Während amerikanische Unternehmen mit kräftigem Gewinnwachstum überzeugen, verkaufen Hedgefonds Technologieaktien so aggressiv wie seit zehn Jahren nicht mehr - und Frankreich steht vor einer richtungsweisenden Ratingentscheidung. Ausgerechnet diese Nervosität könnte den Grundstein für die nächste Börsenrally legen.
Eigentlich müsste an der Wall Street Feierstimmung herrschen. Die US-Berichtssaison startet besser als erwartet. Die Analysten der Erste Group verweisen in ihrer aktuellen Analyse auf eine überraschend robuste Gewinnentwicklung. Nach LSEG-Schätzungen wird für mehr als 2.000 amerikanische Unternehmen ein durchschnittliches Gewinnwachstum von rund 30 Prozent erwartet. Im Technologiesektor sollen die Gewinne sogar um nahezu 58 Prozent zulegen. Von einer fundamentalen Gewinnkrise kann bei solchen Prognosen kaum die Rede sein.
Auch die Kapitalströme sprechen nicht für eine allgemeine Flucht aus Aktien. Amerikanischen Aktienfonds flossen zuletzt rund 13 Milliarden Dollar zu. Gleichzeitig verloren Technologiefonds allerdings etwa 5,2 Milliarden Dollar. Die Anleger verabschieden sich also nicht vom Aktienmarkt, sondern offenbar zunehmend von überfüllten Technologiepositionen. Eine klassische Sektorrotation?
Frankreich und Moody’s: Die nächste Gefahr für DAX und Euro
Während amerikanische Unternehmen kräftig verdienen, entwickelt sich an den europäischen Finanzmärkten zunehmend Frankreich zum Sorgenkind. Die Staatsverschuldung liegt bei rund 119 Prozent der Wirtschaftsleistung, das Haushaltsdefizit dürfte 2026 etwa 5,4 Prozent erreichen. Steigende Finanzierungskosten verschärfen die Situation zusätzlich.
Besonders brisant wird es am Freitag, dem 23. Oktober. Dann steht die nächste Überprüfung der französischen Kreditwürdigkeit durch Moody’s an. Die Ratingagentur bewertet Frankreich bislang mit Aa3 und negativem Ausblick. Eine Herabstufung könnte die Risikoaufschläge französischer Staatsanleihen weiter erhöhen und damit auch den Euro sowie europäische Banken belasten.
Hinzu kommt die schwierige Lage der Europäischen Zentralbank. Steigende Energiepreise erhöhen den Inflationsdruck, während die schwache Konjunktur und die hohe Staatsverschuldung eigentlich für niedrigere Finanzierungskosten sprechen. Die EZB steckt in einer geldpolitischen Zwickmühle.
DAX und Nasdaq unter Druck: Die Profis sichern sich ab
Die Nervosität ist längst an den Terminmärkten angekommen. Der Dezember-Future auf den DAX verlorem Donnerstagmorgen zeitweise 193 Punkte auf 25.576 Zähler. Die Nasdaq-100-Futures gaben rund 450 Punkte beziehungsweise 1,5 Prozent nach.
Bemerkenswert ist dabei das Verhalten institutioneller Anleger. Sie kaufen weiterhin gezielt einzelne Aktien, sichern ihre Portfolios gleichzeitig aber verstärkt über Futures gegen Kursverluste ab. Die großen Adressen steigen also nicht zwangsläufig aus dem Aktienmarkt aus – sie reduzieren zunächst ihr Risiko.
Für zusätzliche Unsicherheit sorgen steigende Ölpreise. Brent notierte zeitweise über 111 Dollar je Barrel. Damit wächst die Gefahr eines erneuten Inflationsschubs, der den Spielraum der Notenbanken für Zinssenkungen begrenzen könnte.
Goldman Sachs: Hedgefonds verkaufen Technologieaktien so aggressiv wie seit zehn Jahren nicht mehr
Besonders aufschlussreich sind die jüngsten Daten von Goldman Sachs. Demnach reduzierten Hedgefonds ihre Technologiepositionen in der Handelswoche bis zum 15. Oktober so stark wie in keiner vergleichbaren Woche seit Beginn der Datenreihe im Jahr 2016. Besonders betroffen waren Halbleiteraktien.
Der Nettohebel der beobachteten Hedgefonds sank auf 48,6 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit einem Jahr. Doch trotz der massiven Verkäufe entfielen weiterhin 23,5 Prozent ihrer Nettoengagements auf Technologieaktien – ein ungewöhnlich hoher Wert im historischen Vergleich.
Die Hedgefonds haben also bereits kräftig verkauft und sitzen trotzdem noch immer auf erheblichen Technologiepositionen. Das erhöht kurzfristig das Risiko weiterer Verkäufe. Gleichzeitig nimmt mit jeder Positionsbereinigung der potenzielle Verkaufsüberhang ab.
Aber wohin wandert das Geld? Nach den Branchenrotationen setzt das Smart Money auf die Old Economy und Dividendentitel.
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Ken Griffin warnt vor KI-Blase: Wiederholt sich die Dotcom-Geschichte?
In dieses ohnehin angespannte Umfeld platzt die Warnung von Citadel-Gründer Ken Griffin. Der Hedgefonds-Milliardär hält es für nahezu sicher, dass sich der KI-Sektor derzeit in einer Blase befindet.
Dabei stellt Griffin nicht das Potenzial künstlicher Intelligenz infrage. Entscheidend ist vielmehr, ob die gewaltigen Investitionen in Rechenzentren, Grafikprozessoren und Energieinfrastruktur künftig ausreichende Gewinne erwirtschaften.
Die Parallele zur Dotcom-Blase drängt sich auf: Auch das Internet revolutionierte die Wirtschaft, dennoch verloren zahlreiche Technologieaktien nach dem Platzen der Spekulationsblase dramatisch an Wert.
Eine technologische Revolution garantiert eben noch lange keine attraktiven Aktienrenditen – insbesondere dann nicht, wenn die Börse bereits nahezu perfekte Zukunftsszenarien eingepreist hat.
Börsencrash oder Kaufchance? Die Unternehmensgewinne könnten den Unterschied machen
Genau hier liegt die entscheidende Diskrepanz. Während Hedgefonds ihre Risiken reduzieren und Crashwarnungen die Schlagzeilen dominieren, wachsen die Gewinne vieler amerikanischer Unternehmen kräftig.
Natürlich können selbst hervorragende Quartalszahlen enttäuschen, wenn die Bewertungen bereits zu hoch sind. Doch ein Markt mit steigenden Unternehmensgewinnen und zunehmend bereinigten Positionierungen bietet auch Chancen.
Sollte Moody’s Frankreich weniger kritisch beurteilen als befürchtet, könnten die europäischen Anleihemärkte aufatmen. Lassen gleichzeitig die Ölpreise und der Verkaufsdruck im Technologiesektor nach, wäre eine kräftige Gegenbewegung durchaus denkbar.
Meine Einschätzung: Die Risiken sind zweifellos gestiegen. Doch die fundamentale Verfassung vieler US-Unternehmen ist deutlich besser, als es die düsteren Schlagzeilen vermuten lassen. Deshalb spricht einiges dafür, dass wir derzeit eher eine Bereinigung überfüllter KI-Positionen als den Beginn eines flächendeckenden Börsencrashs erleben.
Die Bären haben momentan die lauteren Schlagzeilen. Die Bullen dagegen haben noch immer die Unternehmensgewinne auf ihrer Seite. Und genau das könnte am Ende den Unterschied machen.