Nach dem kleien Ausverkauf bei KI-Aktien zum Wochenende drehen die US-Börsen am Dienstag kräftig auf. Gute Unternehmenszahlen, nachgebende Ölpreise und sinkende Anleiherenditen liefern Rückenwind – auch für die anstehenden Quartalszahlen der Tech-Konzerne?
Partystimmung in New York: Nachdem er am Dienstag vorbörslich noch im Minus stand, legte der Dow Jones im Handelsverlauf zeitweise um rund 700 Punkte zu. S&P 500 und Nasdaq starteten sogar schwächer, bevor auch in ihren Indizes eine breite Kaufwelle einsetzte. Dadurch wurden vor allem konjunktursensible Industrie- und Rüstungswerte nach oben gezogen.
Offenbar schüttelt der Markt damit zumindest vorübergehend die Sorgen um die Finanzierung des KI-Booms ab, die am Freitag zu einem scharfen Rücksetzer bei Neocloud-Anbietern geführt hatten und auch am Montag noch nachwirkten.
Nun scheint es, als entwickelten die Anleger Risikoappetit – allerdings eher jenseits der großen Tech-Werte.
3M-Zahlen sorgen für Kauflaune
Nach überzeugenden Quartalszahlen sprang die Aktie von 3M um mehr als fünf Prozent in die Höhe. Der Industriekonzern meldete einen bereinigten Gewinn von 2,50 US-Dollar je Aktie und übertraf damit die Markterwartung von 2,38 US-Dollar. Außerdem hob 3M den Ausblick für das Gesamtjahr an. Northrop Grumman gewann zeitweise sechs Prozent, nachdem der Rüstungskonzern ein Gewinnwachstum über den Analystenschätzungen gemeldet hatte.
Öl und Zinsen entlasten
Dafür, dass es am Dienstag sogar auf breiter Front Rückenwind für den Aktienmarkt gibt, sorgen sinkende Ölpreise und fallende Renditen am Anleihenmarkt. Der Preis für ein Fass der Nordseesorte Brent sank zeitweise um 2,5 Prozent auf unter 107 Dollar, ein Barrel der US-Sorte WTI fiel in Richtung 103 US-Dollar. Das nimmt etwas Inflationsdruck aus dem Markt, was die Notenbank von weiteren Zinserhöhungen abhalten könnte.
Gleichzeitig sank die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen auf rund 5,09 Prozent. Auslöser dafür waren extrem schwache Daten vom US-Immobilienmarkt: Die Baubeginne fielen im September auf annualisierter Basis um 4,56 Prozent auf nur noch 859.000. Auch die sogenannten „schwebenden“ Hausverkäufe gingen gegenüber August um 7,3 Prozent zurück. Das Sentiment bei den Häuslebauern fiel auf ein 14-Jahres-Tief.
Das sind keine guten Nachrichten für die Realwirtschaft oder für die Chancen der Republikaner unter Donald Trump bei den anstehenden Kongresswahlen. Aus Sicht der Börse dämpfen sie aber den Zinsdruck – und das hilft den Aktienbewertungen.
Tech stabilisiert sich teilweise
Auch im KI-Segment setzt eine Gegenbewegung ein. Micron, Intel und SanDisk rückten um jeweils rund ein Prozent vor, Seagate um zwei Prozent, AMD um mehr als ein Prozent. CoreWeave legte mehr als zwei Prozent zu.
Eine umfassende Entwarnung wäre jedoch voreilig. Fünfjährige Kreditausfallversicherungen (CDS) auf CoreWeave-Anleihen notieren laut CNBC bei einem Spread von über 1.121 Basispunkten – dieses Niveau gilt im Markt allgemein als Stresssignal. Der Kreditmarkt bleibt bei den hoch verschuldeten Erbauern von KI-Infrastrukturprojekten also klar skeptischer als der Aktienmarkt.
Das nächste Highlight im Tech-Sektor steht schon heute Abend bevor: Nach US-Börsenschluss wird der KI- und Weltraumkonzern SpaceX Zahlen melden. Diese erfahren Sie um kurz nach 22 Uhr live hier auf boerse-online.de.
Fazit für Anleger
Die Erholung am „Turnaround Tuesday“ kam zum rechten Zeitpunkt. Die robusten Unternehmenszahlen senden positive Signale, die wieder sinkenden Ölpreise und die niedrigeren Langfristzinsen sorgen zusätzlich für Entspannung. Interessant ist, dass derzeit gerade Qualitätswerte aus Industrie und Rüstung profitieren.
Doch mit den Zahlen von SpaceX am Dienstagabend beginnt der Aufgalopp der Tech-Konzerne. Am Mittwoch gibt es dann eine wahre „Tech Night“ mit Meta, Tesla, IBM und SAP. Die BÖRSE ONLINE-Experten Klaus Schachinger und Markus Voss begleiten die Zahlen in einem Livestream auf YouTube. Kommende Woche folgen dann mit Alphabet und Microsoft (28.10.), Amazon und Intel (29.10.) weitere Schwergewichte aus den Magnificent Seven.
Wenn diese Zahlen überwiegend gut ausfallen, steht einer Jahresendrallye wohl kaum noch etwas im Wege. Doch dazu müssen der Ölpreis und die Renditen noch etwas zurückkommen. Außerdem stellen die Midterms nicht nur für Donald Trump eine Gefahr dar: Die Demokraten kündigten an, den KI-Ausbau an einigen Stellen einzuschränken, weil die Bevölkerung bereits höhere Strompreise fürchtet. Deshalb sollte die mögliche Mehrheit für die Blauen im Kongress besser nicht zu üppig ausfallen.
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Enthält Material von dpa-AFX