Dass die so respektable US-Wirtschaftszeitschrift "Forbes" ein gerade mal 21-jähriges It-Girl, das außerdem noch dem für seine gnadenlose Selbstdarstellung bekannten Kardashian-Clan angehört, mit einer Titelseite ehrt, ist an sich außergewöhnlich. Aber außergewöhnlich ist schließlich auch die Erfolgsstory der Kylie Jenner: Kein anderer Jungstar in Amerikas hedonistischem Nouveau-Riche-Universum ist zurzeit so erfolgreich wie sie. 900 Millionen Dollar beträgt ihr Vermögen, sie hat Glitzer und Glamour zu einer Geldmaschine gemacht und dürfte wohl bald zur jüngsten Selfmade-Milliardärin aller Zeiten werden. Sie würde dann sogar Facebook-Gründer Mark Zuckerberg überholen, der mit 23 Jahren die Milliardengrenze knackte. Das US-Nachrichtenmagazin "Time" nahm Kylie 2018 sogar in die Liste der einflussreichsten Menschen im Internet auf.

Angeblich sind es ihre persönlichen Probleme, die sie zu ihrer lukrativen Geschäftsidee ummünzte. Kylie, die bei ihren Millionen von Fans in den sozialen Netzwerken für ihre geschwungenen Lippen so bekannt ist wie ihre Halbschwester Kim für ihren ausladenden Hintern, litt als Teenager unter mangelndem Selbstbewusstsein. Seit Kindheitstagen habe sie Make-up getragen, um "mich selbstbewusster zu fühlen", so die 21-Jährige, die in den USA noch nicht einmal als volljährig gilt. Allerdings habe sie nie den Lipliner gefunden, dessen Farbe perfekt zum Lippenstift passte. Deshalb sei sie auf die Idee gekommen, ein Kit auf den Markt zu bringen, das aus beidem besteht und 29 Dollar kostet. Mit ihren Ersparnissen von rund 250 000 Dollar ließ sie 2015 die ersten 15 000 Lip Kits anfertigen. In weniger als einer Minute waren sie ausverkauft.

Das war die Geburtsstunde von Kylie Cosmetics, einem Unternehmen, das zu 100 Prozent der Unternehmerin gehört. Vielleicht half es, dass Kylie sich kurz zuvor in den sozialen Netzwerken mit auffallenden Schlauchboot-Lippen präsentiert hatte und zugab, sie aufgespritzt zu haben. Heute schätzt "Forbes" den Wert des Unternehmens auf rund 800 Millionen Dollar. Dazu kommen noch Einkünfte aus Werbe- und TV-Verträgen von rund 100 Millionen Dollar. Sie wirbt zum Beispiel als Markenbotschafterin für den Sportartikelhersteller Puma, der sein etwas angestaubtes Image verjüngen will.

Kylies Lippenstifte tragen Namen wie "Liebesbiss", "Brauner Zucker", "Schmutziger Pfirsich" oder "Französischer Kuss", das Sortiment wurde bald durch weitere Kosmetika erweitert. Ihre Sonderverkaufsaktionen - "Flash Sales" mit einer limitierten Ausgabe eines Produkts - erzielen regelmäßig riesige Gewinne. Etwa im November 2016, als sich ihre Urlaubskollektion innerhalb von 24 Stunden für 19 Millionen Dollar verkaufte. Seit der Gründung im Februar 2016 hat Kylie Cosmetics Make-up-Produkte für über 630 Millionen Dollar umgesetzt.

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900 Millionen mit fünf Angestellten





Worin liegt das Geheimnis ihres Erfolgs? Sie verdanke ihn größtenteils ihrer Mutter Kris Jenner, sagte Kylie in einem Interview. "Forbes" dagegen erklärt die Erfolgsstrategie so: viele Social-Media-Follower - und Kosten senken, indem Design, Produktion und Logistik komplett ausgelagert werden. Kylie Cosmetics hat lediglich fünf Festangestellte, darunter Kylies Mutter, die sich um Finanzen und PR kümmert und zehn Prozent aller Einkünfte als Managementgebühr kassiert.

Kylies Präsenz in den sozialen Netzwerken ist enorm: Auf Snapchat, Instagram und Twitter hat sie viele Millionen Follower. "Social Media ist eine wunderbare Plattform", schwärmt Kylie, die über ihre Kanäle Werbung macht. "Fans kaufen die Produkte natürlich, weil sie glauben, dadurch ihrem Star näher zu sein", erklärt der Kölner Unternehmensberater Yusuf Kilinc. "Sie wollen so sein wie sie."

Bei Kylies Beiträgen dreht es sich um "durchaus ermüdende Themen wie Kosmetik und gutes Aussehen", mokierte sich die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Der Wechsel der Haartönung wird als Drama inszeniert. Auch die geschickt verbreitete Tatsache, dass sie ihre Lippen nicht mochte, weckte schwere Emotionen in den sozialen Netzwerken.

Welchen Einfluss die Beauty-Queen hat, wurde Ende Februar 2018 so richtig deutlich: Als sie in einem Tweet erklärte, Snapchat nicht mehr zu nutzen, brach die Aktie der App-Betreiberfirma Snap um 8,5 Prozent ein. Short-Seller, Investoren, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, machten einen Gewinn von 163 Millionen Dollar. "Ich wusste nicht, dass ich so viel Macht habe", ließ Kylie wissen.

Die Titelgeschichte in "Forbes" hat auch Spott im Internet provoziert. Der amerikanische Komiker Josh Ostrowsky startete auf der Crowdfunding-Plattform "Gofundme" eine Kampagne mit dem Ziel, für Kylie die bis zur Milliarde fehlenden 100 Millionen Dollar aufzutreiben. "Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Kylie Jenner keine Milliarde Dollar hat", schrieb Ostrowsky auf Instagram.

Kylie Kristen Jenner kam 1997 im kalifornischen Calabasas zur Welt. Sie ist die Tochter von Kris Jenner, einer ehemaligen Stewardess, die mit 22 Jahren den Anwalt Robert Kardashian geheiratet hatte. Kardashian sollte später als Strafverteidiger weltweite Bekanntheit erreichen - er übernahm 1995 die Verteidigung des ehemaligen Footballstars und Schauspielers O. J. Simpson in dessen Mordprozess. Aus dieser Ehe stammen vier Kinder, darunter Kim Kardashian, einer der berühmtesten Stars des Internet-Zeitalters.

1990 trennten sich die Eltern, und Kris heiratete ein Jahr später den Olympiasieger und Zehnkämpfer Bruce Jenner. Sie hat mit ihm zwei Töchter, Kendall und Kylie. Das Paar ist inzwischen geschieden, und Bruce Jenner unterzog sich später einer Geschlechtsumwandlung.

Kylie ging erst auf eine Privatschule, wurde dann zu Hause unterrichtet, um sich besser um ihre Karriere als Model kümmern zu können. Bereits als 13-Jährige wurde sie für Fotoshootings gebucht. Es folgten Auftritte bei der New York Fashion Week, sie wurde von der Zeitschrift "Seventeen" zum "Style Star des Jahres 2011" gewählt, sie arbeitete für "Teen Vogue" und brachte 2013 zusammen mit ihrer Schwester Kendall die Modelinie PacSun auf den Markt. Kylie ist mit dem Hip-Hop-Star Travis Scott liiert, mit dem sie eine Tochter hat. Weltweit bekannt wurde Kylie schließlich durch die sehr offenherzige Realityshow "Keeping up with the Kardashians", die seit 2007 für das US-Fernsehen produziert wird und in deren Mittelpunkt die Töchter von Mutter Jenner stehen.