Eine Jahrhundertstudie des US-Finanzprofessors Hendrik Bessembinder hat knapp 30.000 Aktien über 100 Jahre analysiert – und liefert ein vernichtendes Urteil über das Stock-Picking. Was Anleger daraus lernen sollten.
Wer an der Börse investiert, steht früher oder später vor einer grundsätzlichen Entscheidung: Selbst ein Portfolio aus Einzelaktien zusammenstellen – oder einfach einen breiten Marktindex über einen ETF kaufen und liegen lassen? Auf der einen Seite lockt die Fantasie des aktiven Investors, der mit Analyse und Gespür den Markt schlägt. Wer frühzeitig auf Nvidia, Amazon oder Apple gesetzt hat, ist heute reich.
Auf der anderen Seite steht das passive Investieren: kein Aufwand, maximale Streuung, minimale Kosten. Welche Strategie langfristig überlegen ist, zeigt eine der umfangreichsten Studien zur Aktienmarktgeschichte – und das Ergebnis fällt eindeutiger aus, als viele Anleger erwarten würden.
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ETFs vs. Einzelaktien: 100 Jahre Börsengeschichte liefert eindeutige Antwort
Hendrik Bessembinder ist Professor für Finanzwissenschaften an der W.P. Carey School of Business der Arizona State University. Bereits 2018 sorgte er für Aufsehen, als er zeigte, dass die meisten US-Aktien langfristig schlechter abschneiden als risikolose Staatsanleihen. Nun hat er seine Analyse um fast ein Jahrzehnt erweitert – auf ein volles Jahrhundert amerikanischer Börsengeschichte.
Für seine aktuelle Studie „One Hundred Years in the U.S. Stock Markets" analysierte Bessembinder die Entwicklung von 29.754 US-Stammaktien zwischen 1926 und Ende 2025. Die Ergebnisse sind ernüchternd: 59,1 Prozent aller untersuchten Aktien vernichteten langfristig Vermögen im Vergleich zu einer Anlage in kurzfristige US-Staatsanleihen. Die Medianrendite einer einzelnen Aktie über ihre gesamte Börsenlebensdauer lag bei minus 6,9 Prozent. Nur 48 Prozent der Titel schlossen überhaupt im Plus.
Insgesamt entstand an den US-Aktienmärkten zwar ein gewaltiger Vermögenszuwachs von rund 91 Billionen US-Dollar – doch dieser Reichtum wurde von einer verschwindend kleinen Minderheit erwirtschaftet. Lediglich 46 Unternehmen waren für die Hälfte des gesamten Zuwachses verantwortlich, bei fast 30.000 analysierten Titeln.
Gleichzeitig hat der Gesamtmarkt beeindruckend abgeschnitten: Aus einem Dollar, der 1926 investiert wurde, wurden bis 2025 mehr als 15.000 Dollar – über zehn Prozent Jahresrendite im Schnitt.Das heißt: Wer den gesamten Markt hielt, profitierte automatisch von den wenigen Überfliegern. Wer einzelne Titel auswählte, hatte statistisch gesehen die weit höhere Wahrscheinlichkeit, falsch zu liegen.
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Statistik mit eindeutiger Antwort: Was Anleger aus der Studie lernen können
Der langfristige Erfolg am Aktienmarkt verteilt sich also extrem ungleich. Stock-Picking ist statistisch gesehen ein Verlustspiel – die Chance, genau die Aktien zu treffen, die überdurchschnittliche Gewinne erzielen, ist selbst für professionelle Fondsmanager gering.
Wer stattdessen in den gesamten Markt investiert, stellt automatisch sicher, dass die wenigen Ausreißer nach oben im Portfolio enthalten sind – und damit auch die zukünftigen Gewinner, die heute noch niemand kennt.
Kurzfristig können auch ETFs schwanken, doch über Zeiträume von mehr als 15 Jahren hat ein breit gestreuter Aktien-ETF historisch noch nie Verluste verzeichnet. Hinzu kommt der Kostenvorteil: Aktiv gemanagte Fonds schaffen es nach Gebühren nur in seltenen Ausnahmefällen, einen breiten Index dauerhaft zu übertreffen. Die Ersparnis summiert sich über Jahrzehnte zu einem erheblichen Renditevorteil.
Die ETFs mit der breitesten Streuung
Wer auf maximale Diversifikation setzt, hat mehrere etablierte Optionen. Der MSCI World ETF ist die meistgenutzte Basisanlage – er enthält rund 1.300 Unternehmen aus 23 Industrieländern und erzielte historisch etwa 7 bis 8 Prozent pro Jahr. Wer 1976 bis 2025 investiert war, kam sogar auf rund 9,7 Prozent p.a. Kein einziger 15-Jahres-Zeitraum endete mit Verlust. Die laufenden Kosten liegen bei typischerweise 0,12 bis 0,20 Prozent pro Jahr.
Noch breiter aufgestellt ist der FTSE All-World ETF: Er umfasst rund 3.500 bis 4.000 Unternehmen aus über 40 Ländern – darunter auch Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien. Die historische Rendite ist ähnlich wie beim MSCI World, die Schwankungsbreite durch die Emerging Markets leicht erhöht. Der MSCI ACWI ETF verfolgt eine vergleichbare Strategie mit rund 2.900 Titeln aus 47 Ländern.
Eine eigene Kategorie bildet der S&P 500 ETF: Er enthält nur 500 US-Unternehmen, erzielte historisch jedoch mit 9 bis 11 Prozent p.a. die höchsten Renditen unter den großen Indizes. Der Preis dafür ist ein erhebliches Konzentrationsrisiko – 100 Prozent USA, keine geografische Streuung.
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Häufige Fragen
Sind ETFs wirklich sicherer als Einzelaktien?
ETFs sind nicht risikofrei – auch sie unterliegen Marktschwankungen. Doch durch die breite Streuung werden Unternehmenspleiten einzelner Titel stark abgefedert. Wer den gesamten Markt kauft, muss nicht hoffen, die richtigen Aktien zu treffen. Über Zeiträume von mehr als 15 Jahren hat ein breit gestreuter Aktien-ETF historisch noch nie Verluste verzeichnet.
Kann ich mit Einzelaktien nicht mehr Rendite erzielen als mit ETFs?
Theoretisch schon – aber die Wahrscheinlichkeit spricht eher dagegen. Bessembinders Studie zeigt, dass nur ein Bruchteil aller Aktien den Markt langfristig schlägt. Professionelle Fondsmanager schaffen es nach Kosten nur in Ausnahmefällen, einen breiten Index dauerhaft zu übertreffen. Die Chance, als Privatanleger die nächste Nvidia zu erwischen, ist gering.
Welcher ETF eignet sich am besten für Einsteiger?
Für den langfristigen Vermögensaufbau empfehlen viele Finanzexperten einen ETF auf den MSCI World oder den FTSE All-World als Basisinvestment. Beide bieten breite globale Streuung zu niedrigen Kosten (wobei der MSCI World USA- und techlastig ist) – und damit die beste Ausgangsbasis, um von den wenigen Ausreißern zu profitieren, die den Markt langfristig antreiben.