre alt werden, um den Auszahlungsplan vollständig ausnutzen zu können. 

Weis hat rückwirkend 481 sich überlappende 35-Jahres-Zeitfenster aus 75 Jahren Kapitalmarktgeschichte untersucht. Simuliert wurden globale Aktien und deutsche Anleihen in Euro; damit soll die Rechnung näher an der Situation deutscher Anleger liegen als viele bisherige Untersuchungen, die ausschließlich US-Daten verwenden.

Zeitliche Verteilung der Auszahlungen (nominal): Eine höhere Annuität zu Beginn bedeutet ein relativ kostantes Rentenniveau. Ist die Rate am Anfang niedrig, steigt sie steiler an.
Foto: Berechnung und Grafik: Retire Capital
Zeitliche Verteilung der Auszahlungen (nominal): Eine höhere Annuität zu Beginn bedeutet ein relativ kostantes Rentenniveau. Ist die Rate am Anfang niedrig, steigt sie steiler an.

Nur 714 Euro zum Start

Bei 300.000 Euro Depotvermögen und einer Entnahmephase von 35 Jahren ergibt sich nach dieser Logik eine Anfangszahlung von rund 714 Euro im Monat. Das ist wohlgemerkt immer noch deutlich mehr als bei gängigen Riester-Policen. Die Zahl ergibt sich aus 300.000 Euro Guthaben geteilt durch 420 Monate (35 x 12). Die Aktienquote spielt für die erste Auszahlung keine Rolle, weil der Gesetzgeber keine Rendite in die Annuitätenrechnung einbezieht.

Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zum Konzept der sogenannten Vermögensrente, die Retire Capital als Vergleichsmodell heranzieht. Dort wird eine erwartete reale Rendite von fünf Prozent für Aktien und einem Prozent für Anleihen unterstellt. Das ist ebenfalls eine eher vorsichtige Annahme, aber der Effekt wäre gewaltig: Bei einer Aktienquote von 40 Prozent springt die Anfangszahlung direkt auf 1.098 Euro, bei 50 Prozent Aktienquote wären es gar 1.163 Euro im Monat.

Rendite kommt später

Die übervorsichtige Rechnung im Altersvorsorgedepot führe dazu, dass tatsächliche Wertzuwächse zunächst zu lange im Depot bleiben, schreibt Weis. Sie werden erst bei den späteren Neuberechnungen berücksichtigt, die alle drei Jahre erfolgen. Ist dann mehr Geld im Topf als zuvor angenommen, steigt die Auszahlung bei der Neuverteilung. Das heißt: Die Auszahlungen sind am Anfang niedrig und steigen im Zeitverlauf.

Studienautor Weis beschreibt diesen Effekt als Verschiebung des Konsums: Das Altersvorsorgedepot zahlt am Anfang weniger aus und lässt das Kapital dafür länger im Markt arbeiten. Das sei aber oft nachteilig, weil gerade bei Renteneintritt der Verlust an Kaufkraft gegenüber dem gewohnten Gehalt oft als besonders schmerzhaft empfunden wird. 

Über die gesamte Laufzeit fällt die Summe der Auszahlungen beim AV-Depot dann sogar höher aus als bei der Vermögensrente. Bei einer Aktienquote von 100 Prozent erreicht das Altersvorsorgedepot in der Simulation über 35 Jahre hinweg durchschnittlich 1,608 Millionen Euro an Gesamtauszahlungen, die Vermögensrente landet dagegen bei 1,158 Millionen Euro. „Der Gesetzgeber hat sich beim Altersvorsorgedepot bewusst für den vorsichtigen Weg entschieden. Das ist keine Schwäche des Konzepts, sondern eine Entscheidung über das Timing“, sagt Weis.

Hohe Aktienquote bringt im Alter vergleichsweise wenig Rente

Die Studie zeigt noch einen anderen interessanten Effekt. Ein höherer Aktienanteil im Altersvorsorgedepot erhöht zwar das „Konsumpotenzial“ der Rentner, verbessert aber nicht automatisch die Absicherung. Zwar steigt die durchschnittliche Gesamtauszahlung in den Berechnungen von Retire Capital von 805.000 Euro bei null Prozent Aktien auf 1,608 Millionen Euro bei 100 Prozent Aktien. Die monatliche Auszahlung entwickelt sich in den historischen Zeitreihen aber sogar in die entgegengesetzte Richtung. Sie sinkt von 684 Euro bei zehn Prozent Aktien auf 332 Euro bei 100 Prozent Aktien. Mehr Aktien schützen also nicht vor einem schwachen Auszahlungsverlauf nach schlechten Börsenjahren. Das liegt unter anderem daran, dass nach einem Rückschlag an den Börsen auf einen Schlag weniger Geld im Depot liegt – und von diesem niedrigeren Niveau aus unter Einhaltung der Annahmen neu für die Restdauer geplant werden muss.

Bei der Vermögensrente, die im Beispiel von Retire Capital Renditen bis zu fünf Prozent zulässt, liegt die Untergrenze dagegen noch bis zu einer Aktienquote von 90 Prozent durchgehend über der des Altersvorsorgedepots. Bei 40 Prozent Aktien sind es laut Studie etwa 909 Euro Mindestrente monatlich gegenüber 610 Euro im Altersvorsorgedepot.

Spannbreite der Monatsentnahme des Altersvorsorgedepots (Smart Rebalancing, nominal)
Foto: Berechnung und Grafik: Retire Captal
Spannbreite der Monatsentnahme des Altersvorsorgedepots (Smart Rebalancing, nominal)

Der Vergleich hat eine Lücke

Die Ergebnisse sind ein Anhaltspunkt, lassen jedoch noch kein endgültiges Urteil zu, welche Variante die bessere ist. Die staatliche Förderung und die steuerliche Behandlung des Altersvorsorgedepots könnten noch einen entscheidenden Vorteil gegenüber einem gewöhnlichen privaten Depot ausmachen, räumt Markus Weis ein. Sie wurden nicht berücksichtigt.

Und es gibt noch eine Variable: Wer direkt am Anfang bis zu 30 Prozent des Kapitals aus dem Altersvorsorgedepot entnimmt – was erlaubt ist – reduziert damit dauerhaft seine laufenden Rentenzahlungen. Was aber, wenn der Rentner dieses Geld anders anlegt, etwa in einem Dividendendepot, und daraus zusätzliche Überschüsse erzielt?

Für Anleger heißt die Entscheidung deshalb nicht „entweder oder“. Das Altersvorsorgedepot kann als sinnvoller Baustein dienen, um vor allem die späteren Ruhestandsjahre zu stärken, wenn andere Reserven aufgebraucht sind. Wer dagegen in der meist noch recht aktiven Anfangsphase seines Ruhestands mehr Geld benötigt, braucht dafür entweder zusätzliches Vermögen oder sollte die vorzeitige Entnahmelösung wählen.

Es geht also nicht nur darum, wie viel Kapital insgesamt ausgezahlt wird, sondern auch, wann dieses Geld dem Rentner zur Verfügung steht. Im Ruhestand kann Timing wichtiger sein als die Endsumme.

Quelle: Retire Capital, „Entnahmestrategien im historischen Test“, August 2026. Die Studie weist sämtliche Beträge nominal aus und berücksichtigt weder Steuern noch Kosten.