VENLO (dpa-AFX) - Nach jahrelangen Übernahmespekulationen und einem gescheiterten Versuch durch den US-Konkurrenten Thermo Fisher steht der Dax-Konzern Qiagen vor einer neuen Zukunft: Der Labordienstleister und Diagnostikkonzern will sich vom schwedischen Finanzinvestor EQT übernehmen lassen. Beide Seiten einigten sich auf ein Kaufangebot, das Qiagen mit rund 10,8 Milliarden Euro bewertet, wie die Unternehmen am Vorabend verkündeten. Die Börse reagierte positiv.

Konkret will EQT je Aktie 46,50 Euro in bar zahlen. Erfolgen soll dies über ein Übernahmevehikel, an dem auch der Staatsfonds von Abu Dhabi und der kanadische Pensionsfonds CPP Investment Board beteiligt sein sollen. Der Abschluss des Deals wird für Mitte 2027 erwartet. Voraussetzung ist neben den üblichen regulatorischen Freigaben unter anderem eine Mindestannahmeschwelle von 50 Prozent plus eine Aktie.

Der Angebotspreis liegt damit zwar nur knapp 9 Prozent über dem Schlusskurs vom Dienstag vor Veröffentlichung des Kaufangebots - allerdings hat die Aktie wegen der bereits seit Monaten herrschenden Übernahmefantasie auch zuletzt deutlich angezogen. Vor dem ersten Bekanntwerden der Gerüchte über ein EQT-Interesse Anfang Juli hatte der Kurs lediglich bei rund 33 Euro gelegen. Am Donnerstagmorgen sprang der Kurs zeitweise um mehr als sechs Prozent an, zuletzt lag das Plus noch bei rund fünfeinhalb Prozent auf 45,17 Euro.

Spekuliert worden war über einen Verkauf des Dienstleisters für die Pharmaindustrie schon lange. Zuletzt hatten sich die Anzeichen für einen bevorstehenden Deal verdichtet. So berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg bereits in dieser Woche detailliert über das Vorhaben und den von EQT vorgesehenen Angebotspreis.

Dem Übernahmeangebot von EQT sei eine umfassende Prüfung von Aufsichtsrat und Vorstand vorausgegangen, hieß es derweil von Qiagen. Diese hätten sich danach entschieden, die Offerte zu unterstützen. "Die Qiagen-Gremien sind überzeugt, dass die Transaktion das beste Umfeld für die nächste Wachstumsphase von Qiagen schafft." In privater Eigentümerschaft erhalte der Konzern mehr Flexibilität, langfristig zu investieren.

EQT habe dabei bereits Zusagen unter anderem hinsichtlich der Strategie, des Geschäfts, der wichtigsten Marken, der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sowie der Regelungen für die Qiagen-Mitarbeitenden gemacht.

Das Qiagen-Management will daher den Aktionären empfehlen, das Angebot anzunehmen, und warnt zugleich davor, dass im Falle einer Nichtannahme Investoren später schlechter dastehen könnten. Denn wird die Mindestannahmeschwelle erreicht, will EQT auch die verbliebenen Aktionäre durch eine - durch eine Quellensteuer verminderte - Barabfindung aus dem Unternehmen drängen.

Über diesen sogenannten Squeeze-Out soll in einer außerordentlichen Hauptversammlung im kommenden Jahr entschieden werden, sagte ein Sprecher. Im Erfolgsfall bedeutet das vorerst auch das Ende der Börsengeschichte von Qiagen, denn EQT will die Notierungen der Aktie an der Frankfurter Börse und in New York beenden.

Qiagen ist mit seinem Testportfolio und Analysegeräten zwar ein wichtiger Player im Diagnostikmarkt, aber deutlich kleiner als breit aufgestellte Konzerne wie Thermo Fisher, Abbott oder Roche. Daher rankten sich bereits seit vielen Jahren Übernahmespekulationen um den Konzern.

Anfang des Jahrzehnts war der Laborausrüster Thermo Fisher mit einem Gebot über etwas mehr als elf Milliarden Euro am Widerstand einiger Investoren gescheitert. Doch auch danach rissen die Fusionsgerüchte nicht ab, Namen von Wettbewerbern wie Biomerieux und Agilent tauchten dabei auf. Zu einem Gebot kam es aber nicht.

Im Frühjahr hatte Qiagen dann bestätigt, mithilfe von Banken strategische Optionen auszuloten. In den vergangenen Monaten hatte der Konzern sowohl Gespräche mit strategischen Interessenten als auch mit Finanzinvestoren geführt, wie Qiagen nun bestätigte. Das Interesse sei rege gewesen, sagte der Sprecher.

Früheren Bloomberg-Informationen zufolge sollen unter anderem auch Investoren wie KKR und Advent interessiert gewesen sein. Die Suche nach Investoren sollte deshalb auch unter dem neuen Konzernchef Jonathan Pratt weitergeführt werden, der sein Amt erst Anfang September angetreten hatte. Dass Qiagen sich überhaupt nach einem Käufer umschaute, könnte womöglich auch mit der zuletzt verhalteneren Geschäftsentwicklung zusammenhängen.

Nach einer erfolgreichen Corona-Zeit, in der der Konzern kräftig an seinen Tests und Geräten verdiente, hatte Qiagen im ersten Halbjahr 2026 mit schwachem Wachstum zu kämpfen. Im dritten Quartal konnte das Unternehmen aber vorläufigen Berechnungen zufolge mit einem Umsatzanstieg auf 548 Millionen Dollar positiv überraschen./tav/zb/stk

Quelle: dpa-Afx