Beim Kapitalmarkttag sorgt Novo Nordisk mit überraschenden Langfristzielen für neue Zweifel. Doch zwischen Patentrisiken und Preisdruck steckt auch eine unerwartete Chance.
Das Leid der Novo Nordisk-Aktionäre scheint weiterhin kein Ende zu nehmen: Nachdem die Aktie in den vergangenen zwölf Monaten bereits um rund 26 Prozent fiel, brach sie am Montag um weitere fünf Prozent ein. Ursache waren die verhaltenen Aussagen von CEO Mike Doustdar beim Capital Markets Day in London.
Wachstumsziele von Novo Nordisk enttäuschen
Bis 2030 visiert das Management nun eine jährliche Wachstumsrate des Umsatzes „im Durchschnitt der Konkurrenz“ an. Dabei werden folgende Unternehmen als Vergleichsgruppe genannt: Eli Lilly, AstraZeneca, Gilead, Johnson & Johnson, AbbVie, Novartis, Sanofi, Roche, GSK, Amgen, Merck & Co, Biogen, Pfizer und Bristol Myers Squibb.
Die von Analysten prognostizierte Wachstumsrate dieser Unternehmen beträgt im Median rund 4,3 Prozent. Damit bleibt die zu erwartende jährliche Wachstumsrate deutlich hinter der von Hauptkonkurrent Eli Lilly zurück, der auf mehr als zehn Prozent kommt. 2024 konnte Novo Nordisk seinen Umsatz noch um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigern.
Die operative Marge soll auch im Jahr 2030 nur in etwa so hoch sein wie 2026. Somit dürfte sich der operative Gewinn ähnlich schwach entwickeln wie der Umsatz. Der anhaltende Preisdruck dürfte die operativen Skaleneffekte also weitgehend wieder zunichtemachen.
Das Unternehmen erwähnte jedoch explizit, dass es sich bei diesen Zahlen um „Ambitionen“ handelt und nicht um eine offizielle finanzielle Prognose.
Steigende Patentrisiken
Neben den schwachen Wachstumsaussichten dürften auch die warnenden Aussagen des CEO zum Wirkstoff Semaglutid ein Grund für den heutigen Abverkauf sein. Semaglutid ist der von Novo Nordisk patentierte Wirkstoff, auf dem die Diabetes- und Abnehmmedikamente des Konzerns basieren. Das exklusive Patent auf Semaglutid läuft jedoch nur noch bis 2032.
Mike Doustdar zufolge wird dann „jede einzelne Pharma-Firma, egal ob groß oder klein“, versuchen, mit Novo Nordisk zu konkurrieren. Das dürfte die Preissetzungsmacht der Dänen weiter unter Druck setzen.
Besonders brisant: Mehr als 75 Prozent des aktuellen Umsatzes basieren auf Medikamenten mit dem Wirkstoff Semaglutid. Für die langfristige Zukunft von Novo Nordisk dürfte es daher entscheidend sein, ob es dem Unternehmen gelingt, neue wirksame Medikamente außerhalb von Semaglutid zu entwickeln und auf den Markt zu bringen.
Hoffnung liegt auf neuen Produkten
Zur Entwicklung neuer Medikamente zeigte sich Doustdar immerhin deutlich optimistischer. Bis 2030 will Novo Nordisk mindestens fünf „Multi-Blockbuster“-Medikamente auf den Markt bringen. Im Pharmageschäft bezeichnet man ein Medikament mit mehr als einer Milliarde US-Dollar Jahresumsatz als Blockbuster.
Darüber hinaus sollen bis 2030 mindestens fünf Phase-3-Programme im Bereich Diabetes und Abnehmen sowie mindestens fünf weitere in anderen Krankheitsbereichen laufen. In Phase 3 werden Medikamente bereits in großen Studien mit vielen Patienten getestet und befinden sich damit vergleichsweise kurz vor einer möglichen Zulassung. Zu den weiteren Forschungsfeldern zählen Herz-Kreislauf-, Leber- und Blutkrankheiten.
Einer der größten Hoffnungsträger ist außerdem die Abnehmpille, die Ende 2025 erstmals zugelassen wurde und seit kurzem auch in Deutschland erhältlich ist. Novo Nordisk möchte bis 2030 die Produktionskapazität in diesem noch jungen Geschäftsbereich verzehnfachen. Damit soll die Kapazität auf rund 15 Millionen Patienten steigen. Auch wenn eine Verzehnfachung der Menge aufgrund sinkender Preise nicht automatisch eine Verzehnfachung des Umsatzes bedeuten muss, zeigt das Ziel doch, dass es für Novo Nordisk weiterhin attraktive Wachstumsmärkte gibt.
Fazit: Günstige Bewertung federt die Risiken teilweise ab
Die nicht unerheblichen Patentrisiken sowie das nachlassende Wachstum scheinen bei einem Forward-KGV von rund 14 zumindest teilweise im Kurs eingepreist zu sein. Für eine deutliche Kurserholung dürfte es jedoch entscheidend sein, dass Novo Nordisk in den kommenden Jahren attraktive neue Produkte auf den Markt bringt und seine Wachstumsziele zumindest erreicht. Kurzfristig fehlen der technisch angeschlagenen Aktie allerdings die Aufwärtsimpulse. Novo Nordisk dürfte daher auf absehbare Zeit eine Turnaround-Wette bleiben.
Häufig gestellte Fragen:
Wann läuft das Semaglutid-Patent von Novo Nordisk aus?
Das wichtige Semaglutid-Patent läuft in den USA 2032 aus. Da ein großer Teil des Umsatzes von Novo Nordisk auf Semaglutid-Produkten basiert, ist die Entwicklung neuer Medikamente für das langfristige Wachstum besonders wichtig.
Wie stark will Novo Nordisk bis 2030 wachsen?
Novo Nordisk strebt bis 2030 ein Umsatzwachstum im Durchschnitt seiner großen Pharma-Konkurrenten an. Auf Basis aktueller Analystenschätzungen entspricht das einer jährlichen Wachstumsrate von rund vier bis fünf Prozent.
Welche neuen Medikamente entwickelt Novo Nordisk?
Novo Nordisk will bis 2030 mindestens fünf neue „Multi-Blockbuster“ auf den Markt bringen. Zu den wichtigsten Hoffnungsträgern zählen unter anderem CagriSema, Cagrilintide und Zenagamtide sowie neue Abnehmpillen.
Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Novo Nordisk.