Ein Dollar-Regen macht das Land zur stärksten Macht im Fußball.

Grafik: Steigende Zahl an Fußballspielern in den USA
Sport and Fitness Industry Association

Gerade als das Interesse in den USA rasant zunahm, gerieten viele Fußballklubs durch die finanziellen Folgen der Pandemie massiv unter Druck und waren dringend auf frisches Geld angewiesen. Europäische Vereine über alle Ligen hinweg entgingen nach Schätzungen der Uefa insgesamt 4,3 Milliarden Euro an Einnahmen pro Spieltag. „Die Klubs litten wirklich. Ihre Bilanzen standen enorm unter Druck“, sagt Matt Bonass, Partner bei der Kanzlei Bird & Bird. „Das hat dem Kapital den Weg geebnet.“

Einige Investoren, die bereits in US-Sportarten engagiert sind, sehen im Fußball eine Möglichkeit, ihre Portfolios krisenfester zu machen. Amerikanische Sportarten verfügen im Vergleich zum Fußball über eine deutlich kleinere weltweite Fangemeinde. Die LA Lakers kommen auf 25 Millionen Follower auf Instagram, der FC Barcelona auf 145 Millionen. Doch auch Fußballteams gewinnen in den USA rasch an Anhängern.

Lionel Messis Wechsel zu Inter Miami und die von Apple produzierte Comedyserie „Ted Lasso“ haben geholfen, Fußball in den amerikanischen Mainstream zu tragen. Selbst Donald Trump hat den Sport für sich entdeckt — im vergangenen Sommer überreichte er persönlich den Pokal bei der Klub-WM der Fifa, und im Oval Office empfing er Infantino wiederholt. Jon Miller, Präsident für Akquisitionen und Partnerschaften beim US-Sender NBC Sports, sagt, in dieser Saison hätten 35 bis 40 Millionen Menschen in den USA die Premier League verfolgt; 18 Spiele hätten mehr als eine Million Zuschauer erreicht. Die Fanbasis ist jung: 56 Prozent der in den USA sich selbst als Fußballfans bezeichnenden Menschen sind zwischen 18 und 34 Jahre alt, so YouGov. 

„Mit der regulären Premier-League-Saison erzielen wir höhere Zahlen als die NHL mit ihrem regulären Eishockeybetrieb. Und ­Eishockey in der regulären Saison gibt es in diesem Land schon seit sehr langer Zeit“, sagt Miller.

Auch die Amerikaner spielen immer häufiger selbst Fußball. Die Zahl der Menschen, die indoor wie outdoor Fußball spielten, war laut der Sport and Fitness Industry Association bis 2018 über ein Jahrzehnt lang rückläufig. Seitdem ist die Gesamtteilnahme von 16,6 Millionen auf 23,4 Millionen im vergangenen Jahr gestiegen.

Nach der Pandemie standen die Bilanzen unter Druck. Das hat dem Kapital den Weg geebnet.

Matt Bonas

Fifa profitiert

Auch der Weltfußballverband Fifa dürfte zu den großen Gewinnern des US-Booms gehören. Für den laufenden 4-Jahres-Zyklus, der mit der Weltmeisterschaft in diesem Sommer endet, rechnet der Verband mit Einnahmen von 13 Milliarden Dollar — 72 Prozent mehr als im Zyklus rund um Katar. Doch nicht nur international, auch im US-Profifußball fließt inzwischen viel Geld. Die Bewertungen von Teams in der Major League Soccer, der höchsten Männerliga, und in der National Women’s Soccer League sind kräftig gestiegen. Die NWSL gab kürzlich bekannt, dass das neue Franchise in Columbus, Ohio, für 205 Millionen Dollar verkauft worden sei. Noch 2021 wechselten Teams teils schon für zwei Millionen Dollar den Besitzer.

Auch vermögende Einzelpersonen investieren. Arthur Blank, der Milliardär, Home-Depot-Gründer und Eigentümer von Atlanta United FC, spendete 50 Millionen Dollar für das neue US National Training Center. Michele Kang, Eigentümerin von drei Frauenteams, stellte dem US- Soccer-Verband 30 Millionen Dollar zur Verfügung, um den Frauenfußball im Nachwuchs- wie im Profibereich zu fördern. Das schnell wachsende US-Publikum hat zudem dazu beigetragen, dass internationale Medienrechte für manche Wettbewerbe stark im Wert gestiegen sind — und so in bestimmten Bereichen des europäischen Fußballs zusätzliche Milliarden an Erlösen erzeugt wurden. 2017, im Jahr vor der erfolgreichen WM-Bewerbung, zahlten US-Sender laut Ampere Sports zusammen 340 Millionen Dollar pro Jahr für die Rechte an Premier League, Champions League und Spaniens La Liga. In diesem Jahr werden sie für dieselben drei Wettbewerbe fast 900 Millionen Dollar auf den Tisch legen.

Große Unterschiede

Für manche europäische Klubs war das ein willkommener finanzieller Schub. Doch zugleich hat es die Kluft zwischen großen und kleinen Vereinen weiter vergrößert. Die englische Premier League erzielt inzwischen mehr als die Hälfte ihrer jährlichen TV-Einnahmen außerhalb Großbritanniens; der US-Markt ist ihr größter Auslandsmarkt. Internationale Rechte bringen den 20 führenden englischen Klubs mehr ein als den Ligen in Spanien, Deutschland, Frankreich und Italien zusammen. 

Die Schere zwischen englischen Vereinen und fast allen anderen europäischen Topklubs geht immer weiter auseinander. Europa-League-Sieger Aston Villa kam in der vergangenen Saison auf Einnahmen von 378 Millionen Pfund (431 Millionen Euro), sein Finalgegner SC Freiburg auf lediglich 163 Millionen Euro. „Wenn Geld sich auf bestimmte Bereiche konzentriert, kann das das gesamte europäische Finanzgefüge belasten — und das ist schlecht für die langfristige Gesundheit des Spiels“, sagt Christina Philippou von der Universität Portsmouth.

Grafik: 7 der 30 wertvollsten Vereine sind aus der MLS
Forbes

Fußball als Geldgrube

Der amerikanische, stark geschäftsorientierte Zugang und die Traditionen des europäischen Sports geraten zunehmend aneinander — das zeigt auch der Streit um den Ticketverkauf für die Weltmeisterschaft. Der Schatten der Super League, also des gescheiterten Versuchs, eine US-ähnliche geschlossene Liga im Fußball zu schaffen, liegt bis heute über dem Spiel.

Die spanische Liga musste im vergangenen Jahr einen Plan begraben, ein Punktspiel in den USA auszutragen, nachdem es im eigenen Land heftige Proteste gegeben hatte. Auch die deutsche Liga brach Gespräche mit Private-Equity-Firmen über eine geplante Investition ab, nachdem es ähnliche Gegenwehr gab.

Mehrere US-Eigentümer wurden Ziel von Fanprotesten — wegen höherer Ticketpreise, Mehrklub-Besitzstrukturen oder schlicht schwacher Leistungen auf dem Platz. Anhänger von Chelsea und RC Strasbourg, beide im Besitz derselben US-Investorengruppe, protestierten in diesem Jahr gemeinsam und warfen ihren Vereinen vor, ihnen werde „die Identität genommen“.

Die Hoffnung, eine neue Generation kluger Eigentümer — vor allem mit starkem Hintergrund im US-Sport — werde die Finanzen des europäischen Fußballs verbessern, hat sich bislang nicht erfüllt. Ein Bericht der Uefa zeigte in diesem Jahr, dass die Vereine der Region in der vergangenen Saison zusammen mehr als eine Milliarde Euro verloren haben, obwohl die Gesamterlöse mit 30 Milliarden Euro einen Rekord erreichten. Unter den fünf verlustreichsten Klubs waren vier ganz oder teilweise in US-Besitz. In der Premier League meldeten 14 der 20 Teams Vorsteuerverluste. Einige machen den Kostendruck durch Investoren aus dem Nahen Osten dafür verantwortlich. Doch in den vergangenen fünf Jahren gehörten die drei Vereine mit den größten Nettoausgaben — Chelsea, Manchester United und Arsenal — allesamt US-Eigentümern. 

Auch der Run auf kleinere Klubs zeichnet ein ähnliches Bild. In der Championship, wo im vergangenen Jahr fast die Hälfte der Teams US-Investoren hatte, stiegen die Gesamtverluste laut Deloitte um 25 Prozent auf 411 Millionen Pfund. „Jeder, der nach drei Bier in einem englischen Pub sitzt, glaubt, er könne einen Klub kaufen und ihn in die nächste Liga führen“, sagt Gregg Lemkau, der Klubs finanziert. 

Sowohl Uefa als auch Premier League haben inzwischen Maßnahmen ergriffen, um die Finanzregeln zu verschärfen und die Verlustdynamik zu bremsen — oft mit Unterstützung von US-Eigentümern. 

Die Glazers mit Sir Bobby Charlton 2005 in Old Trafford.
Matthew Peters/Getty Images
Die Eigentümer von Manchester United, die Glazers, mit Sir Bobby Charlton, (2. v. l.), 2005 in Old Trafford. Die Familie übernahm den Klub in einer umstrittenen Aktion – der ersten großen Akquisition eines europäischen Fußballvereins.

Einige Investoren aus dem Profisport warnen offen davor, dass europäischer Fußball wegen des hohen Risikos durch Auf- und Abstieg und wegen fehlender Kostenkontrollen an Attraktivität verliere. Einige Klubbesitzer haben US-ähnliche Gehaltsobergrenzen ins Spiel gebracht, stießen damit jedoch auf die Drohung von Spielerverbänden, rechtlich dagegen vorzugehen. Chelseas kostspielige Probleme aufgrund der Private-Equity-Besitzverhältnisse und Tottenhams knapper Tanz am Rand des Abstiegs in dieser Saison erinnern daran, wie hart umkämpft und unberechenbar Fußball sein kann. Mehrere US-geführte Vereine in Europa und Südamerika sind in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten geraten. Trotz aller Herausforderungen sehen Optimisten in der Weltmeisterschaft in diesem Monat den Auslöser für eine neue Begeisterungswelle, wenn Millionen Amerikaner das größte Schaufenster des Fußballs auf heimischem Boden verfolgen. „Die WM 1994 in den USA hat die Major League Soccer hervorgebracht und den enormen Aufschwung des Interesses am Profifußball ausgelöst“, sagt Michael Kuh, der Sportanwalt. „Ich erwarte, dass die WM 2026 auf ähnliche Weise ein Wendepunkt für Soccer in den USA sein wird — sowohl bei der Teilnahme als auch bei der Fankultur. Und das bedeutet letztlich: noch größeres Interesse von Investoren.“

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