Zehn Euro im Monat sollen Kinder früh an den Kapitalmarkt heranführen. Doch Ökonomen sehen den Erfolg des Projekts gefährdet.
Auch die Jüngsten sollen von den Reformen der Altersvorsorge profitieren. Bei der Frühstartrente sollen Kinder vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro für den langfristigen Vermögensaufbau erhalten. Über zwölf Jahre kommen 1.440 Euro zusammen. Schließen Eltern kein individuelles Depot ab, soll eine kollektive Standardlösung greifen.
Diese Auffanglösung haben Ökonominnen in einem neuen White Paper des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE untersucht. Ihr Urteil: Die Frühstartrente kann die jüngste Generation an den Kapitalmarkt heranführen – aber nur, wenn die Ausgestaltung stimmt. Genau das sehen die Forscherinnen aber teilweise auf der Kippe stehen.
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Frühstartrente: 20.000 Euro Unterschied durch Gebühren
Wie wichtig die Ausgestaltung der Auffanglösung ist, zeigt eine Beispielrechnung der Forscherinnen. Werden die monatlichen zehn Euro zwölf Jahre lang eingezahlt und anschließend bis zum 67. Lebensjahr investiert, könnten aus den 1.440 Euro bei einer angenommenen jährlichen Rendite von sieben Prozent rund 58.200 Euro werden, wenn die laufenden Gebühren bei 0,1 Prozent liegen. Bei Gebühren von einem Prozent blieben unter denselben Annahmen dagegen nur etwa 36.300 Euro übrig.
Die Rechnung zeigt, wie stark Gebühren den langfristigen Vermögensaufbau beeinflussen. SAFE fordert deshalb eine einfache, transparente und konsequent kostengünstige Standardlösung.
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Forscherinnen empfehlen breit gestreute Aktien
Die Ökonominnen empfehlen zudem, die kollektive Frühstartrente in der Ansparphase vollständig in ein breit diversifiziertes Aktienportfolio zu investieren. Eine Beimischung von Anleihen sei bei einem Anlagehorizont von mehreren Jahrzehnten nicht erforderlich. Kurzfristige Kursschwankungen könnten sich über diesen Zeitraum ausgleichen; entscheidend sei die langfristig höhere Renditechance von Aktien.
Erst in der Nähe des Renteneintritts sollte das Risiko schrittweise reduziert und in risikoärmere Anlagen umgeschichtet werden. Beim Kinderdepot gehe es zunächst darum, möglichst früh und kostengünstig Vermögen aufzubauen – nicht darum, kurzfristige Wertschwankungen zu vermeiden.
Die Umsetzung soll passiv, indexbasiert und regelgebunden erfolgen. Aktiv verwaltete Fonds erzielten nach Kosten im Durchschnitt keine verlässlich höheren Renditen als passive Alternativen. Als Standard nennt SAFE eine Gewichtung nach Marktkapitalisierung. Eine BIP-Gewichtung könnte zwar die Konzentration auf die USA und wenige große Technologiekonzerne reduzieren, sei aber komplexer und mit mehr Umschichtungen verbunden.
Kritik am Regierungsentwurf: Aktienquote gehört ins Gesetz
Im früheren Referentenentwurf war noch vorgesehen, die Mittel ausschließlich in global diversifizierte Aktien oder Aktienfonds zu investieren. Im Regierungsentwurf ist diese Festlegung entfallen. Ob die kollektive Anlage vollständig, teilweise oder gar nicht in Aktien erfolgt, soll nun eine spätere Anlagerichtlinie bestimmen.
Bei den Wissenschaftlerinnen stößt das auf Kritik. Die Aktienquote entscheide maßgeblich über Renditechancen und Risiken – und damit über den späteren Wert der Vorsorge. Solche Grundsatzentscheidungen gehörten ins Gesetz und damit in das parlamentarische Verfahren.
SAFE schlägt deshalb eine Arbeitsteilung vor:
- Der Gesetzgeber legt die grundlegenden Ziele und Leitplanken fest – darunter die globale Diversifikation und die Aktienorientierung in der Ansparphase.
- Ein unabhängiger Expertenrat aus Wissenschaft und Praxis entwickelt die konkrete Anlagerichtlinie und überwacht ihre Umsetzung.
- Die Deutsche Bundesbank setzt die Strategie operativ und regelgebunden um.
Politische Einflussnahme auf einzelne Branchen, Länder oder Unternehmen soll vermieden werden. Die Frühstartrente müsse in erster Linie dem langfristigen Vermögensaufbau der Kinder dienen, nicht industriepolitischen Zielen.
Kein Heimvorteil auf Kosten der Diversifikation
Besonders kritisch sehen die Forscherinnen die Überlegung, mit der Frühstartrente auch den Kapitalbedarf junger Unternehmen zu berücksichtigen. Damit würde ein industriepolitisches Ziel in ein Altersvorsorgeprodukt aufgenommen, das eigentlich auf Vermögensaufbau und Kapitalmarkterfahrung ausgerichtet ist.
Auch eine politisch verordnete Bevorzugung deutscher oder europäischer Aktien lehnt SAFE ab. Die Einkommen, gesetzlichen Rentenansprüche und viele Vermögenswerte deutscher Haushalte hängen ohnehin stark von der Entwicklung der heimischen Wirtschaft ab. Ein global gestreutes Depot könne diesem Klumpenrisiko entgegenwirken. Eine nationale oder europäische Schwerpunktsetzung würde dagegen die Diversifikation einschränken und könnte die Renditeziele schwächen.
Automatischer Anschluss statt Vorsorgelücke
Der zweite große Schwachpunkt betrifft den Übergang ins Erwachsenenalter. Nach dem Regierungsentwurf muss das angesparte Kapital aktiv in ein individuelles Vorsorgeprodukt übertragen werden. Diese Möglichkeit ist zudem nur bis zur Vollendung des 35. Lebensjahres vorgesehen.
Gerade für diejenigen, die in der kollektiven Standardlösung verbleiben, könnte dadurch eine Lücke entstehen. Wer sich nicht rechtzeitig entscheidet, würde die Kapitalanlage möglicherweise unterbrechen – obwohl die Standardlösung gerade für Menschen gedacht ist, die keine aktive Anlageentscheidung treffen.
Die SAFE-Autorinnen schlagen deshalb einen automatischen Anschluss vor. Wer nicht selbst tätig wird, sollte ohne Antrag und ohne Frist in ein geeignetes weiteres Vorsorgeelement überführt werden. Als mögliche Lösung nennen sie eine gesetzliche Kapitalrente (derzeit vorgeschlagen von der Rentenkommission, das Arbeitsministerium arbeitet an einem Entwurf). So könnte der Vermögensaufbau ohne Unterbrechung weiterlaufen und der lange Anlagehorizont vollständig genutzt werden.
Fazit: Frühstartrente mit Fragezeichen
Die Frühstartrente könnte nach Einschätzung der SAFE-Forscherinnen mehr sein als ein staatlicher Zuschuss und sollte deshalb mit verständlichen Informationen und Bildungsangeboten verbunden werden – idealerweise als Bestandteil einer nationalen Finanzbildungsstrategie. Sie könnte so einer ganzen Generation erste Erfahrungen mit Kapitalmarktanlagen ermöglichen und die private Altersvorsorge auf eine breitere Basis stellen.
Dafür müsse die Politik aber zuerst drei Punkte sichern: eine global diversifizierte und kostengünstige Standardanlage, einen automatischen Anschluss im Erwachsenenalter und eine unabhängige Governance mit begleitender Finanzbildung.
Der Gesetzentwurf soll nach derzeitiger Planung am 1. Januar 2027 in Kraft treten. Bis dahin bleibt im parlamentarischen Verfahren insbesondere offen, wie die kollektive Standardlösung konkret investiert und institutionell kontrolliert wird.
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Häufige Fragen
Wie viel Geld gibt es bei der Frühstartrente?
Der Staat soll Kindern vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro gutschreiben. Über zwölf Jahre ergibt das insgesamt 1.440 Euro. Wie stark das Kapital bis zum Renteneintritt wächst, hängt von der Wertentwicklung der Anlage und den Kosten ab.
Wie soll das Geld der Frühstartrente angelegt werden?
Die SAFE-Forscherinnen empfehlen in der Ansparphase ein breit diversifiziertes, passives und möglichst kostengünstiges Aktienportfolio. Erst näher am Renteneintritt soll schrittweise in risikoärmere Anlagen umgeschichtet werden. Die konkrete Ausgestaltung ist politisch noch nicht abschließend festgelegt.
Was passiert, wenn Eltern kein Depot für ihr Kind eröffnen?
Dann soll eine kollektive Standardlösung greifen. SAFE fordert, dass diese Anlage transparent, global diversifiziert und unabhängig von politischen Einzelinteressen organisiert wird. Außerdem sollte das Kapital automatisch weitergeführt werden, wenn junge Erwachsene später keine eigene Vorsorgeentscheidung treffen.